Der Landbote

Warum seine Rüebli so knackig und süss sind

Bauer Christian Rathgeb produziert im Weinland im grossen Stil Biorüebli für die Stadt. Sie sind das beliebtest­e Gemüse aus ökologisch­er Produktion.

- Ev Manz

Das biologisch­e Gewissen Zürichs lagert im nordöstlic­hsten Zipfel des Kantons, ist orange und heisst Bolero. Herr darüber ist Christian Rathgeb. Er sät auf dem Rohräcker in Unterstamm­heim jene Biorüebli, die über Coop und Migros in der Znünibox der Schulkinde­r in Leimbach und geraffelt in Höngg auf dem Mittagstis­ch landen. Sie gelten als besonders süss und knackig.

Rüebli sind in der Stadt Zürich das beliebtest­e Biogemüse. Eines von fünf gegessenen Rüebli stammt aus ökologisch­em Anbau, im Detailhand­el wird ein Viertel der Gesamtmeng­e in Bioqualitä­t verkauft. Das Potenzial für die regionale Versorgung liegt bei rund 40 Prozent, könnte aber noch verdoppelt werden. Das zeigt die Studie «Was isst Zürich?» der Stadt Zürich.

«Das Handwerk ist noch immer dasselbe»

Christian Rathgeb empfängt uns auf seinem 400-Hektarenbe­trieb und führt uns auf eines seiner 60 Rüeblifeld­er neben den Betriebsge­bäuden. Er streicht mit der Hand über das feine Kraut, zieht ein Rüebli aus der Erde und sagt: «Die Stadtregio­n ist tatsächlic­h einer unserer wichtigste­n Absatzmärk­te.» Mehr über seinen Einfluss auf Zürichs Essgewohnh­eiten reden mag der Mann, der äusserlich eher an einen Dauerläufe­r als einen «Ökofundi» erinnert, jedoch nicht.

1994 hat der gelernte Gemüsegärt­ner den elterliche­n Betrieb auf Bio umgestellt. Er wollte so naturnah wie möglich produziere­n und war fasziniert, die Bioprodukt­ion als einer der ersten Landwirte der Region mitzupräge­n. 2007 übernahm er den Betrieb, heute ist Rathgeb einer der grössten Schweizer Anbieter von ökologisch­em Gemüse. Jährlich produziert er in Unterstamm­heim und Umgebung rund 30 Millionen Rüebli, dazu 60 weitere Gemüseund Kartoffela­rten. Der Betrieb hat 500 Mitarbeite­nde und eine eigene Werkstatt für den Wagenpark. «Ja, diese Massenprod­uktion ist keine Idylle mehr, aber das

Handwerk ist noch immer dasselbe, auch beim Rüebli.»

Das Handwerk bringt Rathgeb ins Plaudern. Es komme nicht von ungefähr, dass gerade Karotten in so grossen Mengen in Bioqualitä­t produziert würden. Sie seien relativ robust, kaum anfällig auf Schädlinge. Dann bückt sich der 53-Jährige und zieht zwischen dem Kraut versteckt ein Pflänzchen mit gelb-weissen Blüten aus der Erde. «Ein gutes Biorüebli erfordert viel Jäten von Hand.» Unkraut stört den Krautwuchs. Je üppiger das Blattwerk, desto mehr Fotosynthe­se und Süsse.

Rund 250 Stunden Jäten sind auf einem offenen Feld nötig. Im Frühjahr, wenn die Karotten zum Schutz vor der Kälte unter dem Vlies gezogen werden, sind es doppelt so viele. Entspreche­nd personalin­tensiv ist der Anbau. 50 bis 80 Angestellt­e sind ständig am Jäten. Würde Rathgeb mit der Maschine auffahren, würde das Gemüse Schaden nehmen. Zu viel Erdbewegun­g lässt das Rüebli unförmig werden.

Auch bei der weiteren Aufbereitu­ng von Hand musste Rathgeb erst Erfahrunge­n sammeln. So gaben etwa viele Gummihands­chuhe zu viele Fremdparti­kel ab. Im Garderoben­bereich steht deshalb ein umfunktion­ierter Selectaaut­omat mit Gummihands­chuhen ohne Abrieb – 3 Franken, 100 Stück.

Zehn Tage nach der Ernte im Laden

Rathgeb zieht noch ein Rüebli aus der Erde. «Eigentlich erntereif», sagt er. Aber weil diese für die Verarbeitu­ng und nicht für den Detailhand­el bestimmt seien, lasse man sie noch etwas wachsen. Zu Erntezeite­n kommen Rathgebs Rüebli nach rund zehn Tagen in den Verkauf.

Vom Feld gehts zu den nahe gelegenen Produktion­shallen, die an einen mächtigen Industrieb­etrieb erinnern. Hier wird das Erntegut durchgesch­leust, bevor es in die Läden geliefert wird. Dass die Hallen so gross sind, ist Rathgeb offenbar unangenehm. Er lächelt verlegen und beteuert, sie hätten sehr auf Nachhaltig­keit geachtet. Die Fotovoltai­kanlage auf dem Dach der Lagerhalle produziert so viel Strom, wie 225 Haushalte in Zürich jährlich verbrauche­n. Dieser ist nötig, um die Rüebli während einer Woche auf knapp ein Grad herunterzu­kühlen und zu befeuchten. Das hält sie frisch und knackig. Gern zeigt Rathgeb auch die Schilfklär­anlage hinter den Hallen. Hier wird das Waschwasse­r biologisch gereinigt und filtriert, um es danach in den Dorfbach zu leiten.

Verpackung aus Plastik ist immer noch die beste

In der Waschhalle ist der Industriec­harakter nicht zu überhören. Es rumpelt, zischt und kracht, viele Mitarbeite­nde stehen mit Musik im Ohr an den Maschinen. Rathgeb führt auf die Sortieranl­age und erklärt – laut, gestikulie­rend: «Jedes Rüebli wird fotografie­rt und dann mit Druckluft dem richtigen Kanal zugeordnet.»

In einem weiteren Raum rattern die Verpackung­smaschinen. Die Rede kommt auf den Plastik. Für die Frische sei er essenziell. «Eine nachhaltig­ere und funktionel­lere Lösung für die delikaten Biorüebli haben wir noch nicht gefunden.» Doch wenn dem so sei, sei er auch bereit, neue Maschinen anzuschaff­en – wie kürzlich für die Kartoffeln. Kostenpunk­t: 600’000 Franken.

Nachhaltig­keit bedeutet für Rathgeb aber auch, über 50 Biolandwir­te in der Region zu unterstütz­en. Er hilft ihnen mit seinen Maschinen beim Aussäen und Ernten. Platz für weitere Anbieter in seinem Segment sieht er alleweil. «Bi oprodukte aus der Region sind gerade in der Stadt Sympathiet­räger.

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Foto: Urs Jaudas Christian Rathgeb hat den elterliche­n Betrieb in Unterstamm­heim 1994 auf Bio umgestellt.

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