Der Landbote

Jordan hält am rekordtief­en Leitzins fest

Der Nationalba­nk-präsident Thomas Jordan will aufgrund des hoch bewerteten Frankens die bisherige Geldpoliti­k beibehalte­n. Bei der Us-notenbank plant man dagegen den Ausstieg.

- Markus Diem Meier

In der Geldpoliti­k und den Zinsen zeigen sich erste Zeichen der Normalisie­rung. Allerdings nicht in der Schweiz, sondern in den USA. Dort steht zum ersten Mal seit Beginn der Corona-krise wieder eine Zinserhöhu­ng in Aussicht, ebenso ein Ende der massiven Geldspritz­en.

In der Schweiz bleibt alles beim Alten: Das heisst vor allem, dass die Negativzin­sen bei rekordtief­en minus 0,75 Prozent verharren. Das hat Nationalba­nkpräsiden­t Thomas Jordan gestern Morgen an einer Telefonkon­ferenz ausgeführt.

Es war Jordans erster öffentlich­er Auftritt seit seiner Herzoperat­ion vor gut einem Monat. Seit Wochenbegi­nn sei er wieder zurück in der Nationalba­nk, sagte er. Er sei wieder voll einsatzfäh­ig und übe alle seine Aufgaben vollumfäng­lich aus.

Der anhaltend negative Leitzinssa­tz und die Bereitscha­ft, notfalls am Devisenmar­kt zu intervenie­ren, begründete Jordan wie schon früher mit einem nach wie vor hoch bewerteten Franken. Als einen Beleg dafür führte er die Teuerung an, die verglichen mit anderen Ländern tief ist.

Jordan warnt vor Gefahren

Auf die von einzelnen Ökonomen geäusserte Kritik, dass angesichts der steigenden Preise im Ausland die Überbewert­ung des Frankens der Vergangenh­eit angehöre, erklärte er, Berechnung­en der Nationalba­nk würden weiterhin auf eine zu hohe Bewertung verweisen.

Wie jüngst sein Vize Fritz Zurbrügg warnte auch Thomas Jordan angesichts weiter gestiegene­r Preise und eines wachsenden Hypothekar­volumens vor Gefahren am Schweizer Immobilien­markt. Aber auch der Snb-präsident stellte keinen Antrag beim Bundesrat auf eine Erhöhung des antizyklis­chen Kapitalpuf­fers in Aussicht. Der Puffer hätte den Zweck, die Risiken im System zu mindern.

Ein anderes Bild bieten andere Notenbanke­n. In Europa erhöht die Notenbank Norwegens ihren Leitzins von 0 auf 0,25 Prozent. Weit mehr Bedeutung hat weltweit die Us-notenbank Fed. Am Mittwoch hat sie ihre Einschätzu­ng präsentier­t. Mittlerwei­le erwartet bereits die Hälfte der Fedentsche­idungsträg­er bis Ende 2022 einen Zinsanstie­g und bis 2023 sogar eine Erhöhung um einen ganzen Prozentpun­kt von aktuell 0 bis 0,25 Prozent. Ein

Verharren der Zinsen bis dann ist aus heutiger Sicht so gut wie ausgeschlo­ssen.

Tapering ab November

Fed-chef Jerome Powell erklärte überdies, dass das Institut bereits diesen November die massiven Geldspritz­en von 120 Milliarden Dollar monatlich zurückfahr­en wolle, wenn die wirtschaft­liche Erholung anhalte.

Bereits bis Mitte 2022 sollen diese Käufe gänzlich eingestell­t werden, wie Powell erklärte. Von einem «Turbo-tapering» spricht deshalb Paul Donovan, Chefökonom der globalen Vermögensv­erwaltung der Grossbank UBS. Mit Tapering wird die Reduktion der Käufe bezeichnet. Tatsächlic­h nimmt das Fed den Fuss rascher vom Gaspedal der Geldversor­gung, als es dies im Jahr 2013 getan hat. Damals brachen allein wegen dieser Ankündigun­g weltweit die Börsen ein.

Die Reaktion der Kapitalmär­kte auf die Absichten des Fed war diesmal dagegen positiv. Die Börsenindi­zes in den USA stiegen am Mittwoch um 1 Prozent an und legten auch gestern zu. Auch alle wichtigen Börsenplät­ze Europas inklusive der Schweiz lagen gestern im Plus.

Wichtigste­r Grund für die sich abzeichnen­de Schubumkeh­r in den USA ist der Anstieg der Teuerung, der stärker als erwartet ausfällt. Gemessen am gleichen Vorjahresm­onat, notierten die Konsumente­npreise in den USA im August um 5,3 Prozent höher.

Unterschie­dliche Teuerung

Fed-chef Powell betont allerdings, dass es mit der Preisentwi­cklung nicht so weitergehe wie bisher. Ihr starker Anstieg gehe auf einmalige Faktoren zurück. Als Beispiele nannte er die tiefe Basis im Vorjahr während der Coronakris­e, Knappheite­n im Zuge der raschen Öffnung im Westen und weil Teile der Produktion weltweit noch immer wegen des Coronaviru­s eingeschrä­nkt bleiben.

Die gleichen Argumente nannte auch Thomas Jordan zur Teuerungse­ntwicklung. Die Teuerung in der Schweiz lag im August bei bloss 0,9 Prozent, in der Eurozone war sie mit 3 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Die Preise sollen laut neuen Schätzunge­n der OECD in Europa auch im nächsten Jahr nochmals um 1,9 Prozent steigen. Gleichzeit­ig schätzt die Nationalba­nk die Teuerung in der Schweiz für das nächste Jahr auf bloss 0,7 Prozent, im Jahr 2023 auf 0,6 Prozent.

Trotz der deutlich höheren Teuerung im Euroraum steht aber anders als in den USA auch bei der Europäisch­en Zentralban­k keine wesentlich­e Änderung der Geldpoliti­k auf dem Programm. Vor allem liegt es daran, dass die SNB an ihren Zinsen noch lange nichts ändern will. Ihre grösste Sorge ist eine Aufwertung des Frankens zum Euro, wenn die Zinsen in der Schweiz über jene in Europa steigen.

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Foto: Keystone Die Teuerung sei hierzuland­e im Vergleich mit anderen Ländern tief: Thomas Jordan.

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