EZB gibt Gas

Die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank denkt über ei­ne Neu­auf­la­ge von TLTRO-Geld­kre­di­ten für die Ban­ken im Eu­ro­raum nach.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - ANDRE­AS NEINHAUS

Zwei von drei Ana­lys­ten er­war­ten, dass die EZB Ban­ken 2019 mit neu­en Li­qui­di­täts­sprit­zen ver­sorgt. Sie will so ver­hin­dern, dass die EZB-Bi­lanz zu schnell schrumpft.

Seit Mo­na­ten be­rei­tet die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) die Öf­fent­lich­keit auf das En­de der An­lei­hen­käu­fe vor. Ab dem nächs­ten Jahr wird sie nur noch aus­lau­fen­de Ti­tel im De­pot er­set­zen, aber net­to kei­ne zu­sätz­li­chen Wert­pa­pie­re mehr er­wer­ben. Da­mit soll das Wachs­tum der No­ten­bank­bi­lanz ge­stoppt wer­den. In­zwi­schen geht al­ler­dings ei­ne ganz an­de­re Angst am Frank­fur­ter Haupt­sitz um: Die Zen­tral­bank­bi­lanz könn­te zu schnell schrump­fen.

Die EZB denkt über Aus­weich­ma­nö­ver nach, um die­sen un­er­wünsch­ten Li­qui­di­täts­ab­bau im Eu­ro­raum zu brem­sen. Be­reits an der nächs­ten Sit­zung An­fang De­zem­ber könn­te sie zu­sätz­li­che mil­li­ar­den­schwe­re Li­qui­di­täts­ge­schäf­te in Aus­sicht stel­len, zi­tiert die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters EZB-Ver­tre­ter, die an­onym blei­ben wol­len.

Rück­zah­lun­gen fäl­lig

Stein des An­stos­ses sind nicht die Staats­an­lei­hen und die Pfand­brie­fe, die die EZB seit drei­ein­halb Jah­ren sys­te­ma­tisch am Markt er­wirbt, um die mit­tel- bis lang­fris­ti­gen Zin­sen tief zu hal­ten. Es geht um die be­fris­te­ten Geld­kre­di­te, die die Zen­tral­bank den Ban­ken di­rekt zur Ver­fü­gung stellt. Die­se TLTRO (vgl. Text­kas­ten) kön­nen nach zwei und müs­sen nach vier Jah­ren zu­rück­ge­zahlt wer­den.

Die EZB ver­gab ab Ju­ni 2016 im Quar­tals­rhyth­mus vier TLTRO für ins­ge­samt 740 Mrd. €. Die Geld­kre­di­te ma­chen den zweit­gröss­ten Pos­ten auf der Ak­tiv­sei­te der EZB-Bi­lanz aus, ihr An­teil be­läuft sich auf 16%. Wer­den die Kre­di­te ab Ju­ni 2020 bis März 2021 fäl­lig, schrumpft die Bi­lanz in die­sem Um­fang. Vor al­lem die ers­te und die vier­te Rück­zah­lung sind be­acht­lich: Sie be­lau­fen sich Stand heu­te auf 380 und 230 Mrd. €. Die im Sep­tem­ber und im De­zem­ber 2020 fäl­lig wer­den­den TLTRO sind mit 44 und 62 Mrd. € im Ver­gleich da­zu be­schei­den (vgl. Gra­fik 1).

Die Ana­lys­ten der Bank Nor­dea war­nen, dass die Über­schuss­li­qui­di­tät be­reits 2019 ab­neh­men dürf­te. Es war im­mer das Ziel der EZB, die Re­ser­ven der Ban­ken aus­rei­chend hoch zu hal­ten. «Der Li­qui­di­täts­über­schuss hat da­zu ge­führt, dass die Markt­zin­sen nied­rig sind», schreibt die Zen­tral­bank, «so­dass Un­ter­neh­men und Pri­vat­per­so­nen güns­ti­ger Kre­di­te auf­neh­men kön­nen, was da­zu bei­trägt, dass sich die Wirt­schaft er­holt und Ban­ken Li­qui­di­täts­puf­fer bil­den kön­nen.»

Zwar will die EZB die Geld­po­li­tik nor­ma­li­sie­ren, aber das soll vor­sich­tig von­stat­ten­ge­hen. Wenn ne­ben dem En­de der Net­to­zu­käu­fe und all­fäl­li­gen Leit­zins­er­hö­hun­gen ab dem zwei­ten Halb­jahr 2019 auch noch die TLTRO weg­fal­len, droht dem Eu­ro­raum ein mit­tel­schwe­rer Li­qui­di­täts­schock. Die Zin­sen könn­ten über Er­war­ten nach oben schiessen.

Vor­zei­tig ab­ge­löst wer­den die Kre­di­te von den Ban­ken kaum. Seit En­de Ju­ni 2018 kann die ers­te und seit En­de Sep­tem­ber die zwei­te TLTRO frei­wil­lig zu­rück­ge­zahlt wer­den. Ban­ken ha­ben aber nur 14 Mrd.€ amor­ti­siert. Of­fen­bar sind vie­le In­sti­tu­te auf das güns­ti­ge EZB-Geld an­ge­wie­sen.

Ita­li­ens Ban­ken be­trof­fen

Be­son­ders für ita­lie­ni­sche Ban­ken trifft das zu. Sie hal­ten ein Drit­tel der aus­ste­hen­den TLTRO-Gel­der, ge­folgt von spa­ni­schen Häu­sern mit 22%. Aber wäh­rend sich die La­ge in Spa­ni­en dank der Ban­ken­re­ka­pi­ta­li­sie­rung mit Mit­teln des Eu­ro­ret­tungs­schirms dras­tisch ver­bes­sert hat, lau­ern im ita­lie­ni­schen Ban­ken­sys­tem im­mer noch Ri­si­ken. Die Ban­ken hal­ten ei­nen Berg an Staats­an­lei­hen, der sie für das Ra­tin­g­ri­si­ko Ita­li­ens an­fäl­lig macht. Das schwächt ih­re Er­trags­kraft und Ri­si­ko­fä­hig­keit und bremst da­mit das Kre­dit­an­ge­bot, das die TLTRO doch for­cie­ren sol­len (vgl. Text­kas­ten).

Zwei von drei Ana­lys­ten, die Bloom­berg die­se Wo­che be­fragt hat, er­war­ten, dass die EZB neue TLTRO an­bie­ten wird. Über Zeit­punkt, Form und Um­fang wird noch ge­rät­selt. Wä­re es bes­ser, neue Li­qui­di­täts­ten­der an­zu­bie­ten oder nur die Frist der be­ste­hen­den zu ver­län­gern? Zu be­ach­ten ist, dass Ita­li­en und Spa­ni­en ihr Po­ten­zi­al für TLTRO-Kre­di­te fast aus­ge­schöpft ha­ben (80 resp. 85%, vgl. Text­kas­ten). Für sie bie­ten sich al­so ei­ne Ver­län-

ge­rung oder ein Roll-over an. Ge­mäss Com­merz­bank soll­ten die Gel­der bald be­reit­ste­hen. Denn wenn im Ju­ni 2020 ei­ne gros­se Sum­me zu re­sti­tu­ie­ren sei, müss­ten sich Ge­schäfts­ban­ken be­reits ab Mit­te 2019 nach Er­satz­mit­teln um­schau­en. Lan­ciert die EZB die TLTRO vor der ers­ten Leit­zins­er­hö­hung, könn­ten die Ban­ken so­gar in den Ge­nuss der glei­chen Kon­di­tio­nen kom­men wie beim letz­ten Mal.

Der Teu­fel steckt im De­tail. Im­mer­hin sei­en TLTRO po­li­tisch un­um­strit­ten, ar­gu­men­tiert Dans­ke Bank: Sie för­dern die Kre­di­te für die Wirt­schaft, und es gibt sie nur ge­gen De­ckung. Da­mit sind sie ge­gen­über den um­strit­te­nen, un­be­si­cher­ten An­lei­hen­käu­fen der Zen­tral­bank klar im Vor­teil. Bei Be­darf dürf­ten sie im EZBRat pro­blem­los durch­ge­winkt wer­den.

BILD: GETT YIMA GES

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