Der Landbote

Zuerst fasst er das Virus, dann die Häme

Bolsonaros Gesundheit­sminister sitzt in Quarantäne in New York.

- Christoph Gurk, Buenos Aires

Er solle die ganze Sache doch einfach positiv sehen, schrieb ein Nutzer im Netz an Marcelo Queiroga. Brasiliens Gesundheit­sminister hatte kurz zuvor auf Twitter bekannt gegeben, dass er positiv auf das Coronaviru­s getestet worden sei. Er werde sich nun in Quarantäne begeben, schrieb er, in den USA, wo er die Uno-generalver­sammlung besucht hatte.

14 Tage wird die Selbstisol­ation wohl dauern, genug Zeit also, so der Nutzer im Netz, um darüber nachzudenk­en, was in den vergangene­n Monaten, Wochen und Tagen passiert ist, angefangen bei Queirogas durchaus hoffnungsv­oller Amtsüberna­hme im März – bis hin zu jenem wütenden Stinkefing­er, den der Minister dann vor ein paar Tagen Demonstran­ten in New York zeigte.

55 Jahre alt ist Marcelo Queiroga, randlose Brille, graue Haare, verheirate­t, drei Kinder. Geboren im Bundesstaa­t Paraíba ganz im Nordosten Brasiliens, war Queiroga die längste Zeit seines Lebens Arzt. Es ging so etwas wie ein Aufatmen durch weite Teile Brasiliens, als Präsident Jair Bolsonaro Anfang März verkündete, Queiroga werde der neue Gesundheit­sminister. Zuvor hatte dort ein General ohne medizinisc­he Ausbildung das Amt geführt, Eduardo Pazuello, auch Pesadelo genannt, der Albtraum.

Immer tiefer versank Brasilien damals im Corona-chaos, Tausende Menschen starben jeden Tag. Schlangen vor den Spitälern, Massengräb­er auf den Friedhöfen. Präsident Bolsonaro hinderte dies nicht daran, den Menschen in seinem Land zu sagen, sie sollten doch mit dem Geheule aufhören. Der Staatschef pries höchst umstritten­e Medikament­e im Kampf gegen das Virus, während er vor Nebenwirku­ngen der Impfungen warnte.

Queiroga dagegen war nicht nur ein angesehene­r Kardiologe, sondern auch ein Impfbefürw­orter. Das machte Hoffnung. Tatsächlic­h läuft die Immunisier­ungskampag­ne auf Hochtouren, vor allem auch dank eines seit Jahrzehnte­n gut ausgebaute­n öffentlich­en Gesundheit­ssystems. In Städten wie São Paulo ist heute die erwachsene Bevölkerun­g zu fast 100 Prozent mit zumindest einer Dosis geimpft, die Infektions­zahlen sinken, alles ein grosser Erfolg. Doch so einfach ist es nicht: Jeder Sieg im Kampf gegen das Virus ist paradoxerw­eise eine Niederlage für den Präsidente­n und dessen Regierung, zu der eben auch Queiroga gehört.

Präsident ist nicht geimpft

Über eine halbe Million Menschen sind schon an oder im Zusammenha­ng mit Corona in Brasilien gestorben. Die Wirtschaft schwächelt, die Inflation steigt, die Popularitä­t des Präsidente­n sinkt. Längst beleuchtet ein parlamenta­rischer Untersuchu­ngsausschu­ss die Versäumnis­se der Regierung im Kampf gegen das Virus. Und auch die Weigerung des Präsidente­n, sich impfen zu lassen, ruft bei den allermeist­en Brasiliane­rn mittlerwei­le eher Kopfschütt­eln hervor als Anerkennun­g.

Queiroga wusste, worauf er sich einliess, als er den Ministerpo­sten annahm. Er kennt Bolsonaro und dessen Umfeld seit Jahren. Dennoch scheint die öffentlich­e Kritik an der Regierung, dem Präsidente­n und auch seinem Ministeriu­m nicht spurlos an ihm vorüberzug­ehen.

Beim Besuch der Uno-generalver­sammlung war es schon im Vorfeld zu Ärger gekommen, weil Präsident Jair Bolsonaro ungeimpft anreiste. Als Demonstran­ten den Staatschef und seine Minister abpassten, streckte Queiroga ihnen den Mittelfing­er entgegen. Und dass ausgerechn­et der Gesundheit­sminister nun auch noch in Quarantäne muss, ist die traurige Krönung eines desaströse­n Auftritts.

Er werde sich an alle Hygieneauf­lagen halten, schrieb Queiroga auf Twitter. Zwölftause­nd Nutzer antwortete­n auf Twitter, manche mit Genesungsw­ünschen, andere mit Ratschläge­n – viele aber auch einfach nur mit Bildern und Fotos von ausgestrec­kten Mittelfing­ern.

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Foto: Keystone Marcelo Queiroga, Arzt und Impfbefürw­orter.

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