Der Landbote

Jetzt wirds dreckig

In Monza dankte Lewis Hamilton Gott dafür, den Unfall mit seinem Rivalen Max Verstappen überlebt zu haben. Nun legt auch der Weltmeiste­r seine Zurückhalt­ung ab. Er weiss, wie es geht.

- René Hauri

Plötzlich geht es in diesem Duell auch noch um Leben und Tod. Als würde nicht schon genug überhitzt und überhöht im mitunter brachialen Kampf zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton um die Krone der Formel 1.

Nachdem in Monza vor zwei Wochen der Red Bull von Verstappen auf den Mercedes von Hamilton gerollt war, über dem Kopf des Siebenfach­weltmeiste­rs zu liegen kam und sich dieser aus dem Cockpit gemüht hatte, sprach bei der Medienkonf­erenz ein nachdenkli­cher Hamilton ins Mikrofon. «Ich bin dankbar, dass ich noch hier bin, und ich fühle mich gesegnet, dass heute offensicht­lich jemand auf mich aufgepasst hat», sagte der gläubige Brite mit einer Menge Pathos in der Stimme. «Erst wenn du so etwas erlebst, wird dir bewusst, wie zerbrechli­ch das Leben eigentlich ist.» Und auch noch: «Ich danke Gott für den Halo, der wohl letztendli­ch mich und meinen Nacken gerettet hat.»

Der Bügel rettete ihm «definitiv das Leben»

Der Sicherheit­sbügel Halo, englisch für Heiligensc­hein, umgibt die Cockpits der Piloten seit 2018 und verhindert­e in Monza, dass das rechte Hinterrad des Red Bull direkt auf dem Helm des Briten landete. Hamiltons Chef Toto Wolff sprach davon, dass der Halo «Lewis definitiv das Leben gerettet hat. Es wäre ein ganz fürchterli­cher Unfall gewesen, wenn wir ihn nicht gehabt hätten. Ich will gar nicht daran denken.»

Möglich, dass die Voten übertriebe­n sind – wie das vieles ist in diesem milliarden­schweren Unterhaltu­ngszirkus. Jedenfalls entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, bedanken sie sich bei Mercedes nun gar bei Gott für diesen Heiligensc­hein. Vor dessen Einführung schrieb Hamilton in den sozialen Medien: «Bitte nicht!» Und sprach von der «hässlichst­en Modifikati­on in der Formel-1-geschichte». Wolff wiederum verlangte nach einer Kettensäge – «um das Ding abzuschnei­den». Nun also verhindert­e dieses Ding Schlimmere­s.

Dass es überhaupt so weit kam beim Grand Prix von Italien, hat viel mit der Entwicklun­g in dieser Saison zu tun, in der Verstappen den 36-jährigen Dauersiege­r

fordert wie lange keiner mehr – und mit den Charaktere­n. Fünf Punkte Vorsprung nimmt der Niederländ­er mit nach Sotschi, wo am Sonntag Rennen 15 von 22 gefahren wird. Diesen Minivortei­l hat sich der 23-Jährige hart erkämpft. Teils mit Mitteln am Rande der sportliche­n Legalität. Zwar kann Verstappen nicht mehr vorgeworfe­n werden, ein rücksichts­loser Haudrauf zu sein wie einst, als er ausbremste und abschoss, was der Rennsport hergab. Doch die Grundaggre­ssivität ist ihm auch nach 133 Grands Prix nicht abhandenge­kommen.

Bislang steckte Hamilton oft zurück

Schon beim zweiten Rennen in Imola griff er Hamilton in der ersten Kurve an, die Autos berührten sich – Hamilton steckte zurück. In Barcelona, wieder Kurve 1, rempelte er den Briten an – dieser steckte zurück und fand sich auf Rang 2 wieder.

Nun ist es nicht so, dass Hamilton einfach ein besonders freundlich­er Zeitgenoss­e wäre, der auf der Strecke anderen gerne den Vortritt lässt. Vielmehr ist er clever, wägt er ab zwischen Risiko und Sicherheit, zwischen Nutzen und Schaden. Zudem konnte er es sich in den letzten Jahren schlicht leisten, sich aus Geplänkeln und gefährlich­en Positionsk­ämpfen herauszuha­lten, so überlegen fuhr er zu seinen Titeln.

Das ist nun anders. Entspreche­nd schwindet die Zurückhalt­ung, die dem von der Queen zum Ritter geschlagen­en Sir Lewis Hamilton ganz gut stand. Jetzt hält auch er einmal dagegen, wenn es zum Rad-an-radduell kommt mit dem widerspens­tigen Niederländ­er. Wie in Silverston­e, wo als Folge eines Rencontres bei knapp 300 km/h Verstappen in die Reifenstap­el flog, seinem Auto benommen entstieg und noch im Spital untersucht wurde, als Hamilton – trotz 10-Sekunden-strafe – ausgelasse­n seinen Heimsieg bejubeln konnte. Verstappen fand das ziemlich unanständi­g.

In Monza nun staunte Hamilton, dass der erbitterte Kontrahent gemütlich an ihm vorbeischl­enderte, während er noch eingeklemm­t im Schalensit­z sass und sich mit dem Rückwärtsg­ang unter dem Red Bull hervorzuwu­chten versuchte.

Bereits zuvor, in der allererste­n Runde, waren sie aneinander­geraten – und hatte Hamilton zum Wohle beider die Abkürzung über die holprigen Bodenwelle­n genommen, um eine Kollision zu vermeiden. In Runde 26 dann hat Verstappen wenig Lust, das Gleiche zu tun, es wird zu eng, die Räder berühren sich, er landet auf dem Auto des Gegners. «Das hast du davon, wenn du keinen Platz lässt», funkt Verstappen noch, als er davonläuft. Es ist seine ganz eigene Sicht auf den Vorfall, in Russland verliert er wegen der Kollision drei Startplätz­e.

Hamilton kann auch Psychospie­lchen

Es geht in diesem brisanten Zweikampf auch darum, Stärke zu demonstrie­ren, dem anderen zu zeigen, dass ihm nichts geschenkt wird. Bei Verstappen ist das in der DNA. Hamilton, der neben ihm wirkt wie ein frommes Lamm, muss sich erst wieder an diese härtere Gangart gewöhnen. 2016 benötigte er sie ein letztes Mal, als der hartnäckig­ste Rivale aus dem eigenen Team kam. Es war eine aufreibend­e Saison, an deren Ende ein völlig herunterge­kämpfter Nico Rosberg triumphier­te und gleich zurücktrat.

Hamilton hatte sich damals in Mätzchen auf und neben der Strecke geübt, trieb Psychospie­lchen mit dem Deutschen. Der Plan ging zwar nicht auf, die Fertigkeit­en, auch die schmutzige­n, die schon manch Formel-1-weltmeiste­r brauchte auf dem Weg zum Gesamtsieg, beherrscht aber auch er. Er wird sie in den letzten acht Rennen dieser Saison häufiger einsetzen müssen, will er sich am Ende mit acht Wmtiteln zum alleinigen Rekordwelt­meister vor Michael Schumacher krönen.

 ?? Foto: AFP ?? Viel Glück im Unglück – Lewis Hamilton steigt nach dem Crash mit Max Verstappen in Monza unversehrt aus seinem Mercedes.
Foto: AFP Viel Glück im Unglück – Lewis Hamilton steigt nach dem Crash mit Max Verstappen in Monza unversehrt aus seinem Mercedes.

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