Si­mo­na Scar­pa­leg­gia

Die Schwei­zer Län­der­che­fin des Mö­bel­kon­zerns Ikea be­dau­ert, dass sich die Po­li­tik schwer­tut mit Mass­nah­men zur Gleich­stel­lung.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - GABRIELLA HUN­TER

Di­ver­si­tät und Gleich­stel­lung sind wich­tig für den ge­schäft­li­chen Er­folg, sagt die Che­fin von Ikea Schweiz.

In Sprei­ten­bachs In­dus­trie­quar­tier emp­fängt ei­nen ein fröh­li­ches Spra­chen­ge­wirr: Ita­lie­nisch, Eng­lisch, Deutsch – al­les wird wild durch­ein­an­der ge­spro­chen. Mit­ar­bei­ten­de aus neun­zig Na­tio­nen ar­bei­ten in der Schweiz für Ikea.

Auf die gros­se Di­ver­si­tät ist CEO Si­mo­na Scar­pa­leg­gia sicht­lich stolz: «Ich glau­be fest, dass wir of­fen sein soll­ten für al­le, weil das Wert schafft für die in­di­vi­du­el­len Be­zie­hun­gen, aber auch für das Un­ter­neh­men.» Zu­min­dest ei­nen Teil da­von kann sie sich selbst zu­schrei­ben. Seit 2010 ist die Ita­lie­ne­rin hie­si­ge Län­der­che­fin des Mö­bel­kon­zerns. In die­ser Zeit hat sie ei­ni­ge Pro­jek­te zur För­de­rung der Mit­ar­bei­ten­den und der Un­ter­neh­mens­kul­tur an­ge­stos­sen.

Im Zen­trum ih­res An­lie­gens steht oft die Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter in der Ar­beits­welt. Bei Ikea Schweiz ist das Ver­hält­nis mitt­ler­wei­le aus­ge­gli­chen, auch in der Ge­schäfts­lei­tung. Dank den Ent­wick­lun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re sei es mitt­ler­wei­le ein ganz na­tür­li­cher Pro­zess, dass auf ei­nen Mann ei­ne Frau oder um­ge­kehrt folgt.

Als Ers­tes müs­se das Be­wusst­sein für die Pro­ble­ma­tik da sein. «Das ver­hin­dert Aus­re­den und min­dert Ängs­te», sagt Scar­pa­leg­gia. Bei Ikea Schweiz wur­den sim­ple Re­geln ein­ge­führt: In die en­ge­re Aus­wahl für die Stel­len­be­set­zung und Be­för­de­run­gen kom­men im­mer gleich vie­le Män­ner und Frau­en. «Die Frau­en sind da, wir se­hen sie oft ein­fach nicht», ist die Ma­na­ge­rin über­zeugt.

Für me­dia­le Auf­merk­sam­keit sorg­te die Ein­füh­rung ei­nes Va­ter­schafts­ur­laubs im Sep­tem­ber 2017. Seit­her bie­tet der Mö­bel­kon­zern in der Schweiz ei­nen sol­chen von bis zu zwei Mo­na­ten an – da­von zwei Wo­chen Fe­ri­en. «Die re­ge Nach­fra­ge zeigt, dass die­se Mass- nah­me auf ein Be­dürf­nis stösst», sagt Scar­pa­leg­gia. Denn nicht nur die

Frau­en wür­den von den Gleich­stel­lungs­be­mü­hun­gen pro­fi­tie­ren, son­dern auch die Vä­ter, die mehr Zeit mit ih­ren Kin­dern ver­brin­gen wol­len und de­ren Be­treu­ung über­neh­men.

Sie be­dau­ert, dass sich die Po­li­tik schwer­tut mit der Ein­füh­rung ei­nes Va­ter­schafts­ur­laubs. «Aber die Schwei­zer sind prag­ma­tisch: Wenn sie se­hen, dass et­was bes­ser funk­tio­niert, sind sie be­reit, das zu än­dern», gibt sich die 58-Jäh­ri­ge zu­ver­sicht­lich. Ihr Op­ti­mis­mus ist un­ge­bro­chen. Da­bei hat sie selbst er­lebt, wie schwie­rig es sei kann, Fa­mi­lie und Kar­rie­re zu ver­ei­nen: Sie war – eben­so wie ihr Mann – stets be­rufs­tä­tig, trotz drei mitt­ler­wei­le er­wach­se­nen Kin­dern. Nach ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen im Per­so­nal­we­sen kam Scar­pa­leg­gia im Jahr 2000 zu Ikea Ita­li­en und wech­sel­te von dort in die Schweiz.

Di­ver­si­tät be­schränkt sich für die Ma­na­ge­rin nicht auf Ge­schlech­ter­fra­gen. Die ver­schie­de­nen Kul­tu­ren, die bei Ikea zu­sam­men­kom­men, sei­en ei­ne Be­rei­che­rung: «Ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven zu ha­ben, ist ein fan­tas­ti­scher Weg, in­no­va­tiv zu sein, in Kun­den­seg­men­te vor­zu­drin­gen und so das Ge­schäft vor­an­zu­brin­gen.» Die Kon­su­men­ten hät­ten schliess­lich auch un­ter­schied­li­che Hin­ter­grün­de und Be­dürf­nis­se. «Wenn wir de­nen ent­spre­chen, ma­chen wir ein gu­tes Ge­schäft», glaubt Scar­pa­leg­gia.

Der Er­folg gibt ihr recht: In ei­nem sich ra­sant ver­än­dern­den Ge­schäfts­um­feld kann sich Ikea hier­zu­lan­de be­haup­ten. Im Ge­schäfts­jahr 2017/18 hat der Mö­bel­kon­zern den Um­satz ge­gen den Markt­trend leicht ge­stei­gert. Zu den Wachs­tums­trei­bern ge­hör­te der On­li­ne­ver­kauf, der um rund ein Fünf­tel zu­leg­te. Mitt­ler­wei­le er­wirt­schaf­tet Ikea Schweiz knapp je­den zwölf­ten Fran­ken über das In­ter­net.

In ih­rer Rol­le fühlt sich Scar­pa­leg­gia wohl – und ih­re En­er­gie scheint un­er­schöpf­lich. 2010 hat sie das Fir­men­netz­werk Ad­van­ce ge­grün­det, das bis 2020 den Frau­en­an­teil in Füh­rungs­po­si­tio­nen auf ein Fünf­tel stei­gern will. Seit zwei Jah­ren en­ga­giert sie sich bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen als Co-Chair des High-Le­vel Pa­nel on Wo­men’s Eco­no­mic Em­power­ment. Kom­men­den Mon­tag ist sie zu­dem zu Gast auf dem UBS Fo­rum for Eco­no­mic Dia­lo­gue in Zü­rich. Das The­ma: wie Über­zeu­gun­gen, Wer­te und ge­schäft­li­cher Er­folg zu­sam­men­hän­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.