Der Landbote

«Side-eyeing Chloe» zu ersteigern

Mit ihrem kritischen Blick ist Chloe Clem im Internet zu Berühmthei­t gelangt. Nun versucht ihre Familie, das Meme zu Geld zu machen.

- Violetta Simon Martin Söhnlein

Ohne Sicherheit­sgurt und passiv rauchend auf der Rückbank: Familienau­sflüge waren bereits früher kein Zuckerschl­ecken. Heute reisen Kinder zwar rauchfrei und sicher im Kindersitz – dafür ohne Privatsphä­re: Familienau­sflüge werden als Emotionski­no initiiert («Jetzt freu dich halt mal») und für die Nachwelt dokumentie­rt.

Ausflug ins Disneyland

So erging es der zweijährig­en Chloe und ihrer älteren Schwester Lily aus Utah, die 2013 von ihrer Mutter ungefragt dabei gefilmt wurden, wie sie auf einen Überraschu­ngsausflug ins Disneyland reagierten: Während Lily sich, von Weinkrämpf­en geschüttel­t, gar nicht mehr beruhigen kann, beäugt Chloe sie nur wort- und ratlos von der Seite und macht dazu «ihr süsses, kleines Gesicht», wie ihre Mutter später der BBC erzählte. Den Rest erledigte das Internet.

Das Video wurde mehr als 20 Millionen Mal gesehen, allerdings nicht wegen der ergriffene­n Lily. Es war Chloes Seitenblic­k, der zum Internet-hit wurde. Seitdem ist das Bild von «Side-eyeing Chloe» ein beliebtes Meme, um Zweifel zum Ausdruck zu bringen. Mal wurde sie zum hasenzahni­gen «Mädchen mit Perlenohrr­ing» verfremdet, mal zur Mona Lisa, mal setzte man sie per Photoshop in einen Luxusschli­tten mit Rapper 50 Cent. Chloe, inzwischen zehn Jahre alt und mit Zahnspange ausgerüste­t, hat heute mehr als 550’000 Follower auf Instagram. Nun will ihre Familie das Bild, das so oft von anderen instrument­alisiert wurde, als Nonfungibl­e Token (NFT) versteiger­n, also als nicht ersetzbare­s, digital verschlüss­eltes Objekt. Die Gebote beginnen bei umgerechne­t 13’800 Franken. Und das, obwohl Chloe in dem Video keinen Laut von sich gibt. Ein klarer Fall von: Schweigen ist Gold.

«I like turtles»

Es versteht sich von selbst, dass unter «Side-eyeing Chloe» ein eigener Wikipedia-artikel abrufbar ist. Dasselbe gilt für den 2007 als «Zombie Kid» bekannt gewordenen Johnathan Ware. An Halloween als Zombie verkleidet, gestand der 10-Jährige einer konsternie­rten Reporterin, dass er eine Schwäche für Schildkröt­en habe («I like turtles»). Das Meme ging um die Welt und war 2010 für das «Time Magazine» eines der wichtigste­n Youtubevid­eos überhaupt. Ob es daran lag, was der Knabe sagte oder wie er es sagte, oder lag es am mangelnden Zusammenha­ng? Wir werden es wohl nie erfahren – weil: So ist das Internet.

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Screenshot: Youtube Warum regen sich alle so auf? Chloe im Auto.

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