Po­ly­phors IPO hat Schön­heits­feh­ler

Die Re­geln der Bör­se zur Ad-hoc-Pu­bli­zi­tät schrei­ben vor, über was und wie An­le­ger in­for­miert wer­den müs­sen.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - MAR­TIN GOLLMER

Die Bio­tech-Ge­sell­schaft hat in der Pu­bli­kums­öff­nung mehr Geld ein­ge­nom­men als ur­sprüng­lich ge­plant. Dank der ho­hen Nach­fra­ge konn­te ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Ak­tio­närs­ba­sis ge­schaf­fen wer­den.

Hem­mungs­los drauf­los twit­tern wie US-Prä­si­dent Do­nald Trump – das geht für ko­tier­te Un­ter­neh­men nicht. In der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ih­ren Ak­tio­nä­ren und der wei­te­ren Öf­fent­lich­keit kön­nen sie nicht ein­fach tun, was sie wol­len. Sie müs­sen Re­geln be­ach­ten. Die schwie­rigs­te un­ter die­sen ist die so­ge­nann­te Ad-hoc-Pu­bli­zi­tät. Sie zielt dar­auf ab, dass al­le ge­gen­wär­ti­gen und po­ten­zi­el­len Markt­teil­neh­mer von ko­tier­ten Un­ter­neh­men chan­cen­gleich mit mög­li­cher­wei­se kurs­re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen ver­sorgt wer­den.

Mit der Ko­tie­rung von Ak­ti­en und an­de­ren Ef­fek­ten an der Schwei­zer Bör­se SIX Swiss Ex­ch­an­ge müs­sen die Un­ter­neh­men Vor­schrif­ten er­fül­len, die ga­ran­tie­ren sol­len, dass mit die­sen Ef­fek­ten in trans­pa­ren­ter Wei­se und un­ter Gleich­be­hand­lung der Markt­teil­neh­mer ge­han­delt wird. Die Vor­schrif­ten de­cken Fol­gen­des ab: Re­gel­mel­de­pflich­ten, Rech­nungs­le­gung, Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce, Ad-hoc-Pu­bli­zi­tät, Of­fen­le­gung von Ma­nage­ment-Trans­ak­tio­nen und Of­fen­le­gung von Be­tei­li­gun­gen (vgl. Ta­bel­le).

Un­prä­zi­se Prä­zi­sie­run­gen

Die für die Un­ter­neh­men am schwie­rigs­ten zu er­fül­len­de Vor­schrift be­trifft die Ad­hoc-Pu­bli­zi­tät. «Es ist in der Pra­xis nicht im­mer klar, wel­che Tat­be­stän­de wirk­lich die Ad-hoc-Re­geln aus­lö­sen», sagt Pro­fes­sor Pe­ter V. Kunz, Di­rek­tor des In­sti­tuts für Wirt­schafts­recht an der Uni­ver­si­tät Bern.

In Ar­ti­kel 53 des Ko­tie­rungs­re­gle­ments (KR) der Schwei­zer Bör­se heisst es da­zu: «Der Emit­tent in­for­miert den Markt über kurs­re­le­van­te Tat­sa­chen, wel­che in sei­nem Tä­tig­keits­be­reich ein­ge­tre­ten sind. Als kurs­re­le­vant gel­ten Tat­sa­chen, die ge­eig­net sind, zu ei­ner er­heb­li­chen Än­de­rung der Kur­se zu füh­ren.»

Prä­zi­sie­run­gen sind in der Richt­li­nie be­tref­fend Ad-hoc-Pu­bli­zi­tät (RAhP) zu fin­den. Dort steht: Ge­mel­det wer­den müs­sen nur «qua­li­fi­zier­te Er­eig­nis­se». Als sol­ches muss es «von er­heb­li­cher Kurs­re­le­vanz und ge­eig­net sein, den durch­schnitt­li­chen Markt­teil­neh­mer in sei­nem An­la­ge­ent­scheid zu be­ein­flus­sen.» Und wei­ter: «Von ei­ner er­heb­li­chen Kurs­re­le­vanz ist aus­zu­ge­hen, wenn ei­ne das üb­li­che Mass der Schwan­kun­gen deut­lich über­stei­gen­de Kurs­än­de­rung zu er­war­ten ist.»

Schwie­rig dar­an ist zwei­er­lei: Um her­aus­zu­fin­den, was zu ei­ner er­heb­li­chen Kurs­ver­än­de­rung führt, müss­ten die Fir­men ers­tens in die be­rühm­te Kris­tall­ku­gel bli­cken kön­nen. Zwei­tens müs­sen die Un­ter­neh­men selbst her­aus­fin­den, was ein qua­li­fi­zier­tes Er­eig­nis ist, das ge­mel­det wer­den muss. Zwar gibt es auf der Web­site der Schwei­zer Bör­se ei­ne Lis­te (vgl. Ta­bel­le); die­se wird aber aus­drück­lich als nicht ab­schlies­send be­zeich­net. Zu­dem exis­tie­ren kei­ne fes­ten Grenz­wer­te oder Pro­zent­zah­len, bei de­ren Er­rei­chen et­wa ein Ab­bau von Ar­beits­plät­zen oder ei­ne Ge­winn­ver­än­de­rung als po­ten­zi­ell kurs­re­le­vant zu be­trach­ten wä­re.

Iden­ti­fi­ziert ein Un­ter­neh­men ei­ne Tat­sa­che als po­ten­zi­ell kurs­re­le­vant, muss es ge­mäss der RAhP bei der In­for­ma­ti­on über die­sel­be be­stimm­te Pu­bli­ka­ti­ons­re­geln ein­hal­ten. So müs­sen un­ter an­de­rem min­des­tens zwei bei pro­fes­sio­nel­len Markt­teil­neh­mern ver­brei­te­te elek­tro­ni­sche In­for­ma­ti­ons­sys­te­me (z. B. Wirt- schafts­nach­rich­ten­agen­tu­ren wie Bloomberg oder Reuters) be­dient wer­den. Wei­ter muss die In­for­ma­ti­on we­nigs­tens zwei Schwei­zer Zei­tun­gen von na­tio­na­ler Be­deu­tung zu­ge­stellt wer­den.

Die Schwei­zer Bör­se über­wacht die Ein­hal­tung der Ad-hoc-Re­geln. Da­zu be­treibt sie «ein ak­ti­ves Mo­ni­to­ring ba­sie­rend auf un­ter­schied­li­chen in­ter­nen und ex­ter­nen Qu­el­len», wie Ju­li­an Chan, Me­dien­spre­cher der SIX Swiss Ex­ch­an­ge sagt. Da­bei wür­den so­wohl Mit­ar­bei­ten­de der Bör­se wie auch tech­ni­sche Sys­te­me ein­ge­setzt. Ver­stös­se wer­den nur sel­ten fest­ge­stellt. «Grund­sätz­lich hält die über­wie­gen­de Mehr­heit der ko­tier­ten Un­ter­neh­men die Ad-hoc-Re­geln ein», sagt Chan. «Dies zeigt sich dar­an, dass es in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren nur ver­ein­zelt zu Sank­ti­ons­ent­schei­den kam.»

Da­mit ist auch schon ge­sagt, dass die Schwei­zer Bör­se Un­ter­neh­men, die ge­gen die Ad-hoc-Re­geln ver­stos­sen, mass­re­geln kann. Die Lis­te der mög­li­chen Sank­tio­nen um­fasst da­bei ge­mäss KR ne­ben Ver­wei­sen auch Bus­sen bis zu 1 Mio. Fr. (bei Fahr­läs­sig­keit) bzw. bis zu 10 Mio. Fr. (bei Vor­satz). So wur­de et­wa die Gross­bank UBS mit 2 Mio. Fr. ge­büsst, weil sie es in ei­nem Fall im Jahr 2012 un­ter­liess, nicht so­fort auf Mel­dun­gen in den Me­di­en über ei­nen Stra­te­gie­wech­sel mit ei­ner Ad-hoc-Mit­tei­lung zu re­agie­ren, son­dern zu­war­te­te, bis der Ver­wal­tungs­rat dar­über be­schlos­sen hat­te.

Fir­men ar­ran­gie­ren sich

Ko­tier­te Schwei­zer Un­ter­neh­men ha­ben sich mit dem en­gen Kor­sett ab­ge­fun­den, das ih­nen die Bör­se in Sa­chen Ad-hocPu­bli­zi­tät auf­er­legt. «Wir be­trach­ten die Re­geln als Teil ei­ner gu­ten Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce und emp­fin­den sie nicht als ein­engend», sagt et­wa Da­ni­el Rü­fe­nacht, He­ad Cor­po­ra­te Com­mu­ni­ca­ti­ons beim Wa­ren­prüf­kon­zern SGS. «Wir ge­hen prag­ma­tisch mit den Re­geln um und hal­ten uns dar­an», er­klärt Eli­sa­beth Bo­ner, ver­ant­wort­lich für In­ves­tor Re­la­ti­ons beim Glas­ver­pa­ckungs­her­stel­lerVe­tro­pack. «Die Re­geln er­leich­tern die zeit­glei­che Be­kannt­ga­be kurs­re­le­van­ter Tat­sa­chen.»

Ob­wohl die Re­geln zur Ad-hoc-Pu­bli­zi­tät nicht ganz klar sind, zie­hen bei de­ren An­wen­dung we­der SGS noch Ve­tro­pack recht­li­chen Rat bei. «Wir ver­fol­gen die Pra­xis und die Rechts­spre­chung der Über­wa­chungs­be­hör­den der Schwei­zer Bör­se», heisst es da­zu bei SGS. Da­mit die Ad-hocRe­geln ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen, ge­be es ei­nen fest­ge­leg­ten in­ter­nen Pro­zess. Und bei Ve­tro­pack «wer­den Er­eig­nis­se, wel­che po­ten­zi­ell ei­ne Ad-hoc-Pu­bli­zi­tät aus­lö­sen kön­nen, von Ge­schäfts­lei­tung und Ver­wal­tungs­rat sorg­fäl­tig ge­prüft».

Über po­ten­zi­ell kurs­re­le­van­te Tat­sa­chen müs­sen ko­tier­te Un­ter­neh­men so in­for­mie­ren, dass al­le In­ter­es­sier­ten es er­fah­ren kön­nen.

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