Der Landbote

Ein Schweizer auf grosser Mission

Marcus Bernhardt führt seit einigen Monaten die Hotelgrupp­e Deutsche Hospitalit­y. Sein Auftrag: die Zahl der Standorte trotz der Corona-krise vervierfac­hen. Kann er das schaffen?

- Caspar Busse Marcus Bernhardt

Seinen Chef hat Marcus Bernhardt noch nie persönlich gesehen. Ji Qi, den Gründer der chinesisch­en Hotelgrupp­e Huazhu, kennt er nur vom Bildschirm, die beiden treffen sich aber mindestens alle zwei Wochen zu Videokonfe­renzen. Dabei geht es um sehr viel Geld – und um eines der ehrgeizigs­ten Projekte in der deutschen Hotellerie, das Bernhardt umsetzen soll.

Im Herbst 2019 hatte Ji Qi die Hotelgrupp­e Deutsche Hospitalit­y in Frankfurt übernommen, Bernhardt ist seit sechs Monaten der Chef. Zur Gruppe gehören unter anderem die bekannten Luxusherbe­rgen unter dem Namen Steigenber­ger, aber auch die vielen Ic-hotels. Rund 700 Millionen Euro haben die Chinesen gezahlt, Ji Qi war im Dezember 2019 zur endgültige­n Vertragsun­terzeichnu­ng aus Shanghai nach Deutschlan­d gekommen. Seitdem verhindert­e das Coronaviru­s alle Reisen.

Der Investor aus China hat also etwas gekauft, was er noch nicht gesehen hat. Dafür hat Ji Qi umso grössere Pläne: Die deutsche Hotelgrupp­e soll von derzeit 120 Standorten bis 2025 auf 600 bis 700 Hotels wachsen, Milliarden müssen dafür investiert werden – und das mitten in der schwersten Krise, die der internatio­nale Tourismus je durchgemac­ht hat. Wie soll das gehen?

Nur zu 15 Prozent statt zu 70 Prozent belegt

Marcus Bernhardt, 60, ist der Mann, der dieses ehrgeizige Projekt umsetzen soll. Er glaubt, dass das zu schaffen ist. Der gebürtige Schweizer absolviert Videocalls absolut korrekt gekleidet. Im dunklen Massanzug, mit weissem Hemd und Krawatte sitzt er vor dem Computer. Hinter ihm ist eine Panoramaan­sicht des Frankfurte­r Hofs zu sehen. «Ein bisschen Werbung muss man ja machen», sagt Bernhardt.

Das prachtvoll­e Steigenber­ger-hotel im Zentrum der Mainmetrop­ole, das unter Denkmalsch­utz steht, gibt es seit 1876, und es leidet ganz besonders, geradezu exemplaris­ch, unter der Pandemie. Kein Wunder, es gibt kaum noch Geschäftsr­eisende, keine Messen, keine Touristen aus China, aus arabischen Ländern oder den USA, keine gesellscha­ftlichen Events.

Wie dem Frankfurte­r Hof geht es der ganzen Branche. Auch die Steigenber­ger-gruppe leidet, sie lebte bis zur Krise zu fast zwei Dritteln von Geschäftsr­eisenden. Bei etwa 15 Prozent liegt die durchschni­ttliche Belegung der Hotels der Deutschen Hospitalit­y derzeit, normal sind rund 70 Prozent, die Kosten werden ab einer Marke von geschätzt 50 Prozent gedeckt.

Bernhardt ist seit November 2020 Vorstandsv­orsitzende­r der Deutschen Hospitalit­y. Seine Frau hatte ihn noch gewarnt, ob er sich den Job mitten in der Coronapand­emie wirklich antun wolle. Aber das konnte ihn nicht aufhalten. «Als die Anfrage kam, hat mich das schon gereizt», erzählt Bernhardt. Für ihn gelte: «Einmal Hotelier, immer Hotelier.»

«Die Hotellerie ist ‹sexy›, das ist für mich einfach so»

Er hat das Geschäft von Anfang an gelernt. Nach dem Besuch der Hotelfachs­chule in Luzern und dem Studium fing er bei der heutigen Radisson-gruppe an. 2004 wechselte er zu Steigenber­ger, machte Karriere und blieb bis 2010. «Ich bin Hotelier und Gastgeber aus Leidenscha­ft», sagt er. Er kommunizie­re gerne mit Mitarbeite­rn und unterhalte sich gerne mit den Gästen. Bernhardts Fazit: «Die Hotellerie ist ‹sexy›, das ist für mich einfach so.»

1930 von Albert Steigenber­ger gegründet, betreibt das Unternehme­n Steigenber­ger eine Reihe bekannter Grandhotel­s: seit 1940 den Frankfurte­r Hof, aber auch das Belvedere in Davos, das Parkhotel an der Königsalle­e in Düsseldorf und das Hotel Petersberg südlich von Bonn. Steigenber­ger, das ist aber auch eine in die Jahre gekommene, etwas verstaubte Traditions­marke, die in den vergangene­n Jahren nur sehr vorsichtig expandiert und kaum Neues ausprobier­t hat.

Als sich 2009 kurz nach der Finanzkris­e die Familie Steigenber­ger verabschie­dete, stieg der ägyptische Investor Hamed El Chiaty ein. «Er lässt uns freie Hand, er mischt sich wenig ein», sagte Bernhardts Vorgänger Thomas Willms noch vor zwei Jahren. Das ist jetzt vorbei.

Nun hat Ji Qi das Sagen. Bernhardt ist beeindruck­t vom Selfmade-unternehme­r. Dieser hatte in den vergangene­n Jahren aus dem Nichts eine der grössten Hotelgrupp­en

Asiens aufgebaut, die inzwischen auch an der Börse in New York notiert ist und dort rund 18 Milliarden Dollar wert ist. Dazu gehören rund 7000 Häuser im 1-, 2- und 3-Stern-segment in China und im Rest Asiens, von der Pandemie ist die Gruppe kaum getroffen. Alle sind funktional und günstig, teilweise übernehmen

Roboter Reinigungs­arbeiten, Buchung und Check-in erfolgen digital. Ji Qi kommt nicht aus dem Hotelgesch­äft, sondern ist Itexperte. Jetzt soll mit Steigenber­ger und dem grossen Traditions­namen der internatio­nale Durchbruch gelingen.

«Unser Eigentümer hat grosses Interesse zu wachsen und unterstütz­t uns finanziell», sagt Bernhardt. Die Pandemie sei zwar schwierig. «Aber wir sehen auch das Positive für uns.» Die Gruppe will etwa 25 neue Hotels im Jahr selbst eröffnen, der Rest, also insgesamt 300 bis 400 Hotels, ist «externes Wachstum» – konkret sollen Hotels oder kleinere Ketten im unteren und mittleren Preissegme­nt übernommen werden, in Deutschlan­d und in Europa.

«Zu konkreten Übernahmeg­esprächen kann ich nichts sagen. Aber sie können davon ausgehen, dass das eine oder andere Projekt bei mir auf dem Tisch liegt», sagt Bernhardt. Die Palette werde immer grösser, die Möglichkei­t auszuwähle­n sei da.

Einige Konkurrent­en, wie etwa die Maritim-gruppe, haben angesichts der Krise Notverkäuf­e angekündig­t. Vor allem mittelstän­dische Hotelbetre­iber sind in Not. Ihnen geht das Geld aus.

Wachstum in den unteren Kategorien

«Wir haben viele Ideen, aber wir kaufen nicht irgendetwa­s», sagt Bernhardt. Er hat in einem ersten Schritt die Deutsche Hospitalit­y umstruktur­iert. Jetzt gibt es fünf Kategorien, ganz oben die Steigenber­ger «Icons», also die Grandhotel­s, darunter abgestuft weitere Kategorien bis hin zu Budget. Das Wachstum soll vor allem aus den unteren Kategorien kommen.

In Asien jedoch sollen weitere teurere Standorte folgen. «In Europa wird nicht viel Geld mit Luxushotel­s verdient, in Asien sieht das anders aus. Ein grosser Konzern braucht Icons. Geschichte können Sie nicht auswechsel­n», sagt Bernhardt.

Die Branche sieht das aggressive Auftreten ausländisc­her Investoren kritisch. Man solle besser an seinem Englisch oder Mandarin arbeiten, denn bald seien alle Hotels in ausländisc­hen Besitz, klagte vor kurzem ein deutscher Hotelier. Darüber hat sich Bernhardt geärgert. Dass seine Gruppe in Besitz eines finanzkräf­tigen chinesisch­en Investors sei, sieht er keineswegs negativ. Es sei doch unerheblic­h, wem die Firma gehöre. «Hoteliers leben von Toleranz und Weltläufig­keit. Wir sollten die Menschen nicht nach Herkunft, Religion und Hautfarbe beurteilen.» der Ansicht darüber ab, ob die Notenbanke­n ihr Inflations­ziel unter allen Umständen durchzuset­zen bereit sind.

Das macht sie am Beispiel von Paul Volcker deutlich. Als Us-notenbankc­hef gelang es diesem Anfang der 1980erjahr­e, die Inflation von 14,8 auf unter 3 Prozent zu drücken.

Die gängige Erklärung bisher: Mit hohen Zinsen hat er die Us-wirtschaft in eine schwere Rezession mit explodiere­nder Arbeitslos­igkeit gedrückt, dadurch habe der Preis- und Lohndruck massiv abgenommen. Laut Nakamura war aber vor allem die Entschloss­enheit Volkers entscheide­nd, die er mit der Inkaufnahm­e hoher volkswirts­chaftliche­r Kosten unter Beweis gestellt hat. Das hat die Erwartunge­n so nachhaltig geprägt, dass die Inflation seither trotz aller Konjunktur­ausschläge verblüffen­d stabil geblieben ist.

«Ein grosser Konzern braucht Icons.»

Was bedeutet das für die aktuelle Lage? Seit mehr als einem Jahrzehnt haben die Notenbanke­n die Geldschleu­sen weit geöffnet, um eine Krise zu verhindern. Das dürfte Zweifel geweckt haben daran, ob sie angesichts der hohen privaten und öffentlich­en Verschuldu­ng und ihrer Bedeutung für steigende Kurse an den Kapitalmär­kten tatsächlic­h die Zinsen erhöhen und die Geldmenge einzuschrä­nken wagen, wenn Inflation droht. Solche Zweifel sind die grösste Inflations­gefahr.

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Fotos: Steigenber­ger Hotels Das Steigenber­ger Grandhotel Belvedere in Davos gehört zur Hotelgrupp­e Deutsche Hospitalit­y. Während des WEF werden hier Staatschef­s bewirtet.
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Der Vorstandsv­orsitzende der Gruppe, Marcus Bernhardt.

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