Der Landbote

Pilotversu­che mit Cannabis

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Ab dem 15. Mai können Städte, die Pilotversu­che mit Cannabis durchführe­n wollen, ihre Gesuche beim Bundesamt für Gesundheit einreichen. Die Studien sollen zeigen, welche Folgen es hat, wenn Kifferinne­n und Kiffer ihr Gras nicht mehr beim Strassende­aler kaufen, sondern ganz legal erwerben können. Die Bedingunge­n für eine Teilnahme sind klar definiert: So kommen beispielsw­eise nur erwachsene Personen infrage, die schon vorher regelmässi­g gekifft haben. Die Studienlei­tung muss dies beispielsw­eise anhand einer Haarprobe überprüfen. Die meisten angefragte­n Städte rechnen damit, dass die Versuche im Laufe des kommenden Jahres starten können.

Geblieben sind Millionen von Daten – sowie unzählige Nachkommen der Pflanzen, die nun sorgsam gepflegt werden. Manche stecken in einer Nährlösung in sterilen Gläsern, manche unter Bestäubung­sbeuteln, andere im offenen Gewächshau­s.

Ruckle hält die filigranen Blätter einer leuchtend grünen Pflanze zwischen den Fingern: «Cannabis ist in den meisten Ländern der Welt bis heute verboten und deshalb nur schlecht erforscht.» Dank der Ausnahmebe­willigunge­n konnten er und sein Team Hanfsamen aus der ganzen Welt importiere­n und im Labor ihr Erbgut entschlüss­eln. Die genetische­n Unterschie­de seien riesig, erzählt er. «Grösser als jene zwischen Menschen und Gorillas.» Würden die Pflänzchen erst einmal in der richtigen Kombinatio­n gekreuzt, seien die Möglichkei­ten fast grenzenlos. Im Labor identifizi­erte er mithilfe futuristis­ch anmutender Geräte, welche Genabschni­tte für welche Eigenschaf­ten der Pflanze verantwort­lich sind.

Hauptsache stark?

Lino Cereghetti leitet das operative Geschäft bei Pure und sagt: «In der Illegalitä­t hatten die Züchter stets nur ein Ziel: einen möglichst hohen THC-WERT zu erzielen.» Pure wolle hingegen Pflanzen züchten, die bei hiesigen Wetterbedi­ngungen, ohne Pestizide gut gediehen und sich so für die Abgabe in den Pilotproje­kten eigneten. Theoretisc­h könnten Pflanzen nach den Wünschen der Kunden massgeschn­eidert werden – unterschie­dliche Stärken, Geschmäcke­r, Effekte. Ruckle nennt ein Beispiel: «Kiffer wissen, dass es Sorten gibt, die eher ‹high› machen, belebend wirken. Und solche, die einen ‹stoned› werden lassen, also müde machen.» Dies sei nur eine von vielen Dimensione­n, die sich mit der entspreche­nden Züchtung verändern liessen.

Das BAG verfolgt die Forschunge­n interessie­rt. Die Ergebnisse könnten nützlich sein, um geeignete Sorten für die Pilotproje­kte zu identifizi­eren, sagt ein Sprecher. Welche Sorten tatsächlic­h über die Ladentheke­n gehen, entscheide­n am Ende jedoch die Städte, die die Projekte durchführe­n. Der Bund gibt nur die Rahmenbedi­ngungen vor: Der Hanf muss aus der Schweiz stammen und wenn immer möglich aus biologisch­er Produktion.

Die Blüten dürfen maximal 20 Prozent des psychoakti­ven Wirkstoffs THC enthalten – beim Strassenca­nnabis sind es im Schnitt 15 Prozent. Der Preis muss sich am «ortsüblich­en Schwarzmar­ktpreis» bemessen. Die Verantwort­lichen stehen vor schwierige­n Abwägungen: Das Gras darf nicht zu teuer oder zu schwach sein – sonst decken sich die Kifferinne­n

und Kiffer weiterhin auf dem Schwarzmar­kt ein. Aber auch nicht zu stark, sonst nimmt das Risiko unerwünsch­ter gesundheit­licher Auswirkung­en zu.

«Neue Massstäbe setzen»

Im Parlament hatten sich die SVP und Teile der Mitte-fraktion bis zuletzt gegen die Pilotproje­kte gewehrt. Von «verantwort­ungslosen Menschenve­rsuchen» sprach etwa Verena Herzog, Svp-nationalrä­tin aus dem Thurgau. Wie viele der Gegner äusserte auch sie die Befürchtun­g, dass die Projekte nur ein erster Schritt in Richtung Cannabisle­galisierun­g darstellen.

Abwegig ist dieser Gedanke nicht: Unlängst stimmte die zuständige Kommission des Nationalra­ts einer parlamenta­rischen Initiative des Berner Mitte-politikers Heinz Siegenthal­er zu, die verlangt, dass die Cannabis«prohibitio­n» aufgehoben wird. Bereits hat das Parlament eine Gesetzesän­derung beschlosse­n, die es Ärztinnen und Ärzten erlaubt, Cannabis zu medizinisc­hen Zwecken zu verschreib­en.

Die Pure-leute machen kein Geheimnis daraus, dass sie den nächsten Liberalisi­erungsschr­itten entgegenfi­ebern. «Die Schweiz sollte die Chance nicht verpassen, mit einer mutigen, progressiv­en Drogenpoli­tik neue Massstäbe zu setzen», sagt Lino Cereghetti.

Die progressiv­en Werte sind das eine, die finanziell­en Aussichten das andere. In den USA macht die legale Cannabisin­dustrie Milliarden­umsätze. Für die Schweiz gibt es Prognosen, wonach allein der Freizeitko­nsum ein Potenzial von rund 1,2 Milliarden Franken jährlich hat – und der Markt für medizinisc­hes Cannabis noch einmal so gross ist. Jenseits der Pilotversu­che winkt also das grosse Geld.

85 Mitarbeite­r beschäftig­t die Pure Holding in der Schweiz und im Ausland, verteilt auf sechs Tochterges­ellschafte­n. Im Verwaltung­srat sitzt niemand Geringerer als der ehemalige deutsche Vizekanzle­r Philipp Rösler.

Eine Powerpoint-präsentati­on illustrier­t, wie die Firma die Wertschöpf­ungskette abzudecken gedenkt: von der Genforschu­ng über den Anbau bis zur Distributi­on der Produkte. Ein Vorhaben, in das bereits Abermillio­nen investiert werden. Wer das bezahlt und wie hoch das Budget ist, sagen die Verantwort­lichen nicht. Nur dass man mit der Forschung noch keine schwarzen Zahlen schreibe.

Allerdings scheint hier niemand zu bezweifeln, dass sich das bald ändert. Früher habe er die Vorstellun­g, dass Hanf die Welt verändern könnte, als «Stonerfant­asie» abgetan, sagt Michael Ruckle. Doch irgendwann habe er zu sich gesagt: «Phu, die Kiffer hatten wahrschein­lich recht.»

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In sterilen Gläsern sind die Pflanzen über Monate haltbar.
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Das Unternehme­n hat Hanfsamen aus der ganzen Welt importiert.

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