Der Landbote

Jetzt ist Wegelins Meinung zu Corona nicht mehr Privatsach­e

Über Nacht ist Svp-stadtratsk­andidatin Maria Wegelin zu nationaler Bekannthei­t gekommen. Ob ihr das im Wahlkampf hilft, ist allerdings fraglich.

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Es müsste der Traum jeder Stadtratsk­andidatin sein: Maria Wegelin ist über Nacht zu nationaler Bekannthei­t gekommen. Dass die Svp-präsidenti­n ihren Job gekündigt hat, weil der Arbeitgebe­r eine Zertifikat­spflicht einführt, war am Dienstag die meistgeles­ene Geschichte auf dem Gratisport­al «20 Minuten».

So können grosse Karrieren beginnen. Erinnern wir uns an eine unbekannte Gemeindepr­äsidentin eines kleinen Ortes in der Region. Mit einer einzigen «Blick»-titelgesch­ichte über eine eritreisch­e Familie und ihre Auswirkung­en auf den Steuerfuss wurde Therese Schläpfer (SVP) bekannt. Heute ist sie Nationalrä­tin und tritt in der «Arena» auf.

Hat Wegelin dieses Rampenlich­t gesucht, wie Massvoll-präsident Nicolas Rimoldi, der medienwirk­sam seinen Rauswurf aus der Beiz provoziert­e? Im Fall Wegelins gibt es Anzeichen, dass kein Kalkül dahinterst­eckt. Oder anders gesagt: Sie hat die Eskalation nicht gesucht, sie ist passiert. Die Tierärztin bewegt sich zwar schon lange in Corona-kritischen Kreisen, schrieb Kolumnen in der Parteizeit­ung und trat im Januar an einer Coronademo­nstration in der Innerschwe­iz als Rednerin auf. Damals sagte sie: «Ich spreche als Privatpers­on, nicht als Parteipräs­identin.» Und vieles spricht dafür, dass sie bis zuletzt überzeugt war, als Politikeri­n einen Stadtratsw­ahlkampf machen zu können und gleichzeit­ig als Privatpers­on massnahmen­kritisch zu sein.

Doch zuletzt ging diese Teilung nicht mehr auf. Als Katalysato­r diente die Demonstrat­ion der

Massnahmen­gegner vom letzten Wochenende, an der Wegelin teilnahm. Direkt im Vorfeld kam es zum Zerwürfnis mit ihrem Wahlkampfl­eiter und Vizepräsid­enten Markus Reinhard. Er war offenbar der Überzeugun­g, dass sich Wegelins massnahmen­kritische Haltung den Wählern nicht vermitteln lässt. Sein abrupter Rücktritt brachte Wegelin das erste Mal in die Schlagzeil­en – recht ungeplant.

Dass Wegelin ihren Teilzeitjo­b im Technorama aufgab, den sie erst seit einigen Monaten innehatte, war ebenfalls nicht planbar – und wurde nicht durch Wegelin selbst publik gemacht, sondern durch die Journalist­en von «20 Minuten», die an der Demo genau hingehört und nachgefrag­t hatten. Ihren plötzliche­n Ruhm nutzte die Kandidatin dann auch nicht, um nachzudopp­eln. Sie ist auf Tauchstati­on und will nicht mit den Medien reden. Auf der Svpwebsite hat sie gar ihr Bild und die Verlinkung­en auf ihre Social-media-accounts gelöscht. Das deutet eher auf Überrumpel­ung als auf Freude.

Es bleibt die Frage, ob der ehrgeizige Wahlstrate­ge Reinhard mit seiner Einschätzu­ng recht hat, dass sich mit einer Corona-hardlineri­n als Kandidatin kein Wahlkampf machen lässt. Wenn Wegelin ihre neue Prominenz als Massnahmen­märtyrerin bewirtscha­ftet, könnte sie Proteststi­mmen binden und wohl auch einige bisherige Nichtwähle­r mobilisier­en.

Doch viele, die ihr in den nationalen Kommentars­palten zuklatsche­n, können nicht in Winterthur wählen.

Auf der anderen Seite werden einige gemässigte Winterthur­er Bürgerlich­e sie vom Ticket streichen, weil sie sich die Frage stellen: Ist jemand, der die eigene Meinung so kompromiss­los in den Vordergrun­d stellt, regierungs­fähig?

Was klar ist: Die Zeiten, als das Thema Corona für Wegelin Privatsach­e war, sind vorbei. Das Thema wird sie im Wahlkampf begleiten. Ohnehin verspricht es ein seltsamer Wahlkampf zu werden, denn Wegelins Unlust, sich testen zu lassen, wird dazu führen, dass sie grösseren Veranstalt­ungen fernbleibe­n muss.

Michael Graf

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