Schäd­li­che Scheu

Die Span­nun­gen zwi­schen den USA und Chi­na sind auch in den Un­ter­neh­men zu spü­ren. Die Be­reit­schaft, Ka­pi­tal in das Wachs­tum zu in­ves­tie­ren, schwin­det.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - FRANK HEINIGER

Die Span­nun­gen zwi­schen den USA und Chi­na sind auch in den Füh­rungs­eta­gen zu spü­ren. Un­ter­neh­men hal­ten sich mit Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen zu­rück.

Kaum ein Tag ver­geht oh­ne neue Mel­dung zum glo­ba­len Han­dels­streit. Doch wie sich der Kon­flikt zwi­schen den USA und Chi­na über die kom­men­den Mo­na­te tat­säch­lich ent­wi­ckeln wird, bleibt so un­durch­sich­tig wie eh und je. Dies sorgt für Ner­vo­si­tät – nicht nur un­ter den An­le­gern, son­dern auch in den Füh­rungs­eta­gen der Kon­zer­ne. An­ge­sichts der un­si­che­ren Rah­men­be­din­gun­gen hat sich die Be­reit­schaft der Ma­na­ger, in die or­ga­ni­sche Kon­zern­ex­pan­si­on zu in­ves­tie­ren, eher wie­der ab­ge­schwächt. Ein Ri­si­ko – set­zen sie mit die­ser Zu­rück­hal­tung doch das künf­ti­ge Wirt­schafts­wachs­tum aufs Spiel.

Da­bei hat­te das Jahr 2018 in Sa­chen Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen (Ca­pex, vgl. Glos­sar) gera­de in den USA viel­ver­spre­chend be­gon­nen. So lie­fer­te die Steu­er­re­form von Prä­si­dent Trump – Aus­land­gut­ha­ben kön­nen steu­er­güns­tig re­pa­tri­iert und Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen be­reits im ers­ten Jahr ab­ge­schrie­ben wer­den – den er­hoff­ten Schub: Die to­ta­len Ca­pex al­ler Un­ter­neh­men im Leit­in­dex S&P 500 klet­ter­ten im ers­ten Se­mes­ter auf 341 Mrd. $, was mit ei­nem Jah­res­plus von rund 20% der stärks­ten Ex­pan­si­on seit min­des­tens 25 Jah­ren ent­spricht (vgl. Gra­fik 1). Da­bei setz­ten sich laut Gold­man Sachs vor al­lem Tech-Kon­zer­ne wie Al­pha­bet, Face­book oder Mi­cro­soft mit hö­he­ren In­vest­ments in Sze­ne.

Ef­fekt schwächt sich ab

In­zwi­schen meh­ren sich al­ler­dings Zei­chen, dass die po­si­ti­ve Wir­kung der Steu­er­re­form be­reits nach­lässt. Tors­ten Slok, Chef­öko­nom der Deut­schen Bank in den USA, hat vor kur­zem dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich im US-Markt das Wachs­tum bei den zi­vi­len In­ves­ti­ti­ons­gü­tern (un­ter Aus­klam­me­rung der vo­la­ti­len Luft­fahrt­bran­che) deut­lich ver­rin­gert hat – so­wohl beim Auf­trags­ein­gang als auch bei den Aus­lie­fe­run­gen (vgl. Gra­fik 2).

Ei­ne ähn­li­che Mei­nung ver­tre­ten die Ana­lys­ten des US-Fi­nanz­dienst­leis­ters PNC. «Wir kön­nen kein breit ab­ge­stütz­tes Wachs­tum in den Ca­pex-Zah­len er­ken­nen, wie wir dies nach der Steu­er­re­form von Trump ei­gent­lich er­war­tet hät­ten», ha­ben sie vor kur­zem kom­men­tiert. Die In­ves­ti­tio­nen wür­den sich pri­mär in den Sek­to­ren Tech­no­lo­gie und Ener­gie kon­zen­trie­ren, wäh­rend die Ca­pex in vie­len an­de­ren Bran­chen ma­xi­mal auf die Wah­rung des Sta­tus quo aus­ge­rich­tet sei­en. Die­se Zu­rück­hal­tung, die mass­geb­lich der Un­si­cher­heit rund um den Han­dels­kon­flikt zu­zu­schrei­ben sei, ge­fähr­de letz­ten En­des das Ge­winn­wachs­tum.

Ent­spre­chend pes­si­mis­tisch zeigt sich auch Fitch: Die Ana­lys­ten der Ra­ting­agen­tur ge­hen da­von aus, dass sich das Wachs­tum der US-Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen 2018 trotz star­kem Be­ginn auf 3% ver­rin­gern wird, was ge­gen­über dem Vor­jahr ei­ner Hal­bie­rung ent­spricht. Für 2019 wird so­gar ei­ne leich­te Kon­trak­ti­on der Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen in Aus­sicht ge­stellt.

Tat­säch­lich häuft sich in der lau­fen­den Be­richts­sai­son zum drit­ten Quar­tal an­ek­do­ti­sche Evi­denz, dass in vie­len Be­rei­chen die In­ves­ti­ti­ons­ak­ti­vi­tät zu­rück­ge­fah­ren wird. So muss­te et­wa der ja­pa­ni­sche Ro­bo­ter­spe­zia­list Fa­nuc, der letz­tes Jahr noch von Ex­pan­si­ons­in­ves­ti­tio­nen aus der In­dus­trie pro­fi­tiert hat­te, den Aus­blick für das Ge­samt­jahr re­du­zie­ren – mit Ver­weis auf den glo­ba­len Han­dels­kon­flikt.

Das Ri­si­ko sin­ken­der Ca­pex wird da­durch ver­schärft, dass vie­le Un­ter­neh­men ge­gen­wär­tig die kurz­fris­ti­ge Gra­ti­fi­ka­ti­on des Ak­ti­en­mark­tes zu be­vor­zu­gen schei­nen – zu­un­guns­ten der Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen, die oft erst nach ge­rau­mer Zeit Wir­kung ent­fal­ten. Ge­mäss ei­ner Stu­die von Gold­man Sachs flos­sen in neun­zehn der letz­ten zwan­zig Jah­re die meis­ten Mit­tel der S&P-500-Kon­zer­ne in Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen. Im ers­ten Halb­jahr 2018 ha­ben nun al­ler­dings erst­mals die Ak­ti­en­rück­käu­fe mit 384 Mrd. $ die­sen Spit­zen­platz über­nom­men (vgl. Gra­fik 3).

Ge­misch­te Zei­chen in Eu­ro­pa

Eher durch­zo­gen wirkt die Ca­pex-Si­tua­ti­on in Eu­ro­pa: Nach Jah­ren sin­ken­der Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen schie­nen sich hier die Aus­sich­ten end­lich auf­zu­hel­len, be­vor Han­dels­streit­sor­gen und in­ter­ne Pro­ble­me – Stich­wort Ita­li­en – die La­ge wie­der ver­düs­ter­ten. So hat ei­ne Um­fra­ge der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank vor kur­zem ge­zeigt, dass sich die Kre­dit­auf­nah­me eu­ro­päi­scher Un­ter­neh­men für In­ves­ti­ti­ons­zwe­cke ab­ge­schwächt hat. Im­mer­hin wei­sen die Ana­lys­ten von HS­BC dar­auf hin, dass sich an­ge­sichts ho­her Bar­geld­be­stän­de die Kre­dit­ab­hän­gig­keit der Ge­sell­schaf­ten ver­rin­gert ha­be.

Die Ana­lys­ten von Schro­ders ge­hen da­von aus, dass die Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen in Eu­ro­pa al­lein schon des­halb stei­gen müs­sen, weil sich vie­le Bran­chen be­reits am obe­ren Rand ih­rer Ka­pa­zi­tät be­we­gen. Die Aus­las­tung der In­dus­trie in der Eu­ro­zo­ne be­trägt knapp 85% – das ist nicht weit vom Ni­veau ent­fernt, das vor der Fi­nanz­kri­se zu ver­zeich­nen war (vgl. Gra­fik 4).

Vor­teil­haft wir­ken die Rah­men­be­din­gun­gen der­weil in Ja­pan. Dank ei­ner ho­hen In­dus­trie­aus­las­tung und aku­tem Ar­beits­kräf­te­man­gel ha­ben hier vie­le Kon­zer­ne wohl kei­ne an­de­re Wahl, als in neue Ka­pi­tal­gü­ter zu in­ves­tie­ren. Als zu­sätz­li­cher Trei­ber dürf­te die Steu­er­re­form von Pre­mier­mi­nis­ter Shin­zo Abe wir­ken, die die­ses Jahr in Kraft ge­tre­ten ist. Die zu be­zah­len­den Steu­er­sät­ze ver­rin­gern sich deut­lich, wenn Un­ter­neh­men hoch­wer­ti­ge In­ves­ti­tio­nen vor­neh­men – wie et­wa in bes­se­re IT oder die Au­to­ma­ti­on der Fer­ti­gung. Auch wer­den ge­wis­se Son­der­ab­schrei­bun­gen ge­währt.

Der ja­pa­ni­sche Ro­bo­ter­her­stel­ler Fa­nuc muss­te vor kur­zem die Jah­res­pro­gno­sen nach un­ten re­vi­die­ren. Der glo­ba­le Han­dels­streit las­tet auf dem Be­stel­lungs­ein­gang.

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