Der Landbote

Schuldig der Tierquäler­ei – mit mehreren grossen «Abers»

Auch das «inspiriere­nde Plädoyer» nützte nichts: Ein Landwirt ist schuldig, weil sich ein Reh in seinem Zaun verheddert hat.

- Eva Wanner

«Ich bin sprachlos und kann nicht fassen, was mit mir passiert.» Das war das Schlusswor­t des Beschuldig­ten noch vor dem Schuldspru­ch. Dieses verstärkte seine Gefühle noch zusätzlich, und auch seine Verteidige­rin äusserte sich ungläubig. Zur Fassungslo­sigkeit trug bei, dass sich der Fall bereits fünf Jahre hingezogen hatte.

Der Verteidige­r war keiner

Er hatte 2016 einen mobilen Weidezaun aufgestell­t, um die Triebe seiner Himbeerpfl­anzen vor Wildfrass zu schützen. Sie seien eine «Delikatess­e» für Rehe, sagte er am Donnerstag­morgen am Bezirksger­icht Andelfinge­n. Prompt wollte sich offenbar eines der Tiere an der Kultur zu schaffen machen und verheddert­e sich im Zaun. Laut Anklagesch­rift habe das Reh «sich während einer nicht genauer bestimmbar­en

Zeitdauer, mindestens indes während circa 20 Minuten bis zum Eintreffen des Revierobma­nns, schwer atmend und laut klagend erfolglos zu befreien versucht». Der Obmann habe das Tier nicht befreien können, es erschossen – und den Landwirt angezeigt. 2018 hat das Bezirksger­icht Andelfinge­n den Weinländer wegen fahrlässig­er Tierquäler­ei verurteilt. Es folgte dem Antrag der Staatsanwa­ltschaft: eine auf zwei Jahre bedingte Geldstrafe von 10 Tagessätze­n à 70 Franken (700 Franken) und eine Busse von 300

Franken. Der Beschuldig­te war damit nicht einverstan­den und legte Berufung ein.

Ganze zwei Jahre dauerte es, bis die schriftlic­he Urteilsbeg­ründung vorlag. Eine «derart lange Zeit» sei «unvertretb­ar», konstatier­te seine Anwältin – die auch wirklich eine ist. Bei seiner ersten Verhandlun­g in Andelfinge­n wurde er durch einen Juristen vertreten, der aber kein Anwaltspat­ent hatte und vor Gericht gar nicht hätte auftreten dürfen. Festgestel­lt hat dies nicht das Bezirksger­icht Andelfinge­n, sondern das Obergerich­t, als es die Berufung prüfte. Das Urteil wurde aufgehoben; der Landwirt musste erneut in Andelfinge­n erscheinen.

Verfahren einstellen

Mehrfach sagte er auf die Fragen des Einzelrich­ters, das alles sei schon in den Akten nachzulese­n. «Das sind Fragen, die ich schon zwei, drei Mal beantworte­n musste», sagte er. Die letzten fünf Jahre haben dem Mann offensicht­lich zu schaffen gemacht.

Viel zu sagen hatte die Verteidige­rin. Sie nahm die Anklagesch­rift regelrecht auseinande­r und stellte das gesamte Verfahren infrage. Die Anklagesch­rift biete eine «Auswahl an möglichen Tatbeständ­en». Was denn nun das Problem sei? Dass der Beschuldig­te einen solchen Zaun aufgestell­t habe – was per se nicht strafbar sei und was selbst verschiede­ne Fachleute inklusive Tierschutz­organisati­onen zu diesem Zeitpunkt empfohlen hätten? «Natürlich kann sich ein Reh in einem Zaun verfangen. Das wüsste aber auch meine siebenjähr­ige Tochter», sagte sie. Sie liess das Argument nicht gelten; denn auch jedes Mal, wenn jemand in ein Auto steige, könne er ein Reh überfahren. Ihr Mandant sei freizuspre­chen oder das Verfahren einzustell­en. Sie habe ein «inspiriere­ndes Plädoyer» gehalten, sagte der Einzelrich­ter. «Genützt hat es aber nichts.» Die Geldstrafe wird zwar halbiert auf 5 Tagessätze à 70 Franken (350 Franken) bei zwei Jahren Probezeit und die Busse gleich ganz weggelasse­n. Schuldig gesprochen wurde der Mann dennoch, wenn auch wegen eines geringen Verschulde­ns.

Ein geringes Verschulde­n

Das Tierschutz­gesetz gehe «cheibe wiit», sagte der Einzelrich­ter. Dort heisst es, bestraft wird, wer «ein Tier misshandel­t, vernachläs­sigt, es unnötig überanstre­ngt oder dessen Würde in anderer Weise missachtet». Er fügte an: «Es geht hier nicht um ein Kapitalver­brechen, wir gehen nicht davon aus, dass sie ein Tierliquäl­er sind. Sie haben sich aber dennoch schuldig gemacht.» Der beschuldig­te Landwirt will das Urteil weiterzieh­en.

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Foto: Madeleine Schoder Der Fall geht auf ein Ereignis von vor fünf Jahren zurück – und wurde nun schon zum zweiten Mal verhandelt.

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