Schweiz blickt ge­las­sen nach Deutsch­land

Das Wirt­schafts­wachs­tum der Nach­barn schwächt sich zu Jah­res­be­ginn ab. Un­ter­neh­men und Ana­lys­ten se­hen kei­nen Grund für gros­se Sor­gen.

Finanz und Wirtschaft - - INDUSTRIE - AN­DRÉ KÜHNLENZ

Nach dem schwa­chen Start der deut­schen Wirt­schaft in das Jahr 2018 meh­ren sich die An­zei­chen, dass das Wachs­tum in der gröss­ten Volks­wirt­schaft Eu­ro­pas et­was län­ger schwä­cheln wird. Dies zei­gen et­wa der Aus­lan­d­um­satz der deut­schen In­dus­trie im ers­ten Quar­tal so­wie ihr Auf­trags­ein­gang. Al­lein die Aus­fuh­ren in die USA la­gen in den ers­ten drei Mo­na­ten des Jah­res 3,4% un­ter dem Ni­veau vor ei­nem Jahr. Bran­chen­ver­tre­ter und Fach­leu­te wei­sen aber dar­auf hin, dass die schwä­che­re Nach­fra­ge noch kei­nen Ab­schwung si­gna­li­siert.

So ist auch von Schwei­zer Un­ter­neh­men mit ei­nem gros­sen Um­satz­an­teil in Deutsch­land (vgl. Tex­te un­ten) zu hö­ren, dass bis­lang nichts von ei­ner Kon­junk­tur­del­le zu spü­ren ist – das gilt vor al­lem für den Bau. Aber: «Grund­sätz­lich lei­den al­le Ex­port­bran­chen we­gen des star­ken Eu­ros: Au­to, Ma­schi­nen­bau, Che­mie», sagt Pa­na­gio­tis Spi­lio­pou­los, Re­se­ar­chLei­ter bei der Bank Von­to­bel.

Un­ter Volks­wir­ten gilt als si­cher: Das deut­sche Sta­tis­tik­amt wird am Di­ens­tag ein schwä­che­res Wachs­tum des Brut­to­in­land­pro­dukts für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis März als in al­len Quar­ta­len des Vor­jah­res mel­den. Im Mit­tel er­war­ten Öko­no­men ei­nen An­stieg um nur noch 0,3% zum Vor­quar­tal, wie aus Da­ten des Fi­nanz­dienst­leis­ters Bloom­berg her­vor­geht. 2017 la­gen die Wachs­tums­ra­ten An­fang des Jah­res bei 0,9%, im fol­gen­den Quar­tal bei 0,6%, an­schlies­send bei 0,7% und in den Mo­na­ten Ok­to­ber bis De­zem­ber wie­der bei 0,6%.

Streik, Grip­pe, Os­tern

An­fang des Jah­res 2018 ha­ben Streiks in der Me­tall­ und Elek­tro­in­dus­trie, ei­ne Grip­pe­wel­le und am En­de ein Win­ter­ein­bruch im März so­wie frü­he Os­ter­fei­er­ta­ge die deut­sche In­dus­trie ge­bremst. Dies könn­te da­zu füh­ren, dass die Un­ter­neh­men ih­re Pro­duk­ti­ons­aus­fäl­le im lau­fen­den Quar­tal auf­ho­len. Um­so auf­merk­sa­mer wer­den Schwei­zer Ge­sell­schaf­ten mit gros­sem Deutsch­land­Ge­schäft (vgl. Ta­bel­le) dar­auf ach­ten, was deut­sche Ma­na­ger über ih­re Ge­schäfts­la­ge und die Aus­sich­ten be­rich­ten.

Am 25. Mai wird das Münch­ner IfoIn­sti­tut neu­es­te Um­fra­ge­er­geb­nis­se vor­le­gen, auf de­nen der wich­tigs­te Früh­in­di­ka­tor für die deut­sche Wirt­schaft be­ruht: Der Ifo­Ge­schäfts­kli­ma­in­dex war im April das fünf­te Mal in Fol­ge ge­sun­ken (vgl. Grafik 1). Er si­gna­li­siert ro­bus­tes, aber we­ni­ger Wachs­tum als En­de 2017.

Schwei­zer Ana­lys­ten, Volks­wir­te und Ak­ti­en­stra­te­gen bli­cken re­la­tiv ge­las­sen auf mög­li­che Aus­wir­kun­gen auf Schwei­zer Ge­sell­schaf­ten. Ein Grund liegt auch dar­in, dass die deut­sche In­dus­trie mit 88% sehr gut aus­ge­las­tet ist. Ne­ben den Son­der­ef­fek­ten macht Sven Bu­cher, Lei­ter Re­se­arch bei der Zürcher Kan­to­nal­bank (ZKB), eben­falls die Wäh­rungs­stär­ke als Er­klä­rung aus: «Der stär­ke­re Eu­ro wirkt sich all­mäh­lich auf die In­dus­trie­auf­trä­ge und die Ex­port­zah­len aus. ImVer­gleich zum Vor­jahr ist er han­dels­ge­wich­tet 8% hö­her, ge­gen­über dem US­Dol­lar so­gar 10%. Das wür­de auch er­klä­ren, war­um vor al­lem die Ex­por­te in die USA an Dy­na­mik ver­lo­ren ha­ben», sagt Bu­cher. So hat­ten auch meh­ re­re Dax­Ge­sell­schaf­ten von ne­ga­ti­ven Wäh­rungs­ef­fek­ten auf Um­satz oder Ge­winn be­rich­tet: die Che­mie­kon­zer­ne BASF und Bay­er, der Au­to­bau­er BMW und der Au­to­zu­lie­fe­rer Con­ti­nen­tal.

Eu­ro wird bil­li­ger

Die Wäh­rungs­sei­te ent­spannt sich al­ler­dings, denn der Eu­ro ist seit En­de April er­heb­lich bil­li­ger ge­wor­den. «Soll­te sich die Schwä­che des Eu­ros fort­set­zen, wird der ne­ga­ti­ve Wäh­rungs­ef­fekt deut­lich ab­neh­men», sagt Von­to­bel­Ex­per­te Spi­lio­pou­los. Bei ei­nem Kurs von 1.19 $ wür­de der Ef­fekt im drit­ten Quar­tal auf Jah­res­sicht ganz ver­schwin­den. Sven Bu­cher von der ZKB macht auf die noch im­mer gu­te Ge­schäfts­la­ge vie­ler Schwei­zer Un­ter­neh­men auf­merk­sam, was nicht auf ei­nen un­mit­tel­ba­ren Ab­schwung hin­deu­te. So ha­be der Schwei­zer Werk­zeug­her­stel­ler Tor­nos erst im April ei­nen Gross­auf­trag aus der Au­to­in­dus­trie be­kom­men. Bu­cher geht da­von aus, dass über 50% des Tor­nos­Um­sat­zes mit deut­schen Kun­den ge­ne­riert wer­den.

Was bis­lang ge­gen ei­nen Ab­schwung in Deutsch­land spricht, ist die Tat­sa­che, dass Neu­auf­trä­ge, Um­satz und Pro­duk­ti­on in den wich­ti­gen Bran­chen noch im­mer deut­lich über dem Ni­veau vor ei­nem Jahr lie­gen (vgl. Grafik 2) – trotz der jüngs­ten Ab­schwä­chung im ers­ten Quar­tal. Ei­nen zum Teil deut­li­chen Pro­duk­ti­ons­rück­gang gab es zu Be­ginn des Jah­res in der Che­mie, bei Da­ten­ver­ar­bei­tungs­ge­rä­ten und elek­tro­ni­scher Aus­rüs­tung, im Ma­schi­nen­bau und im Me­tall­ge­wer­be. Phar­ma­ und Au­to­pro­duk­ti­on stie­gen da­ge­gen. Der Auf­trags­ein­gang sank in der Che­mie und im Me­tall­ge­wer­be deut­lich, we­ni­ger in der Elek­tro­in­dus­trie und im Au­to­bau.

Op­ti­mis­ti­sche Ver­bän­de

Der deut­sche Che­mie­ver­band VCI hat erst im März sei­ne Pro­gno­se für 2018 be­stä­tigt, wo­nach die Pro­duk­ti­on in der Che­mie­und Phar­ma­bran­che um 3,5% wach­sen soll­te. Beim Ver­band der Elek­tro­in­dus­trie ZVEI im Nach­bar­land heisst es: «Die Kon­junk­tur­si­gna­le sind mo­men­tan et­was un­ein­heit­lich, aber wir nei­gen jetzt noch nicht da­zu, hier all­zu viel hin­ein­zu­in­ter­pre­tie­ren. Del­len oder gar Ab­schwün­ge möch­ten wir noch nicht aus­ru­fen.»

Ähn­li­ches ist vom Ma­schi­nen­bau­ver­band VDMA zu hö­ren: «Der deut­sche Ma­schi­nen­bau hat kei­ne Kon­junk­tur­del­le.» Zu­letzt er­höh­te der VDMA so­gar sei­ne Pro­duk­ti­ons­pro­gno­se von 3 auf 5%. Der Au­to­mo­bil­ver­band VDA teil­te mit, dass die Ka­pa­zi­täts­aus­las­tung (vgl. Grafik 3) wei­ter­hin auf his­to­risch ho­hem Ni­veau lie­ge: «Ei­ne Kon­junk­tur­del­le ist, be­zo­gen auf die Au­to­mo­bil­in­dus­trie, zum jet­zi­gen Zeit­punkt nicht fest­zu­stel­len.»

Die Bau­pro­duk­ti­on war zu­letzt vom stren­gen Win­ter be­trof­fen. «In Deutsch­land sind die Fun­da­men­tal­da­ten im Hoch­ so­wie im In­fra­struk­tur­bau sehr gut, die Nach­fra­ge ist enorm», teil­te der Schwei­zer Kon­zern Im­ple­nia kürz­lich mit.

Die deut­sche Au­to­in­dus­trie hat von Ja­nu­ar bis April 5% mehr Per­so­nen­wa­gen als im Vor­jah­res­zeit­raum ab­ge­setzt.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.