Ge­sund­heit zahlt sich aus

Nah­rungs­mit­tel­her­stel­ler und de­ren Zu­lie­fe­rer drän­gen in ei­nen wach­sen­den Markt.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - MICHA­EL GRIESDORF

Nicht nur Kon­su­men­ten set­zen zu­neh­mend auf ge­sun­de Er­näh­rung. Auch in der Me­di­zin er­hält Prä­ven­ti­on ei­nen im­mer grös­se­ren Stel­len­wert. Nah­rungs­mit­tel­her­stel­ler wie Nest­lé oder Da­no­ne sind auf die­sen Zug auf­ge­sprun­gen. Der Trend kommt ih­nen ge­le­gen. Im tra­di­tio­nel­len Ge­schäft ste­hen sie un­ter Druck, auch we­gen der stei­gen­den Be­liebt­heit von klei­nen, lo­ka­len An­bie­tern. Ge­fragt sind neue Wachs­tums­fel­der.

Ge­mäss den Markt­for­schern von Eu­ro­mo­ni­tor wird das Seg­ment für Ge­sund- heits­nah­rung welt­weit bis 2022 rund 6% pro Jahr wach­sen. Da­mit dürf­te es deut­lich stär­ker zu­le­gen als der Markt für klas­si­sche Le­bens­mit­tel. Nest­lé setzt mit ei­ner ei­ge­nen Toch­ter­ge­sell­schaft auf das The­ma, zu­dem kommt CEO Mark Schnei­der aus dem Ge­sund­heits­sek­tor. Bran­chen­nach­bar Da­no­ne al­ler­dings ist ge­mes­sen am Um­satz wei­ter als Nest­lé, was den Um­bau des Ge­schäfts an­geht.

Doch nicht nur die Nah­rungs­mit­tel­pro­du­zen­ten pro­fi­tie­ren von dem neu­en Be­dürf­nis der Kon­su­men­ten, auch de­ren Zu­lie­fe­rer. Un­ter­neh­men wie die nie­der­län­di­sche DSM oder BASF aus Deutsch­land ver­su­chen, sich als stra­te­gi­sche Part­ner von Nest­lé und Da­no­ne zu po­si­tio­nie­ren. Auch der Phar­ma­zu­lie­fe­rer Lon­za will ein Stück vom Ku­chen. Al­ler­dings kon­zen­triert sich die Ge­sell­schaft we­ni­ger auf die In­halts­stof­fe, son­dern auf die Ver­ab­rei­chungs­art. Lon­za hat sich mit der Über­nah­me ei­nes spe­zia­li­sier­ten US-Un­ter­neh­mens ver­stärkt. Mit all die­sen Ak­teu­ren bie­tet sich In­ves­to­ren so­mit ein brei­tes An­la­ge­s­pek­trum.

Die Nah­rungs­mit­tel­in­dus­trie und ih­re Zu­lie­fe­rer wer­den ein ernst zu neh­men­der Ak­teur im Ge­sund­heits­we­sen. Prä­ven­ti­on wird min­des­tens genau­so wich­tig wie die Be­hand­lung von Krank­hei­ten. Die Kon­su­men­ten ach­ten mehr auf ih­re Ge­sund­heit und des­halb stär­ker auf die Er­näh­rung. Aus­ser­dem set­zen Ärz­te zu­neh­mend auf ge­sun­de Nah­rung, um den Krank­heits­ver­lauf bei Pa­ti­en­ten güns­tig zu be­ein­flus­sen. Das bie­tet An­le­gern ab­seits des Phar­ma­sek­tors Chan­cen. Denn Ge­sund­heits­nah­rung (Nu­tri­ti­on He­alth) steht im Fo­kus von Un­ter­neh­men wie Nest­lé und Da­no­ne.

«Es liegt auf der Hand, dass Nah­rungs­mit­tel­her­stel­ler für The­men wie Krank­heits­prä­ven­ti­on prä­des­ti­niert sind», sagt Fritz Hee­se, Part­ner und Li­feSci­ence-Ex­per­te bei der Be­ra­tungs­ge­sell­schaft Oli­ver Wy­man, zu «Fi­nanz un­dWirt­schaft». Wäh­rend Phar­ma­kon­zer­ne Ärz­te und Spi­tä­ler als Schnitt­stel­len zu den Pa­ti­en­ten ge­wohnt sind, agie­ren die Nah­rungs­mit­tel­her­stel­ler seit Jah­ren di­rekt mit den Kon­su­men­ten und ha­ben ent­spre­chend viel Know-how im End­kun­den­mar­ke­ting.

Su­che nach Wachs­tum

Ge­sun­de Nah­rung ver­spricht gros­ses Wachs­tum. Die Ana­lys­ten von Eu­ro­mo­ni­tor In­ter­na­tio­nal er­war­ten, dass der Markt bis 2022 jähr­lich rund 6% zu­le­gen wird und da­mit stär­ker als das klas­si­sche Nah­rungs­mit­tel­ge­schäft. Die zu­neh­men­de Be­deu­tung von ge­sun­dem Es­sen kommt den gros­sen Nah­rungs­mit­tel­her­stel­lern ge­le­gen, denn ihr tra­di­tio­nel­les Ge­schäft steht un­ter Druck. Seit ge­rau­mer Zeit ma­chen ih­nen lo­ka­le An­bie­ter das Le­ben schwer.

Hin­zu kommt der Trend zu bio­lo­gi­schen und we­ni­ger zu­cker­hal­ti­gen Pro­duk­ten. Klei­ne­re Kon­kur­ren­ten kön­nen durch das In­ter­net recht güns­tig Mar­ke­ting be­trei­ben. Der Grös­sen­vor­teil der Nah­rungs­mit­tel­mul­tis ist zu­neh­mend aus­ge­he­belt. «Mit ei­nem gu­ten Pro­dukt und gu­ten Kon­zept ist der Markt­ein­tritt heu­te deut­lich güns­ti­ger als frü­her», sag­te Nest­lé-CEO Mark Schnei­der im Sep­tem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res vor In­ves­to­ren im Rah­men ei­nes Stra­te­gie-Up­dates.

Nest­lé re­agier­te be­reits 2011 mit der Grün­dung ih­rer Toch­ter He­alth Sci­ence. Um die In­no­va­ti­ons­kraft nicht zu ge­fähr­den, wird sie als ei­gen­stän­di­ge Ge­sell­schaft ge­führt. Un­ter CEO Schnei­der, der vor der Zeit bei Nest­lé den deut­schen Ge­sund­heits­kon­zern Fre­se­ni­us sehr er­folg­reich ge­führt hat, hat Nest­lé den Fo­kus auf Ge­sund­heits­nah­rung noch­mals ver­stärkt.

Im Vor­der­grund von Nest­lé He­alth Sci­ence steht nicht die Be­hand­lung von Krank­hei­ten. «Ge­sund­heits­nah­rungs­mit­tel sind kei­ne Me­di­ka­men­te. Viel­mehr geht es dar­um, die Pro­gno­se zu ver­bes­sern», sag­te Schnei­der. Die Pro­duk­te von Nest­lé sol­len des­halb vor al­lem den Be­darf nach Pro­te­inen, Koh­len­hy­dra­ten und Fett so­wie nach den rund 40 Mi­kro­nähr­stof­fen op­ti­mal be­frie­den. Grob lässt sich ge­sund­heits­för­dern­de Nah­rung in die Ka­te­go­ri­en Li­fe­style, Nah­rungs­er­gän­zung, Ba­by­nah­rung und Me­di­zi­nal­nah­rung, un­ter­tei­len (vgl. gros­se Gra­fik oben).

Vier Über­nah­men und neun Be­tei­li­gun­gen für to­tal über 3,6 Mrd. $ hat Nest­lé seit der Grün­dung von Nest­lé He­alth Sci­ence durch­ge­führt. Un­ter an­de­rem hat sie in ein Un­ter­neh­men in­ves­tiert, das an der Ent­wick­lung ei­nes Dia­gno­se­tests für Kuh­milch-All­er­gi­en bei Ba­bys ist.

«Noch steckt vie­les in den Kin­der­schu­hen», er­klärt Be­ra­ter Hee­se. Ein Gross­teil des Seg­ments Nu­tri­ti­on & He­alth Sci­ence von Nest­lé fällt auf das längst eta­blier­te Ge­schäft mit Ba­by­nah­rung und Haut­pfle­ge­pro­duk­ten. Nur rund 2 Mrd. Fr. bzw. 14% des Spar­ten­um­sat­zes wer­den mit Ge­sund­heits­nah­rung im neu­en Sinn er­zielt (vgl. Gra­fik 1). Im Ver­gleich zum Kon­zern­um­satz liegt der An­teil gar bei nur 2,2%. Al­ler­dings wächst der Um­satz der Ge­sund­heits­pro­duk­te fast dop­pelt so schnell wie der für her­kömm­li­che Nah­rungs­mit­tel. Nest­lé konn­te dort in den letz­ten Jah­ren je­weils ge­ra­de ein­mal rund 3% zu­le­gen.

Da­no­ne liegt vor Nest­lé

Kon­kur­rent Da­no­ne ist ge­mes­sen am Ge­samt­um­satz so­gar noch wei­ter als Nest­lé. Der fran­zö­si­sche Nah­rungs­mit­tel­mul­ti er­ziel­te 2017 un­ge­fähr 1,8 Mrd. € (vgl. Gra­fik 2) bzw. 6,9% des Kon­zern­um­sat­zes mit me­di­zi­ni­scher Nah­rung. «One Pla­net one He­alth» heisst der Mar­ken-Slo­gan von Da­no­ne mitt­ler­wei­le.

Den In­ves­to­ren ge­fällt die neue Stra­te­gie der Le­bens­mit­tel­her­stel­ler. «Wir ha­ben so­wohl Nest­lé als auch Da­no­ne in un­se­rem Port­fo­lio», sagt Mo­ritz Dul­lin­ger, Fonds­ma­na­ger des He­althy Li­ving Fonds des Fonds­an­bie­ters Ro­be­coSAM. Nest­lé ge­hört so­gar zu den Top-3-Po­si­tio­nen.

Dul­lin­ger setzt je­doch nicht nur auf die Nah­rungs­mit­tel­pro­du­zen­ten. «Auch de­ren Zu­lie­fe­rer sind in­ter­es­sant», sagt er. Da­zu zäh­len Un­ter­neh­men wie die nie­der­län­di­sche DSM oder BASF aus Deutsch­land. So hat sich DSM in den letz­ten Jah­ren von ei­nem breit di­ver­si­fi­zier­ten Che­mie­kon­zern zu ei­nem stra­te­gi­schen Part­ner der Nah­rungs­mit­tel­in­dus­trie ge­wan­delt. Das Un­ter­neh­men er­ziel­te 2017 rund 2,5 Mrd. € (vgl. Gra­fik 3) bzw. 29% des Kon­zern­um­sat­zes mit ge­sund­heits­för­dern­den In­halts­stof­fen bzw. mit de­ren For­mu­lie­rung zu Fer­tig­pro­duk­ten. Die Schweiz ist ein wich­ti­ger Pro­duk­ti­ons­stand­ort des Un­ter­neh­mens.

La­chen­der Drit­ter

«Die Nah­rungs­mit­tel­her­stel­ler müs­sen dem Kon­kur­renz­druck mit In­no­va­ti­on be­geg­nen. Die­se Chan­ce wol­len wir pa­cken», sagt Chris­toph Gop­pels­ro­eder, CEO der DSM-Nu­tri­ti­on-Spar­te, im Ge­spräch mit FuW. Gop­pels­ro­eder rech­net da­mit, dass DSM vor al­lem durch den er­höh­ten Kun­den­fo­kus und dank des An­ge­bots in der Fer­tig­for­mu­lie­rung wei­ter­hin ho­hes Wachs­tums­po­ten­zi­al hat.

Auch Lon­za aus Ba­sel setzt seit 2017 auf Ge­sund­heits­nah­rung. Al­ler­dings spie­len bei ihr In­halts­stof­fe die zwei­te Gei­ge. In­ter­es­siert ist die Ge­sell­schaft vor al­lem am Ver­kauf von Ver­ab­rei­chungs­for­men. Vor rund ei­nem Jahr kauf­te sie des­halb für 5,5 Mrd. $ Cap­su­gel. Das US-Un­ter­neh­men ge­hört zu den füh­ren­den An­bie­tern von Kap­seln für Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­teln. Auf an­nua­li­sier­ter Ba­sis er­ziel­te Lon­za 2017 schät­zungs­wei­se 6,7% ih­res Um­sat­zes mit die­sen Pro­duk­ten.

An­le­ger, die auf den Trend set­zen wol­len, fah­ren aus Sicht der Be­wer­tung der­zeit mit DSM be­son­ders gut. Die Ti­tel sind zwar teu­rer als bei­spiels­wei­se die von BASF. Das Kurs-Ge­winn-Ver­hält­nis für 2018 be­trägt 16, das von BASF 13. Da­für er­war­ten Ana­lys­ten bei DSM die mit Ab­stand höchs­te Ge­winn-Wachs­tums­ra­te der nächs­ten drei Jah­re (CAGR). Das Be­wer­tungs-Wachs­tums­ver­hält­nis (PEG-Ra­tio; vgl. Ta­bel­le un­ten) ist deut­lich tie­fer. Das­sel­be Bild zeigt sich auch im Ver­gleich mit Nest­lé, Da­no­ne und Lon­za.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.