Wer ver­dient das Lob für die star­ke US-Wirt­schaft?

Wie die Stars im Mann­schafts­sport er­hal­ten ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­den­ten von Wäh­lern und His­to­ri­kern für das, was in ih­rer Amts­zeit pas­siert, so­wohl zu viel Lob als auch zu viel Ta­del.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - MICHA­EL J. BOSKIN Micha­el J. Boskin lehrt Öko­no­mie in Stan­ford. Co­py­right: Pro­ject Syn­di­ca­te.

Der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Do­nald Trump be­an­sprucht die An­er­ken­nung für die «bes­te Kon­junk­tur al­ler Zei­ten» und ver­gleicht die heu­ti­ge Wirt­schafts­la­ge mit der schwa­chen Er­ho­lung un­ter Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma. Mit ei­nem Wachs­tum von über 3% in die­sem Jahr, ei­ner Ar­beits­lo­sen­quo­te von 3,7% und mehr frei­en Stel­len als Ar­beits­lo­sen hat sich die Wirt­schafts­la­ge seit Trumps Amts­an­tritt stark ver­bes­sert. Die ge­samt­wirt­schaft­li­chen Kenn­zah­len sind die bes­ten seit Jahr­zehn­ten.

Zu­gleich nimmt auch Oba­ma die star­ke Kon­junk­tur für sich in An­spruch und ar­gu­men­tiert, dass sei­ne Po­li­tik im Ge­fol­ge der Fi­nanz­kri­se von 2008 ei­nen deut­lich stär­ke­ren Ab­schwung ver­hin­dert ha­be. We­der Trumps Über­trei­bung noch Oba­mas se­lek­ti­ve Er­in­ne­rung sind ei­ne gros­se Über­ra­schung.

Vie­le an­de­re Ein­fluss­fak­to­ren

Wie die gros­sen Stars im Mann­schafts­sport er­hal­ten ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­den­ten von den Wäh­lern und den His­to­ri­kern für das, was wäh­rend ih­rer Amts­zeit pas­siert, so­wohl zu viel Lob als auch zu viel Ta­del. Die meis­ten po­li­ti­schen Mass­nah­men ei­nes Prä­si­den­ten müs­sen vom Kon­gress ver­ab­schie­det wer­den, der sie häu­fig ab­än­dert oder blo­ckiert. Zu­dem wir­ken sich stets noch vie­le an­de­re Fak­to­ren aus, nicht zu­letzt die Geld­po­li­tik. Bis­her hat das Fed un­ter Je­ro­me Po­well mit sei­ner Po­li­tik al­les rich­tig ge­macht, doch hin­dert das Trump nicht dar­an, sich öf­fent­lich zu be­schwe­ren, die Zin­sen stie­gen zu schnell. Al­ler­dings ver­blasst Trumps Ge­mau­le im Ver­gleich zu der Art, wie Prä­si­dent Jim­my Car­ter das Fed ab­kan­zel­te, es sol­le in­mit­ten der ga­lop­pie­ren­den In­fla­ti­on der spä­ten Sieb­zi­ger­jah­re die Zin­sen sen­ken.

Von glei­cher Wich­tig­keit sind wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Er­eig­nis­se in der üb­ri­gen Welt, tech­no­lo­gi­sche und de­mo­gra­fi­sche Kräf­te im In- und Aus­land so­wie die Po­li­tik frü­he­rer Re­gie­run­gen, die die Mög­lich­kei­ten, die ein am­tie­ren­der Prä­si­dent hat, aus­wei­ten oder ein­schrän­ken kön­nen. So erb­te Prä­si­dent Ro­nald Rea­gan zum Bei­spiel von Car­ter ei­ne zwei­stel­li­ge In­fla­ti­on. Prä­si­dent Ge­or­ge H. W. Bush erb­te die la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Schul­den­kri­se und ei­ne Spar­kas­sen­ka­ta­stro­phe. Man muss Rea­gan und Bush zu­gu­te­hal­ten, dass sie bei­de die vor ih­nen lie­gen­den Pro­ble­me er­kann­ten und trotz der vor­her­sag­ba­ren po­li­ti­schen Kos­ten, die auf je­de Epi­so­de folg­ten, er­folg­rei­che Ge­gen­mass­nah­men un­ter­stütz­ten.

Prä­si­dent Bill Cl­in­ton sei­ner­seits erb­te ei­ne nied­ri­ge In­fla­ti­on und ein er­hol­tes Fi­nanz­sys­tem. Nach­dem die Re­pu­bli­ka­ner 1994 in den Zwi­schen­wah­len die Mehr­heit in bei­den Häu­sern des Kon­gres­ses ge­won­nen hat­ten, ar­bei­te­te Cl­in­ton mit ih­nen zu­sam­men, um den Haus­halt aus­zu­glei­chen und das So­zi­al­sys­tem zu re­for­mie­ren. Dann kam Prä­si­dent Ge­or­ge W. Bush, der ei­ne Hin­ter­las­sen­schaft un­zu­rei­chen­der na­tio­na­ler Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben erb­te. Die An­schlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 zu Be­ginn sei­ner Amts­zeit zeig­ten die Not­wen­dig­keit auf, das Mi­li­tär neu auf­zu­bau­en und den Schutz des Lan­des zu ver­stär­ken. Oba­ma schliess­lich erb­te die Fi­nanz­kri­se und die dar­an an­schlies­sen­de gros­se Re­zes­si­on. Dann sass er dem schwächs­ten Wirt­schafts­auf­schwung seit dem Zwei­ten Welt­krieg vor.

Die Auf­he­bung vie­ler Ver­ord­nun­gen aus der Oba­ma-Ära und die Ver­ab­schie­dung der Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form durch die Trump-Re­gie­rung ha­ben bei­de da­zu bei­ge­tra­gen, das Wachs­tum zu stei­gern. Trumps Han­dels­po­li­tik je­doch ist ris­kant. Wenn sie sich als er­folg­reich da­bei er­weist, den chi­ne­si­schen Markt zu öff­nen und die Tech­no­lo­gie­trans­fers sei­tens der US-Un­ter­neh­men zu brem­sen, war sie kon­struk­tiv. Wenn sie al­ler­dings zu ei­nem lang­fris­ti­gen Han­dels­krieg führt, könn­te sie schwe­ren Scha­den an­rich­ten.

Trump neigt zu Über­trei­bun­gen, doch das soll nicht heis­sen, dass frü­he­re Prä­si­den­ten auf der­ar­ti­ge Über­trei­bun­gen ver­zich­tet hät­ten. Ein Bei­spiel: Nach­dem er wie­der­holt «schau­fel­fer­ti­ge» Bau­pro­jek­te be­schwo­ren hat­te, um das Ge­setz über sein Kon­junk­tur­pro­gramm vom Fe­bru­ar 2009 durch den Kon­gress zu be­kom­men, gab Oba­ma spä­ter zu: «So et­was wie ein schau­fel­fer­ti­ges Pro­jekt gibt es nicht.»

Oba­ma be­haup­te­te zu­dem, nie­mand ha­be ge­wusst, wie schlimm die gros­se Re­zes­si­on wer­den wür­de, ob­schon es an War­nun­gen nicht ge­fehlt hat­te. Spä­ter be­dau­er­te Oba­ma, dass er nicht frü­her kom­mu­ni­ziert hat­te, wie schlimm die Re­zes­si­on tat­säch­lich wer­den wür­de, und dass er, wenn er das ge­tan hät­te, vi­el­leicht ein Ge­setz für ein viel grös­se­res Kon­junk­tur­pro­gramm hät­te durch­brin­gen kön­nen.

Oba­ma hat wohl ver­ges­sen, dass die Haus­hal­te wäh­rend sei­ner ers­ten Amts­zeit wie­der­holt Wachs­tums­schät­zun­gen von über 4% für die nächs­ten Jah­re ent­hiel­ten. Das ist dop­pelt so viel, wie tat­säch­lich er­reicht wur­de. Ganz ein­deu­tig hat­ten sei­ne Be­ra­ter ent­we­der kein prä­zi­ses Bild von der wirt­schaft­li­chen La­ge, oder sie wa­ren viel zu op­ti­mis­tisch, was die Wirk­sam­keit sei­ner Po­li­tik an­ging. In­zwi­schen sind sie auf ei­ne dis­kre­di­tier­te Theo­rie über ei­ne «sä­ku­la­re Sta­gna­ti­on» ver­fal­len, um die lust­lo­se Er­ho­lung zu er­klä­ren.

In­fol­ge­des­sen erb­te Trump bei sei­nem Amts­an­tritt ei­ne Staats­ver­schul­dung, die sich un­ter Oba­ma ver­dop­pelt hat­te, stei­gen­de Zin­sen und nicht fi­nan­zier­te Kos­ten für die So­zi­al­ver­si­che­rung und für Me­di­ca­re. Un­ter die­sen Um­stän­den wer­den Trumps gröss­te und kühns­te po­li­ti­sche Vor­schlä­ge es ver­mut­lich mit Haus­halts­zwän­gen zu tun be­kom­men. Än­de­run­gen bei der So­zi­al­ver­si­che­rung hat Trump be­reits aus­ge­schlos­sen. Sei­ne Ver­su­che und die der Re­pu­bli­ka­ner im Kon­gress, Oba­ma­ca­re zu er­set­zen und den An­stieg der Me­di­caid-Aus­ga­ben zu brem­sen, wa­ren bis­her er­folg­los. Die vor­über­ge­hend er­höh­ten Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben wer­den nach die­sem Haus­halts­jahr auf ein un­zu­rei­chen­des Ni­veau zu­rück­fal­len.

«Trumps gröss­te po­li­ti­sche Vor­schlä­ge wer­den es wohl mit Haus­halts­zwän­gen zu tun be­kom­men.»

Wäh­ler­gunst ist lau­nisch

Auch wenn das von Trump En­de 2017 ra­ti­fi­zier­te Steu­er­pa­ket die dar­in ent­hal­te­nen Steu­er­sen­kun­gen ganz an den An­fang ge­stellt hat und nun zum Kon­junk­tur­wachs­tum bei­trägt, sind die Staats­ein­nah­men in Re­ak­ti­on auf die­ses Wachs­tum bis­her kaum ge­stie­gen. Un­glück­li­cher­wei­se be­deu­ten die wach­sen­den Haus­halts­de­fi­zi­te, dass es schwie­rig wer­den dürf­te, die in dem Ge­setz ent­hal­te­ne Sen­kung der Ein­kom­mens­steu­er in ab­seh­ba­rer Zeit zur Dau­er­ein­rich­tung zu ma­chen.

Im Fall ei­nes Kon­junk­tur­ab­schwungs wer­den die Wäh­ler Trump ge­gen­über mit Schuld­zu­wei­sun­gen schnel­ler bei der Hand sein als mit An­er­ken­nung für den der­zei­ti­gen Boom. An­ge­sichts all sei­ner Be­mü­hun­gen, den Na­men Trump mit der ak­tu­el­len Wirt­schafts­ent­wick­lung zu ver­knüp­fen, wird es ihm nicht leicht­fal­len, dem Fed, den De­mo­kra­ten oder sonst je­man­dem die Schuld da­für zu­zu­schie­ben.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.