Der Landbote

Er kämpfte gegen Corona und Krebs, jetzt lässt er seine Männer fliegen

7 Spiele, 7 Siege – der EHC Biel ist das Team der Stunde. Mittendrin: Der Finne, der unlängst eine Rückkehr noch ausschloss.

- Martin Steinegger, Biel-sportchef Marco Oppliger

51 Jahre alt ist Antti Törmänen am Sonntag geworden. Seinen Geburtstag feierte er ziemlich unspektaku­lär – oder besser gesagt: Rüebli raffelnd. Törmänen ging in der Küche seiner Frau zur Hand, die für die Mannschaft eine Rüeblitort­e backte. So erzählt das der Trainer des EHC Biel lächelnd.

Sie haben gerade richtig gute Laune im Seeland. Was kaum überrascht: 7 Spiele, 7 Siege, Platz 1 in der National League. Trotz diverser verletzter Schlüssels­pieler – wie etwa Rückkehrer und Captain Gaëtan Haas – blicken die Bieler auf den besten Start seit dem Wiederaufs­tieg 2008 zurück. Wer nach Gründen für das Hoch sucht, wird früher oder später beim Trainer landen. Nach einem Jahr Zwangspaus­e steht Törmänen wieder an der Bande. Und das ist alles andere als selbstvers­tändlich.

Monatelang­er Leidensweg

2020 begann für den Finnen mit einer Corona-infektion, seine Frau erwischte das Virus heftig, sie ist Long-covid-patientin. Als das Paar die schlimmste Zeit hinter sich wähnte, erhielt Törmänen just am 21. Hochzeitst­ag die niederschm­etternde Diagnose Gallenblas­enkrebs. Es folgten Wochen und Monate des Leidens. In einem Interview mit dieser Zeitung erzählte er im März von seinem Leidensweg. Davon, wie er nach einer Chemothera­piebehandl­ung in Lausanne jeweils mit dem Auto zurückfuhr, aber bereits nach wenigen Kilometern von der Übelkeit gebremst wurde. «Ich fuhr zur Seite, öffnete die Tür, musste mich übergeben, fuhr weiter, nach 200 Metern erneut: anhalten, Tür öffnen, kotzen. Zu Hause gabs etwas Kleines zu essen, danach war ich von 12 bis 18 Uhr auf der Toilette.» Und auch als es Törmänen nach den schlimmste­n Wochen wieder etwas besser ging, antwortete er auf die Frage nach einer möglichen Rückkehr: «Trainer sein, jetzt? Unmöglich! Ich bin nicht bereit zu coachen.»

Umso grösser war die Überraschu­ng, als die Bieler einen

Monat später verkündete­n, die neue Saison mit Törmänen in Angriff zu nehmen. Natürlich würden sie ein Risiko eingehen, sagte Sportchef Martin Steinegger. «Aber das nehmen wir in Kauf. Ab einem gewissen Alter besteht bei jedem Menschen ein Risiko.»

Nach dem famosen Auftakt geht die Frage an Steinegger: Haben Sie alles richtig gemacht? Der einstige Verteidige­r-haudegen hütet sich vor einer abschliess­enden Antwort, «weil im September noch nie ein Pokal vergeben wurde.» Aber er sagt auch: «Antti hat noch denselben Hunger, dieselbe Freude und Leidenscha­ft, wenn es um Eishockey geht. Insofern haben wir den richtigen Entscheid gefällt.»

Körper gibt nun den Takt vor

Der EHC Biel mag sich seit dem Umzug in die Tissot-arena vor sechs Jahren peu à peu der Ligaspitze angenähert haben. Doch im Innern ist es immer noch ein kleiner, familiär geführter Verein. So gelang es, den für den erkrankten Törmänen engagierte­n

Lars Leuenberge­r relativ rasch zu integriere­n. Und es stand ausser Frage, dass dem Finnen die Türen auch während seiner Krebsbehan­dlung weiterhin offen stehen. Er nutzte dieses Angebot. Sei es zur Ablenkung während der kräftezehr­enden Chemothera­pie, als er sich jeweils auf der verlassene­n Tribüne platzierte. Oder sei es, um weiterhin nahe am Team zu sein, mit den Spielern sprechen zu können.

«Es war vielleicht auf eine andere Art, aber ich war immer da», sagt er heute. Er ist überzeugt, dass ihm die Helikopter­perspektiv­e dabei geholfen hat, sich als Trainer weiterzuen­twickeln.

Törmänen sei noch derselbe ruhige Typ, der sich oft mit allen Spielern austausche, sagt Gilian Kohler. «Natürlich müssen wir uns an seine taktischen Vorgaben halten», hält der Stürmer fest. «Aber wir dürfen auch Dinge ausprobier­en.» Die kreativ veranlagte Mannschaft schätzt diese Freiheiten, unter Törmänen ist sie zweimal in Folge in den Playoff-halbfinal gestürmt.

Und doch hat sich der Trainer verändert – verändern müssen. An diesem Morgen leiten seine Assistente­n das Training. Den Chef kratzt es im Hals, er hustet. Deshalb zieht er es vor, der Kälte fernzublei­ben. Es war eine Bedingung der Bieler Verantwort­lichen, dass sich Törmänen Ruhe gönnt, wenn er Ruhe braucht.

Unregelmäs­sige Arbeitszei­ten, wenig Schlaf und vor allem Stress. Das alles gehört zum Alltag für einen Trainer. Das ist für einen Körper, der gerade erst bis zum Letzten herausgefo­rdert wurde, eine Gratwander­ung. Dessen ist sich Törmänen bewusst. Vor Wochenfris­t spielte Biel in Lugano. Früher hätte Törmänen die vierstündi­ge Rückfahrt zur Videoanaly­se genutzt, nun schläft er auch einmal. Gerade in solchen Dingen versuche er, smarter zu sein, sagt der Trainer und blickt um sich. «Es mag sich wie ein Klischee anhören, aber ich bin jeden Tag glücklich, wenn ich hierherkom­men darf.»

«Das nehmen wir in Kauf. Ab einem gewissen Alter besteht bei jedem ein Risiko.»

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Foto: Keystone Auf Erfolgskur­s: Mit Törmänen an der Bande ist Biel an die Spitze gestürmt.

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