Si­ka wird schlag­ar­tig mo­der­ner

Der Bau­che­mie­her­stel­ler wehrt die Über­nah­me durch Saint-Go­bain ab und gibt sich ei­ne neue Ka­pi­tal­struk­tur.

Finanz und Wirtschaft - - INDUSTRIE - ADRI­AN BLUM

Si­ka wird un­ab­hän­gig. Der Schwei­zer Her­stel­ler von Bau­che­mie hat den Ver­such des fran­zö­si­schen Rie­sen Saint-Go­bain (SGO), ei­ne Kon­troll­mehr­heit zu über­neh­men, nach drei­ein­halb­jäh­ri­gem Kampf ab­ge­wehrt. Die Si­kaEr­ben­fa­mi­lie Bur­kard ver­ab­schie­det sich gleich­zei­tig als An­teils­eig­ne­rin. Die Par­tei­en be­en­den zu­dem sämt­li­che Ge­richts­ver­fah­ren. Ge­win­ner sind vor al­lem die Pu­bli­kums­ak­tio­nä­re. Die Va­lo­ren von Si­ka re­agier­ten am Frei­tag mit ei­nem Kurs­sprung von fast 10% auf 8200 Fr.

Der En­de 2014 ein­ge­fä­del­te ur­sprüng­li­che Deal, in dem die Fa­mi­lie Bur­kard ihr in­di­rekt ge­hal­te­nes Si­ka-Pa­ket von 17% des Ka­pi­tals und 53% der Stim­men an SGO ver­äus­sern woll­te, ist ob­so­let. Die Mehr­heit des Ver­wal­tungs­rats und das kom­plet­te Ma­nage­ment von Si­ka stör­ten sich von An­fang dar­an, dass SGO mit ei­ner Ka­pi­tal­m­in­der­heit die Stim­men­mehr­heit er­hal­ten und Si­ka voll kon­so­li­die­ren wür­de. Letz­te­res wä­re aus Sicht des VR pro­ble­ma­tisch ge­we­sen, weil SGO in man­chen Be­rei­chen Kun­de und Wett­be­wer­ber sei, was In­ter­es­sen­kon­flik­te her­vor­ru­fen könn­te. SGO wie­der­um woll­te die­se Ri­si­ken durch spe­zi­el­le Ver­ein­ba­run­gen aus dem Weg räu­men.

«Po­ten­zi­al bes­ser frei­set­zen»

VR-Prä­si­dent Paul Hälg, der da­ma­li­ge CEO Jan Je­nisch und Mit­strei­ter kri­ti­sier­ten am ur­sprüng­li­chen Deal zu­dem, dass die Bur­kards die Trans­ak­ti­on hin­ter ih­rem Rü­cken ein­ge­fä­delt hat­ten. Die op­po­nie­ren­den VR-Mit­glie­der und das Ma­nage­ment hat­ten in dem Kampf in­sti­tu­tio­nel­le In­ves­to­ren, Stimm­rechts­be­ra­ter und die pri­va­ten An­le­ger stets hin­ter sich. Denn wäh­rend die Fa­mi­lie ei­ne Prä­mie von 80% hät­te kas­sie­ren sol­len, wä­ren die frei­en Ak­tio­nä­re leer aus­ge­gan­gen.

Der VR blo­ckier­te die Trans­ak­ti­on seit­dem, in­dem er die Vin­ku­lie­rungs­be­stim­mung auf die Bur­kard-Ge­sell­schaft SWH an­wen­de­te und so sei­ne Ab­wahl ver­hin­der­te. Die­ses Vor­ge­hen wur­de ju­ris­tisch an­ge­foch­ten. Ein Ur­teil des Ober­ge­richts Zug stand seit mehr als ei­nem Jahr aus. Die ers­te In­stanz hat­te zu­vor zu­guns­ten des Si­ka-VR ent­schie­den. Es sah aber im­mer da­nach aus, dass der Fall an das Bun­des­ge­richt wei­ter­ge­zo­gen wür­de, was noch­mals viel Zeit in An­spruch ge­nom­men hät­te. Die Streit­häh­ne sind dem nun mit ih­rer Ei­ni­gung zu­vor­ge­kom­men.

VR-Prä­si­dent Hälg und Paul Schuler, CEO seit 2017, strahl­ten an der Me­die­n­und Ana­lys­ten­kon­fe­renz vom Frei­tag nun um die Wet­te. «Wir ha­ben al­le un­se­re Zie­le er­reicht», ver­kün­de­te Hälg mit brei­tem Lä­cheln. Der drei­ein­halb­jäh­ri­ge

Kampf sei es wert ge­we­sen, re­sü­mier­te er. CEO Schuler sag­te, Si­ka kön­ne jetzt ihr gros­ses Wachs­tums­po­ten­zi­al noch viel bes­ser frei­set­zen.

Die Ver­ein­ba­rung sieht meh­re­re Schrit­te vor (sie­he De­tails im Kas­ten). SGO er­wirbt zwar von der SWH das Si­ka-Ak­ti­en­pa­ket. Al­ler­dings ver­äus­sert der fran­zö­si­sche Kon­zern ei­nen Teil die­ser Si­ka- Ak­ti­en (6,97%) an Si­ka. Zu­dem wird Si­ka ei­ne Ein­heits­ak­tie schaf­fen, so­dass SGO kei­ne Mehr­heit hal­ten wird, son­dern die Stimm­kraft der Ka­pi­tal­kraft von 10,75% ent­spricht. Si­ka wird für SGO da­her zu ei­nem fi­nan­zi­el­len En­ga­ge­ment. Frü­hes­tens nach zwei Jah­ren kann SGO die rest­li­chen Ti­tel ver­äus­sern, muss sie aber zu­nächst Si­ka an­bie­ten. Dass SGO nicht so­fort kom­plett aus­steigt, hat ge­mäss Un­ter­neh­mens­an­ga­ben steu­er­li­che Grün­de.

SGO wird auch nicht im VR ver­tre­ten sein. Fi­nan­zi­ell hat sich das Gan­ze ge­lohnt. Pier­re An­dré Cha­len­dar, VRP und CEO des fran­zö­si­schen Misch­kon­zerns, er­klär­te ge­mäss Pres­se­text: «Wir rea­li­sie­ren ei­nen Net­to­ge­winn von mehr als 600 Mio. € und be­hal­ten ei­nen Min­der­heits­an­teil an ei­nem gross­ar­ti­gen Un­ter­neh­men.» SGO ist aus­ser­dem dar­auf be­dacht, mit Si­ka nun wie­der Ko­ope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten, bei­spiels­wei­se in Sa­chen In­no­va­tio­nen, aus­zu­lo­ten und um­zu­set­zen.

Die Fa­mi­lie Bur­kard hat eben­falls ein gu­tes Ge­schäft ge­macht. Statt 2,75 Mrd. Fr. er­hält sie nun 3,22 Mrd. Fr. für ihr Pa­ket. Al­ler­dings hat sie ihr ur­sprüng­li­ches Vor­ha­ben, Si­ka mit ei­nem in­dus­tri­el­len Gross­ak­tio­när zu ver­se­hen, nicht er­reicht.

Fa­mi­lie steigt kom­plett aus

Die Fa­mi­lie hält kei­ne An­tei­le mehr an Si­ka. Die Ver­wal­tungs­rä­te, die auf ih­rer Sei­te stan­den, ver­las­sen das Gre­mi­um. Es han­delt sich da­bei um Urs Bur­kard, Jür­gen Ting­gren und Wil­li Lei­mer. An Bord blei­ben VRP Paul Hälg, Frits van Di­jk, Monika Ri­bar, Da­ni­el Sau­ter, Ul­rich Suter und Chris­toph To­bler. Der Ver­wal­tungs­rat wer­de «zu ge­ge­be­ner Zeit mit neu­en Mit­glie­dern ver­stärkt», teil­te Si­ka da­zu mit.

Die Ver­ein­ba­rung sieht wei­ter vor, dass die Be­stim­mung der 5%-Vin­ku­lie­rung (Stimm­rechts­be­gren­zung) auf­ge­ho­ben wird, eben­so wie die Op­t­ing-out-Klau­sel (Be­frei­ung von der Pflicht zu ei­nem öf­fent­li­chen Über­nah­me­an­ge­bot ab ei­nem be­stimm­ten Stim­men­an­teil). Haupt­ele­ment der Ver­ein­ba­rung (oh­ne das sie gar nicht mög­lich ge­we­sen wä­re) ist die Schaf­fung der Ein­heits­ak­tie. Die nicht­ko­tier­ten Na­men­ak­ti­en mit Nenn­wert 0.10 Fr. wer­den in ko­tier­te In­ha­ber mit Nenn­wert 0.60 Fr. ge­wan­delt. Das räumt die Un­gleich­be­hand­lung der Ak­tio­nä­re aus dem Weg.

Si­ka kann die 2 Mrd. Fr. für den Kauf der knapp 7% ei­ge­nen Ti­tel lo­cker stem­men. DasVer­hält­nis von Net­to­schul­den zu Ebit­da wer­de nur kurz­fris­tig auf rund 2 stei­gen, sag­te CEO Schuler. Die­ser Wert ist für Si­ka an­ge­sichts des Po­ten­zi­als kein Pro­blem (vgl. Gra­fi­ken). Schuler er­klär­te, Si­ka wer­de wei­ter­hin Ak­qui­si­ti­ons­mög­lich­kei­ten nut­zen, im Vo­lu­men von bis zu 500 Mio. Fr.

Die Ak­ti­en von Si­ka sind auch nach dem Kurs­sprung vom Frei­tag kau­fens­wert. Sie sind al­ler­dings sehr hoch be­wer­tet (Kurs-Ge­winn-Ver­hält­nis 2018: 28), was wei­te­re Kurs­sprün­ge auf kurz­fris­ti­ge Sicht nicht er­war­ten lässt. Mit lang­fris­ti­ger Op­tik ha­ben sich die Chan­cen auf ei­ne zum Ge­samt­markt über­durch­schnitt­lich gu­ten Ent­wick­lung in der neu­en Kon­stel­la­ti­on aber er­höht.

«Wir ha­ben al­le un­se­re Zie­le er­reicht. Das war es wert.» PAUL HÄLG Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Si­ka

Paul Hälg, VR-Prä­si­dent von Si­ka, hat es ge­schafft. Der Bau­zu­lie­fe­rer be­kommt ei­ne Ein­heits­ak­tie – oh­ne Mehr­heits­ak­tio­när.

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