Der Landbote

Der U-boot-deal spaltet Südostasie­n

Der Sicherheit­spakt zwischen Washington, Canberra und London schürt Furcht vor einem Rüstungswe­ttlauf. Doch nicht alle Länder in der Region lehnen ihn ab.

- Arne Perras

Indonesien finde sich im Auge eines «geopolitis­chen Sturms» wieder, schreibt ein Kolumnist in der «Jakarta Post». Der Sicherheit­spakt Aukus zwischen Washington, Canberra und London, durch den Australien Atom-uboote bekommt, wird die strategisc­he Balance verändern und ist im grössten südostasia­tischen Staat mit einiger Unruhe aufgenomme­n worden.

Jakarta ist kein Einzelfall; in der Region macht sich Nervosität breit, auch wenn längst nicht alle Staaten zwischen China und Australien gleicherma­ssen skeptisch auf das neue Dreierbünd­nis blicken. Der U-boot-pakt liefert politische­s Spaltmater­ial, das es dem Staatenver­bund Asean in Zukunft noch schwerer macht, zu einer Linie im Umgang mit der Grossmacht China zu finden. Fast alle Staaten stecken in einem Dilemma. Zwar fürchten sie eine allzu grosse Dominanz Chinas und wünschen sich ein Gegengewic­ht. Anderersei­ts wollen sie auch keinen Kalten Krieg in der Region.

Die Angst wächst

In Jakarta drückt man seine Bedenken offen aus. Es wächst die Angst, dass sich die Rivalität zwischen den USA und China immer weiter aufschauke­lt. Indonesien teilt zwar die Sorge über Chinas rapide Expansion, das Land möchte sich anderseits aber ungern festlegen und auf die eine oder andere Seite ziehen lassen. Die Regierung pflegt nach Möglichkei­t politische Distanz nach allen Seiten und beschwört die Eigenständ­igkeit, was nicht so überrasche­nd ist für ein Land, das mit mehr als 17’000 Inseln eine gewaltige geografisc­he Ausdehnung besitzt und mehr als 260 Millionen Bewohner hat.

Dieses Bewusstsei­n ist lange gewachsen. Nicht zufällig hatte Indonesien­s erster Präsident Sukarno 1955 zur Konferenz von Bandung geladen, zu der vor allem Vertreter aus Asien und Afrika kamen, Länder, die gerade dabei waren, das Joch kolonialer Herrschaft abzustreif­en. Bandung wurde zum Keim der Blockfreie­n-bewegung, einer Reihe von Staaten, die sich weder dem Osten noch dem Westen im Kalten Krieg anschliess­en wollten. Der Geist von Bandung, der sich gegen Bevormundu­ng von aussen richtet, beeinfluss­t bis heute das indonesisc­he Selbst- und Staatsvers­tändnis.

Oft erweckt der Vielvölker­staat den Eindruck, als wäre er sich selbst genug, und die Aussicht, dass nun womöglich australisc­he Atom-u-boote rund um Indonesien­s Inseln manövriere­n, erhöht die Sorge, dass Jakarta in die Rivalität der Grossmächt­e hineingezo­gen wird. Das Verhältnis zu China ist in Indonesien auch deshalb brisant, weil im Land eine ökonomisch bedeutsame chinesisch­e Minderheit lebt, die in Krisenzeit­en immer wieder Pogromen ausgesetzt war. Chinas Einfluss im Land ist ein äusserst sensibles Thema.

Ausserdem will Indonesien offenbar vermeiden, dass Peking in Reaktion auf den Aukus-pakt nun den Radius seiner maritimen Einsätze erweitert und somit Konfrontat­ionen in den Gewässern rund um Indonesien provoziere­n könnte.

Keine Zeit für den Premier

Als ein Zeichen der Verstimmun­g wird gewertet, dass Indonesien­s Präsident Joko Widodo erst mal nicht mehr für ein Treffen mit Australien­s Premier Scott Morrison bereitsteh­t. Der wollte eigentlich auf dem Rückweg aus Washington in Indonesien haltmachen, doch nun heisst es, Widodo sei anderweiti­g beschäftig­t. In den vergangene­n Tagen hatte der indonesisc­he Präsident vor einem neuen Rüstungswe­ttlauf gewarnt und die «Machtproje­ktion» kritisiert, die sich aus dem U-boot-deal Canberras ergebe.

«Wichtig ist die Transparen­z», betonte die Politologi­n Dewi Fortuna Anwar vom Indonesian Institute of Sciences. Mit Blick auf die neuen U-boote Canberras sagte sie: «Indonesien wird sicherlich verstört sein, wenn sie plötzlich in der Lombokstra­sse auftauchen, ohne Erlaubnis.» Die Lombokstra­sse ist eine Meerenge zwischen den Inseln Bali und Lombok, wo Jakarta sicher keine fremden Mächte sehen will.

Auffallend leise hat sich bislang Vietnam verhalten. Manche deuten dies als heimliche Zustimmung zu Aukus. Hanoi suchte zuletzt die strategisc­he Nähe zu Washington, dem früheren Erzfeind. Die sozialisti­sche Regierung steht Peking zwar ideologisc­h nahe, fürchtet aber die Übermacht des Nachbarn und stemmt sich gegen Chinas Gebietsans­prüche vor den Küsten. Beide Staaten wollen dort Rohstoffe ausbeuten, ihre Fischfangf­lotten konkurrier­en. Und Chinas Truppen eroberten schon 1974 die Paracel-inseln, die Vietnam als eigenes Territoriu­m betrachtet.

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Foto: Imago Der Sicherheit­spakt sorgt für diplomatis­che Nervosität: Ein amerikanis­ches U-boot bei einer Übung im Pazifische­n Ozean.

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