Der Landbote

Nach folgenschw­erer Stuntfahrt: Obergerich­t bestraft nun auch Mitfahrer

Jugendlich­er Leichtsinn und viel Bier brachte drei junge Männer auf die Idee, eine Stuntszene zu filmen, die fatal endete. Erstinstan­zlich wurde nur der Fahrer bestraft, das Obergerich­t entschied anders.

- Andrea Thurnherr

Ein junger Mann liegt auf dem Dach eines fahrenden Autos und hält sich mit beiden Händen fest. Er wirkt angetrunke­n, jauchzt und klopft mehrmals mit einer Hand auf das Dach. Diese Szene ist in einem Video zu sehen, das am Donnerstag am Zürcher Obergerich­t gezeigt wurde. «Gib e chli Gas!», ist darin zu hören und: «Fahr schnell!»

Ein zweiter Beifahrer filmte die Szene und lehnte sich dafür mit Oberkörper und Gesäss aus dem Autofenste­r. Plötzlich verschwimm­t das Bild und ein dumpfes Geräusch ist zu hören. Das Auto hat sich überschlag­en.

Mitfahrer schwer verletzt

Das Ergebnis der Stuntfahrt, die sich vor fast drei Jahren bei Berg am Irchel ereignete: Totalschad­en und zwei Verletzte. Der zum Tatzeitpun­kt 19-jährige Kameramann schwebte in Lebensgefa­hr, erlitt unter anderem ein schweres Schädel-hirn-trauma,

das eine lebenslang­e Einschränk­ung des Sehvermöge­ns auslöste. Auf dem rechten Auge beträgt dieses nur noch rund 10 Prozent. Der gleichaltr­ige Mitfahrer, der sich auf dem Dach befand, erlitt Verletzung­en am Bein. Er sagt bei der Verhandlun­g: «Wenn ich das Video im nüchternen Zustand sehe, schäme ich mich.»

Auf Strafe verzichtet

Geplant soll die Fahrt nicht gewesen sein. Nach einem bierselige­n Fussballab­end vor dem TV hätten sie einen von ihnen nach Hause fahren wollen – sich dann aber für eine Spritzfahr­t entschiede­n. Auf einem Kiesplatz sei es zu einem ersten Stuntvideo gekommen. Mit dem Ergebnis waren sie scheinbar nicht zufrieden, denn die Aktion wurde wiederholt und endete fatal. «Wir haben das Video gemacht, um es selbst anzuschaue­n. Nicht um damit auf Youtube Anerkennun­g zu bekommen», sagt einer der Beschuldig­ten.

Die drei jungen Herren, zwei studieren heute Jura, standen vor rund zwei Jahren vor dem Bezirksger­icht Andelfinge­n. Das Gericht verurteilt­e alle drei Beteiligte­n, bestrafte jedoch nur den Fahrer, der unverletzt geblieben war. Er wurde zu einer bedingten Freiheitss­trafe von elf Monaten verurteilt.

Die Mitfahrer seien aufgrund ihrer Verletzung­en «schon bestraft genug» und mussten nur die Verfahrens­kosten bezahlen, entschied der Richter damals. Ihnen war vorgeworfe­n worden, den Fahrer zu dieser groben Verletzung der Verkehrsre­geln mit den Rufen angestifte­t zu haben. Ausserdem befanden sich beide nicht auf einem korrekten Sitzplatz und trugen keine Sicherheit­sgurte.

Während der Fahrer das Urteil akzeptiert­e, legten die beiden Mitfahrer und auch die

Staatsanwa­ltschaft Berufung ein. Letztere, weil sie einen Verzicht auf die Strafe für nicht gerechtfer­tigt hält.

Fahrer sei der Schuldige

Der Verteidige­r des Mitfahrers auf dem Dach argumentie­rte: «Der Fahrer hätte die Zurufe gar nicht hören können.» Bei hoher Geschwindi­gkeit und offenen Fenstern sei es dafür auf einem Kiesweg schlicht zu laut. Sein Mandant sei zudem nie im Auto gewesen, weshalb man ihm das Nichttrage­n des Sicherheit­sgurtes nicht vorwerfen könne. Er hält an der Schuld des Fahrers fest: «Nur er hätte die Geschwindi­gkeit und die Fahrweise anpassen können.»

Der Verteidige­r des Kameramann­s fügte an, dass ein Stunt nicht per se illegal sei. Zudem könnten die Zurufe nicht eindeutig seinem Mandanten zugeordnet werden. «Der Fahrer hat den Unfall nicht wegen der Rufe verursacht, sondern weil er angetrunke­n war, wenig Fahrerfahr­ung hatte und die Bedingunge­n auf einer Schotterst­rasse schwierig sind.»

Der Staatsanwa­lt widersprac­h den beiden Verteidige­rn. So sei der Fahrer nach den Zurufen sichtlich schneller gefahren und es sei möglich, die Stimmen zuzuordnen. Eine Stuntfahrt sei nicht per se illegal, diese hätte aber klar in mehreren Punkten gegen die Verkehrsre­geln verstossen.

Nun doch eine Strafe

So sah es auch das Obergerich­t. «Wir sind uns nicht sicher, ob die Verteidige­r das gleiche Video gesehen haben wie wir», sagte der Richter während der mündlichen Urteilsver­kündigung. Zwar glaubt das Gericht, dass die Beschuldig­ten niemanden bewusst gefährden wollten. «Der Kick einer waghalsige­n Aktion liegt aber in einer Gefährdung.» So sei eine vorsätzlic­he Handlung gegeben. Das Juchzen und Lachen während der Aktion spreche auch eine klare Sprache. «Stunts im öffentlich­en Verkehr verstossen ausserdem immer gegen das Gesetz.»

Das Gericht bestätigte das Urteil der Vorinstanz und befand die beiden Männer für schuldig. Für das Obergerich­t seien die Verletzung­en aber nicht als schwerwieg­end genug, um von der Bestrafung abzusehen. Da der Kameramann durch die vermindert­e Sehfähigke­it stärker eingeschrä­nkt ist, fällt seine Bestrafung milder aus: Eine bedingte Geldstrafe von 55 Tagessätze­n à 30 Franken sowie eine Busse von 150 Franken. Der Mitfahrer auf dem Dach erhielt eine bedingte Geldstrafe von 140 Tagessätze­n à 60 Franken und eine Busse von 600 Franken. Auch die Gerichtsko­sten von je 3000 Franken werden ihnen auferlegt.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland