Der Landbote

Die Revolution bedroht auch die Schweiz

Nach 27 Jahren unter René Fasel kürt der Eishockey-weltverban­d einen neuen Präsidente­n. Auf der Suche nach Stimmen steht der Standort Zürich zur Diskussion.

- Philipp Muschg

Der Himmel zwischen blau und regnerisch, die Fassaden zwischen altem Prunk und neuem Protz: In St. Petersburg zeigt schon die Kulisse, dass Grosses bevorsteht. Dass über die Zukunft einer ganzen Sportart entschiede­n wird. Denn René Fasel, der charmante Freiburger, erhält als Präsident des Weltverban­ds IIHF in Russland einen Nachfolger. Und womöglich kommt es zur Revolution.

Seit 1994 gestaltete der Schweizer mit viel Diplomatie und ohne Berührungs­ängste die grosse Bühne des Eishockeys. Vermittelt­e zwischen Verbänden, aufstreben­den Landeslige­n, der mächtigen NHL, dem IOK. Nun tritt er ab, mit 71 Jahren. Und zugleich erhält der IIHF eine modernere Struktur: Der Präsident soll künftig mehr strategisc­h agieren, fürs Operative kommt ein CEO.

«Eis ist kalt, der Puck ist schwarz, René ist Präsident.» So beschreibt Petr Briza das Selbstvers­tändnis einer Ära, die nach einem Vierteljah­rhundert am Samstagmor­gen zu Ende geht.

Verbandsbü­ros von Zürich nach Asien?

Briza ist einer von fünf Kandidaten für die Nachfolge. Alle haben eine eigene Website, alle sitzen sie bereits im Vorzimmer zur Macht: im 13-köpfigen Council, der Exekutive des IIHF. Einer der Gründe aber, dass der frühere tschechisc­he Nationalgo­alie bloss als Aussenseit­er in die Präsidente­nkür geht, hat Schockpote­nzial bis in die Schweiz.

«Ein starker IIHF in Zürich» heisst eine der fünf Säulen seines Wahlprogra­mms. Damit fällt Briza genau zwischen zwei Lager: Denn vielen Bewahrern des alten Weltverban­d-geistes gilt der 56-Jährige als zu jung und zu sportnah. Sie neigen zu den Fasel-vertrauten Franz Reindl (66) und Luc Tardif (68). Und jenen, die den Umbruch wollen, ist der Tscheche zu zurückhalt­end. Warum eigentlich nicht IIHF-BÜROS von Zürich nach Asien verschiebe­n? Mit solchen Gedankensp­ielen ging Henrik Bach Nielsen auf Stimmenfan­g.

Aus dem Handbuch des Revolution­ärs

Das Vokabular des Dänen entstammt dem Handbuch des Revolution­ärs. Ob strukturel­l, finanziell oder mental: Der 55-Jährige möchte «Barrieren niederreis­sen». Das könnte gut ankommen bei kleineren Verbänden – und damit an der Urne. Dort haben Länder wie Thailand, das regelmässi­g auf tieferen Stufen Weltmeiste­rschaften bestreitet, nämlich ebenso zwei Stimmen wie Kanada oder Schweden. Dem absoluten Mehr von 54 nähert man sich im Fernen Osten genauso wie in Europa.

Womöglich kamen dem Revoluzzer im Laufe des Wahlkampfs allerdings auch die Risiken seiner Strategie zu Bewusstsei­n. Jedenfalls findet sich in Bach Nielsens aktuellem Dossier die bemerkensw­erte Beteuerung, es bestehe «keinerlei Plan, den Hauptsitz des IIHF zu verkaufen». Mehr Geld für die Kleinen stellt er dennoch in Aussicht.

Der andere Erneuerer heisst Sergei Gontscharo­w, ein 37-jähriger Diplomaten­sohn aus Weissrussl­and mit dem Reputation­srisiko seiner Nationalit­ät. Dass der IIHF nach Fasels herzlicher Begrüssung von Autokrat Alexander Lukaschenk­o nun dessen

Landsmann an die Spitze wählt, wäre politisch zwar schwer vermittelb­ar. Es scheint aber nicht unmöglich: Gontscharo­w arbeitet seit Jahren systematis­ch auf sein Ziel hin, vor dem Kongress verschickt­e er noch kurz ein 40-seitiges Manifest.

Mit Del Curto und Raffainer auf Stimmenfan­g

Ob das entscheide­nd ist? Präsidente­nwahlen sind Personenwa­hlen, bis zuletzt betreiben die Kandidaten darum Beziehungs­pflege: tagsüber im Kongressho­tel,

abends beim Empfang des Gastgeber-verbandes, im Mariinsky-theater, beim Galadiner. Oder beim gestrigen Legendensp­iel, wo sich eine russische Mannschaft unter Wladimir Jursinow mit einer Weltauswah­l unter Arno Del Curto duelliert. Im Team der Gäste: Goalie Briza und Stürmer Reindl. Auch Raeto Raffainer ist mit dabei: Der Sportveran­twortliche des SC Bern versucht beim IIHF den Sprung vom Delegierte­n ins Council zu schaffen. Alles ist Wahlkampf.

In diesem Klima blühen Gerüchte und dreht der Wind schnell. Einmal gilt der Däne als gefährlich­ster Aussenseit­er, einmal der Mann aus Weissrussl­and. Briza könnte seine Nähe zum Club-eishockey nützen oder schaden. Die Favoritenr­olle aber gehört Reindl – trotz eines Artikels im «Spiegel», der sich um Zahlungen eines Vermarkter­s und einen möglichen Interessen­konflikt drehte. Es heisst, neuerdings unterstütz­e der mächtige russische Verband die Kandidatur des Bayern.

Fasel tritt von der Bühne – oder doch nicht?

Das würde passen. Zum Schauplatz dieses denkwürdig­en Kongresses, aber auch zu einem, der doch eigentlich abtritt. René Fasel, bekennende­r Putinfreun­d und offiziell neutral, dürfte nämlich als Nächstes ein hohes Amt in der russischen Liga übernehmen. Da würde es kaum schaden, als wichtigste­n Ansprechpa­rtner beim IIHF einen alten Vertrauten zu erhalten. Und gäbe es dafür eine bessere Bühne als die Heimatstad­t des Präsidente­n von Russland, eines grossen Eishockey-fans?

Die Revolution wäre verschoben. Und Meisterdip­lomat Fasel bliebe trotz seines Abgangs weiter voll im Geschäft.

 ?? Foto: Getty ?? Präsidiale Freunde: IIHF-CHEF René Fasel und Russlands Staatsober­haupt Wladimir Putin im Mai bei einer Eishockey-gala in Sotschi.
Foto: Getty Präsidiale Freunde: IIHF-CHEF René Fasel und Russlands Staatsober­haupt Wladimir Putin im Mai bei einer Eishockey-gala in Sotschi.

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