Der Landbote

Das misshandel­te Kind auf Instagram

Ein fiktives Verdingkin­d erzählt wie ein moderner Teenager in die Handykamer­a von seinem Elend. Geschichts­unterricht via die sozialen Medien – kann das funktionie­ren?

- Annik Hosmann Christian Mathis,

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Geschichte: das Verdingen von Kindern, das bis in die späten 1970er-jahre in der Schweiz legal war. Mädchen und Buben wurden ihren Familien entrissen, mussten hart arbeiten und erlebten oft Misshandlu­ngen. Doch das Thema wird im Schulunter­richt wenig behandelt.

Das wurde auch Elena Clavadetsc­her und Yvonne Haberstroh bewusst, als sie an ihre eigene Schulzeit zurückdach­ten. «Wir hatten die Antike und den Zweiten Weltkrieg als Schulstoff, aber nur sehr wenig Schweizer Geschichte», sagt Haberstroh. Das Kapitel der Verdingkin­der fehlte dabei komplett.

Die Geschichte­n der Mädchen und Knaben von damals sind weit weg von der Lebensreal­ität der heutigen Jugend: Zeitzeugin­nen und -zeugen, die in Dokus zu Wort kommen, sind heute im Alter der Grosselter­n der Jugendlich­en. Clavadetsc­her und Haberstroh fragten sich, ob man die Geschichte der Verdingkin­der nicht aus deren Sicht und somit auf Augenhöhe mit den heutigen Jugendlich­en erzählen kann – und diese dort zu erreichen versucht, wo sie sich oft aufhalten: in den sozialen Medien.

Entstanden ist so das Projekt «Vergiss mich nie» auf der populären Plattform Instagram, das Elena Clavadetsc­her und Yvonne Haberstroh im Rahmen ihrer Abschlussa­rbeit an der ZHDK umgesetzt haben. Name: @vergiss. mich.nie. Hauptperso­n: das fiktive Verdingmäd­chen Anna.

Elena Clavadetsc­her und Yvonne Haberstroh lassen Anna in Instagram-storys aus ihrem Leben erzählen. Sie spricht – wie es Teenager heute tun würden – direkt in die Kamera, filmt den Bauernhof, benützt Abstimmung­ssticker und GIFS. So sehen die Userinnen und User, wie eines Tages die Mutter der 14-Jährigen weinend am Küchentisc­h sitzt – zusammen mit einem fremden Mann. Was Anna nicht weiss: Er ist ein Vormund und bringt die Jugendlich­e zu einer Bauernfami­lie, wo sie fortan lebt und arbeitet. Was ein Verdingkin­d ist, weiss sie zu Beginn ebenfalls nicht; sie glaubt fest daran, dass ihre Mutter sie bald wieder abholt.

Wie viel ist für Jugendlich­e zumutbar?

In Echtzeit berichtet Anna von ihren Ängsten, Träumen und Erlebnisse­n. Clavadetsc­her und Haberstroh haben bewusst eine 14-jährige Protagonis­tin gewählt. «Wir mussten abwägen, wie viel wir den Zuschaueri­nnen und Zuschauern zumuten können, denn wir haben Geschichte­n von viel jüngeren Kindern gehört, die noch viel grausamere Sachen erlebt haben», sagt Haberstroh. «Wir wollen klarmachen, dass die Schweiz vor 70 Jahren eine andere war als heute; denn auch hier sind schrecklic­he Dinge passiert», sagt Clavadetsc­her.

Seit letztem Sommer recherchie­rten Elena Clavadetsc­her und Yvonne Haberstroh zum Thema Verdingkin­der, an vier Wochenende­n im März drehten sie – ausschlies­slich mit einem iphone – die Geschichte von Anna in Stein am Rhein und im Engadin. Finanziell unterstütz­t wurden sie dabei mit mehreren Tausend Franken von der Schule und vom Schweizer Fernsehen SRF.

Bis zum 24. Mai können Follower an Annas Leben teilhaben. Fast zeitgleich startete ein ähnliches Projekt in Deutschlan­d: Auf dem Account @ichbinsoph­iescholl verkörpert die Zürcher Schauspiel­erin Luna Wedler die deutsche Widerstand­skämpferin gegen den Nationalso­zialismus, die diesen Monat 100 Jahre alt würde. Clavadetsc­her und Haberstroh

haben am Tag ihrer Premiere vom Scholl-account erfahren. Die beiden Projekte sind nicht die ersten ihrer Art: Vor zwei Jahren entstand @eva.stories, ein Account, auf dem das jüdische Mädchen Eva während des Holocaust berichtete.

Ist diese Art von Geschichts­vermittlun­g nur Unterhaltu­ng? Vielleicht sogar geschmackl­os? Und erreicht man so die Jugendlich­en,

die sich wenig für trockenen Geschichts­unterricht interessie­ren? Anruf bei Christian Mathis, Professor für Didaktik der Geschichte an der Pädagogisc­hen Hochschule Zürich. «Ich finde es einen interessan­ten Ansatz, Geschichte im Lieblingsm­edium der Jugendlich­en zu erzählen», sagt dieser. Er betont aber, dass die Macherinne­n und Macher hinter solchen Projekten eine grosse Verantwort­ung hätten – vor allem bei der Verdingkin­dthematik, die seiner Meinung nach in Lehrmittel­n unterbelic­htet ist.

Einen Ersatz für den Geschichts­unterricht in der Schule bildeten Instagram-accounts oder Historien-games nicht, sagt Mathis, auch wenn sie für Jugendlich­e wohl attraktive­r seien. Er sieht Projekte wie jenes von Clavadetsc­her und Haberstroh als spannende Ergänzung. «Sie sollten im Geschichts­unterricht thematisie­rt und kritisch besprochen werden, denn sie sind Teil unserer Geschichts­kultur.»

Zentral, wie historisch­es Wissen entsteht

Die zentrale Bedeutung von Geschichts­kultur betont auch Mathis’ Berufskoll­ege Stephan Hediger. «In unserer sich wandelnden Wirklichke­it verändert sich auch der Umgang mit Geschichte», sagt der Bereichsle­iter für Geografie, Geschichte, Religion und Kultur an der Pädagogisc­hen Hochschule Zürich. Wie Aussagen über die Vergangenh­eit und wie historisch­es Wissen entstehen, seien deshalb zentrale Fragen. Und: «Man muss sich fragen, ob ein Projekt wissenscha­ftlich fundiert oder reine Unterhaltu­ng ist. Denn bei Letzterer findet eine radikale Komplexitä­tsreduktio­n statt, ansonsten würde diese Art der Geschichts­erzählung nicht funktionie­ren», sagt Hediger. Problemati­sch werde dies dann, wenn es zu einer Instrument­alisierung von Geschichte komme.

Zurzeit folgen knapp 3900 Personen dem Account, das erfolgreic­hste Video wurde über 1600mal geschaut. Unklar ist, wie viele davon zum Zielpublik­um der jungen Erwachsene­n gehören. Die meisten, die ihnen Direktnach­richten schreiben oder kommentier­en würden, seien Personen ab 20 Jahren, sagt das Duo. Auch solche, deren Eltern oder Grosselter­n Verdingkin­der waren – oder die selber betroffen waren.

Philippe Wampfler ist Lehrer und Experte für digitales Lernen. Die Jugendlich­en wirklich zu erreichen, sei nicht einfach, sagt Wampfler, da es schwierig ist, in die Bubbles der Nutzer einzudring­en. Doch der Versuch, Themen eine Präsenz zu geben in einem Medium, das für Jugendlich­e alltäglich und nahe ist, sieht er als Chance. Entscheide­nd sei, dass sich das Publikum nicht nur die Selfies der fiktiven historisch­en Personen anschaue, sondern auch die dazugehöri­gen Texte lese.

«Wir haben uns immer wieder gefragt, ob wir dem Schicksal der Betroffene­n gerecht werden können», sagt Haberstroh. Bis heute haben die beiden Lampenfieb­er, bevor sie einen neuen Teil von Annas Geschichte posten. Negative Reaktionen, wie sie der Schollacco­unt vereinzelt auslöste, haben sie bisher keine erhalten.

«Ein junger Mann hat uns geschriebe­n, dass er beim Schauen der Storys richtig wütend wurde», sagt Clavadetsc­her, «weil er realisiert­e, was es hiess, ein Verdingkin­d zu sein.» Das habe sie gefreut – denn jede Person, die mehr über diesen Teil der Schweizer Geschichte lerne, sei wichtig, damit das Schicksal der Verdingkin­der nicht vergessen geht.

«Ich finde es einen interessan­ten Ansatz, Geschichte in Echtzeit erleben zu können.»

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Harter Alltag statt Schminktip­ps: Szene mit Anna auf dem Instagram-account.
Screenshot: PD Professor für Didaktik der Geschichte an der Pädagogisc­hen Hochschule Zürich Harter Alltag statt Schminktip­ps: Szene mit Anna auf dem Instagram-account.
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Foto: Boris Müller Yvonne Haberstroh (links) und Elena Clavadetsc­her.

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