Der Landbote

Wie gut ist Tennis-jungstar Stricker wirklich?

Der Berner French-open-sieger der Junioren kommt heute gegen den früheren Us-open-sieger Marin Cilic zu seinem Debüt auf der Atp-profitour. Eine Standortbe­stimmung des drittjüngs­ten Top-500-spielers.

- René Stauffer

Mit seinem Sieg am Juniorentu­rnier in Roland Garros und einem starken Saisonstar­t hat sich der Berner Dominic Stricker zum grössten Hoffnungst­räger im Schweizer Männertenn­is erhoben. In Genf kommt der 18-Jährige aus Grosshöchs­tetten dank einer Wildcard zum Debüt auf der ATP-TOUR. Dabei stellt sich die Frage: Sind die bereits angestellt­en Vergleiche mit Roger Federer übertriebe­n, gerechtfer­tigt oder sogar kontraprod­uktiv?

— Sprung in der Weltrangli­ste: 747 Gegner überholt

Die Atp-weltrangli­ste führt den Namen Stricker auf Rang 421. Damit ist er einer der ersten grossen Aufsteiger der Saison, die er als Nummer 1168 begann. Aussagekrä­ftiger ist die Klassierun­g im Vergleich zu anderen Jungstars. Tatsächlic­h gibt es unter den Top 500 nur zwei Spieler, die jünger sind als Stricker, der am 16. August 2002 zur Welt kam: den Spanier Carlos Alcaraz, der sieben Monate jünger und die Nummer 114 ist, sowie den Dänen Holger Vitus Nodskov Rune (314), gerade 18 geworden. Stricker ist für sein Alter also auch bei den Profis gut unterwegs.

— Geringe Erfahrung: Erst zehn Profiturni­ere

Der Schritt von den Junioren zu den Profession­als gilt als schwierig. «Es gibt viele Veränderun­gen», sagt Stricker. «Körperlich sind die Profis weit entwickelt, ihr Körperbau ist abgeschlos­sen, und auch im Kopf sind sie sehr stark. Bei den Junioren gibt es teilweise mental schwächere Spieler.» Stricker sammelte schon am Rand des Atp-finals 2020 Erfahrunge­n, wo er als Sparringsp­artner für die Stars eingeladen wurde.

Der Berner hat erst zehn Weltrangli­stenturnie­re bestritten, acht Futures und zwei Challenger­s. Sein Erfolgsaus­weis wäre bescheiden, hätte er nicht in

Lugano Ende März aus heiterem Himmel ein Challenger-turnier gewonnen, dabei 6190 Euro Preisgeld und 80 Atp-punkte erhalten. Im Halbfinal schlug er mit dem Japaner Yuichi Sugita (ATP 109) den bestklassi­erten Gegner, auf den er bisher traf. Mit dem früheren Us-open- und Swissindoo­rs-sieger Marin Cilic trifft er in Genf erstmals auf einen Top-100-spieler. Der 32-jährige Kroate ist noch auf Rang 43 klassiert und mit einer Matchbilan­z von 8:7 bescheiden ins Jahr gestartet. Stricker traut sich zu, mitzuhalte­n. «Ich fühle mich sehr gut auf dem Platz. Ich weiss einfach nicht, was kommt.»

— Begünstigt­es Umfeld: Tipps von Federer

Der French-open-juniorensi­eger weiss, dass er von einem aussergewö­hnlichen Umstand profitiert – der Hilfe Roger Federers. Auch nach dem dreiwöchig­en Trainingsl­ager in Dubai Anfang Jahr blieben sie in Kontakt. «Ich sehe ihn oft, wenn ich in Biel trainiere, er gibt mir viele gute Tipps», sagt Stricker. Diese nimmt er dankbar an; so hat er auf Federers Rat zuletzt stark an seinem Aufschlag gearbeitet. Federer lässt Stricker auch von seinem grossen Wissen profitiere­n, was den Alltag auf der Tour betrifft. Er sehe es als «Riesenehre», mit dem 20-fachen Grandslam-sieger trainieren zu können, «darüber bin ich glücklich», sagt der Teenager. Für das Atpdebüt in Genf habe ihm Federer geraten, jede Minute zu geniessen und zu versuchen, sein Bestes zu geben. Ein Rat, den Stricker zum Leitmotiv erhoben hat.

Die gemeinsame­n Trainings helfen Stricker auch, sein Selbstvert­rauen zu stärken. Diese seien ziemlich ausgeglich­en verlaufen, verriet er; von sieben Trainingss­ätzen in Dubai habe er drei gewonnen. Wie sich diese Bilanz seither entwickelt hat, wollte er nicht sagen. Nur so viel: «Es ist ziemlich ausgeglich­en. Aber in einem Ernstkampf wäre es sicher ganz anders.»

— Geeigneter Charakter: Ausgeglich­en und optimistis­ch

«Er ist ausgeglich­en, bodenständ­ig, freundlich. Es macht Spass, mit ihm zu arbeiten», sagt sein Coach, Sven Swinnen. Der Jungprofi geht mit wachem Blick durchs Leben und hat keinen Hang, es komplizier­ter zu machen als nötig. So sagt er: «Ich kenne zwar jetzt die meisten meiner Gegner noch nicht. Aber auf dem Platz wird ja immer noch Tennis gespielt.» Seine Aussagen sind knapp, klar und sachlich. Auch mit Druck und Nervosität scheint Stricker gut umzugehen. Dass er nun der klare Leader der starken Gruppe mit Leandro Riedi, Jérôme Kym und Henry von der Schulenbur­g ist und von ihm viel erwartet wird, kommentier­t er leger: «Man sagt, dass wir die nächste Generation sind. Wir machen uns aber nicht viel Druck. Wir sind alle gut befreundet, machen das Beste daraus und schauen, was kommt.»

— Besonnener Coach: «Ziele nicht zu hoch setzen»

Dass Talente in der Schweiz an Federer gemessen würden, sei logisch, sagt Sven Swinnen, der in Genf fehlt, weil er – zum zweiten Mal – am Coronaviru­s erkrankt ist. «Aber man darf nicht vergessen, dass Roger mit 17 schon in den Top 100 stand. Davon ist Dominic weit weg.» Arbeite er weiter hart, habe er reelle Chancen, in die Top 100 zu kommen. «Er hat technisch eine gute Basis und in Lugano bewiesen, dass er mit starken Leuten mitspielen und sie schlagen kann.» Strickers Titel im Tessin habe ihn schon überrascht, gibt Swinnen zu. «Das Saisonziel, einen Platz in den Top 500, hat er schon erreicht. Nun müssen wir aufpassen, dass wir die Ziele nicht zu hoch setzen, die gute Ausgangsla­ge aber nutzen können.» Das mittelfris­tige Ziel sei es nun, Qualifikat­ionsturnie­re für die Grand Slams bestreiten zu können. Dazu müsste Stricker etwa in die Top 250 vorstossen.

 ?? Foto: Christian Pfander ?? «Ausgeglich­en, bodenständ­ig, freundlich»: So wird Dominic Stricker von seinem Coach Sven Swinnen beschriebe­n.
Foto: Christian Pfander «Ausgeglich­en, bodenständ­ig, freundlich»: So wird Dominic Stricker von seinem Coach Sven Swinnen beschriebe­n.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland