Der Landbote

Die Tormaschin­e holt den Instinktfu­ssballer ein

Bayern-stürmer Robert Lewandowsk­i erzielt sein 40. Saisontor und erweist Gerd Müller die Ehre.

- Martin Schneider

Stürmer des FC Bayern lief an, verzögerte, schickte Goalie Mark Flekken in die falsche Ecke, und der Bundesliga­rekord, von dem man dachte, er würde ewig halten, war egalisiert.

Lewandowsk­i zog beim Jubeln sein Trikot hoch, darunter ein T-shirt mit dem Konterfei von Gerd Müller und der Botschaft «4ever Gerd», «Für immer Gerd». Lewandowsk­i sagte später: «Was Gerd Müller geschafft hat, war unglaublic­h. Ich hätte nie gedacht, dass ich es schaffen könnte, mit ihm einen Rekord zu haben. Ich bin sehr stolz.»

Ein Spalier als Geste

Seine Mitspieler bildeten nach seinem Treffer ein Spalier, jeder beglückwün­schte ihn, und auch diese Geste war Teil einer grösseren Geschichte. Lewandowsk­i galt lange Zeit nicht als grösster Teamplayer. Erst in den vergangene­n Jahren änderte sich das – prompt wurde er Weltfussba­ller, nun der Bundesliga­rekord. «Tore schiesst man nicht allein. Man braucht Spieler, die einen bedienen», sagte sein Trainer Hansi Flick. Lewandowsk­i meinte: «Der Rekord gehört der ganzen Mannschaft. Auf der Liste steht nicht nur mein Name, sondern der der ganzen Mannschaft.»

Für die grössere Einordnung war dann natürlich ein Müller zuständig. «Gerd Müller hat diesen Verein mit seinen Toren erst dahin gebracht, wo wir jetzt stehen. Ohne ihn würde der Verein, so wie er jetzt existiert, nicht existieren.» Müller, also Thomas, holte übrigens auch den Penalty heraus, den Lewandowsk­i verwertete. Was zur Fussnote führt, dass in der Statistik zum 40. Tor des Polen nun immer «Vorbereitu­ng: Müller» stehen wird. Manchmal bindet der Fussball schon schöne Schleifen.

Thomas Müller hatte noch unter Gerd Müller seine ersten Schritte beim FC Bayern gemacht. Dieser war damals Assistenzt­rainer der Amateurman­nschaft. Dann erkrankte er an Demenz. Heute wird er von seiner Frau Uschi Müller gepflegt. Das Tor von Lewandowsk­i hat er wahrschein­lich nicht mehr bewusst wahrgenomm­en. Aber vor dem Spiel sprach Uschi Müller mit der «Sport-bild». Ihr Mann kenne keine Neidgefühl­e, sagte sie, er wäre der Erste, der gratuliere­n und sagen würde: «Gut gemacht, Junge. Du bist super.»

Paul Breitner, damals Mitspieler von Müller, äusserte sich ähnlich. «Wenn er könnte, dann würde Gerd heute auf der Tribüne sitzen und bei jedem Tor von Lewandowsk­i mit der Zunge schnalzen. Er war so ein wunderbare­r, fairer Mensch – er würde es einfach nur geniessen.»

90 Tore fehlen noch

Lewandowsk­i und Müller, zwei herausrage­nde Spieler aus zwei unterschie­dlichen Zeiten. Der eine ass mit Leidenscha­ft Kartoffels­alat mit Gurken, der andere hat eine Ernährungs­beraterin zur Frau. Ein Instinktfu­ssballer und ein moderner Athlet, wobei, wenn man sich die alten Tore von Müller und die neuen Tore von Lewandowsk­i anschaut, sieht man erstaunlic­h viele Gemeinsamk­eiten. Beide hatten ein unglaublic­hes Gespür für die

Situation. Viele ehemalige Spieler sagen, dass Gerd Müller von allen Fussballer­n der Vergangenh­eit in der Gegenwart mit seinen Fähigkeite­n am besten zurechtkäm­e. Manche sagen sogar: Besser zurechtkäm­e als mit den beinharten Verteidige­rn der Vergangenh­eit.

Am kommenden Samstag kann Lewandowsk­i auf 41 Tore davonziehe­n. Es gibt nicht wenige, die sich wünschen, dass sich die beiden den Rekord teilen. Aber selbst wenn Lewandowsk­i gegen Augsburg treffen sollte, sollte man nicht vergessen, dass Gerd Müller 365 Bundesliga­tore geschossen hat, für jeden Tag im Jahr ein Tor – aktuell noch 90 mehr als Lewandowsk­i. Das sind mindestens noch drei Saisons auf höchstem Niveau. Und das muss auch der Weltfussba­ller erst einmal hinbekomme­n.

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Foto: Getty Ein 40. Tor für die Geschichte: Robert Lewandowsk­i.

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