ABB vor Ent­scheid

Mit der Strom­net­ze­di­vi­si­on wür­de sich ABB vom Kern­ge­schäft tren­nen. Ob das gleich Wert schafft, ist of­fen.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - EFLAMM MORDRELLE Al­le Fi­nanz­da­ten zu ABB im On­li­ne-Ak­ti­en­füh­rer: www.fuw.ch/ABBN

Die Ab­spal­tung der Strom­netz­spar­te ist in Vor­be­rei­tung. Der Tra­di­ti­ons­kon­zern soll in Ge­sprä­chen mit In­ter­es­sen­ten aus Asi­en ste­hen. Wie viel ein Ver­kauf für ABB wert ist und ob Ak­tio­nä­re un­mit­tel­bar pro­fi­tie­ren wer­den, ist of­fen.

Die Tage von ABB in heu­ti­ger Gestalt sind ge­zählt, zu­min­dest wenn man jüngs­ten Me­dien­be­rich­ten Glau­ben schenkt. Ein Ver­kauf oder Teil­ver­kauf der Strom­net­ze­di­vi­si­on ste­he be­vor. Ge­sprä­che mit Kauf­in­ter­es­sen­ten aus Ja­pan oder Chi­na sol­len fort­ge­schrit­ten sein (vgl. Box un­ten). Un­ter­schrie­ben ist je­doch noch nichts, und ABB hält sich be­deckt; Zeit­plan und Trans­ak­ti­ons­art blei­ben im Dun­keln. Ge­wiss ist: CEO Ul­rich Spiess­ho­fer steht un­ter Druck, et­was zu tun, um den Ak­ti­en­kurs zu be­le­ben. Gross­ak­tio­nä­re des schwe­di­schen Ce­vi­anFonds äus­sern öf­fent­lich Un­mut über die ABB­Füh­rung. Die Va­lo­ren ha­ben seit Jah­res­an­fang ein Vier­tel ih­res Werts ver­lo­ren.

Doch ob­schon sich ei­ne Fo­kus­sie­rung des Port­fo­li­os ab­zeich­net, ver­har­ren die Ak­ti­en in War­te­stel­lung. Seit Wo­chen os­zil­lie­ren sie um die 20­Fr. ­Mar­ke. Der Markt scheint un­si­cher, was ei­ne ABB oh­ne Strom­net­ze­di­vi­si­on wert ist – oder man glaubt noch nicht so recht dar­an, dass es zu ei­ner Trans­ak­ti­on kom­men wird. Auch über den Wert der Di­vi­si­on herrscht Un­ge­wiss­heit. Am Markt kur­sie­ren Be­trä­ge zwi­schen 9 und 13 Mrd. $.

His­to­ri­sches Kern­ge­schäft

Trennt sich ABB von der Strom­net­zespar­te, wird nicht ir­gend­ein Ge­schäft ver­kauft. Strom­ver­tei­lung und Kraft­werk­bau ge­hö­ren his­to­risch zur DNA von ABB. Sie hat­ten Re­nom­mee und Auf­stieg der al­ten BBC zur Schwei­zer In­dus­trie­Iko­ne be­ grün­det. Im Jahr 2000 ver­kauf­te ABB das Kraft­werk­ge­schäft an Al­st­om, die es 2014 an GE wei­ter­ver­äus­ser­te. Das Strom­ver­tei­lungs­ge­schäft ver­blieb im Port­fo­lio. 2015 ver­schlank­te Spiess­ho­fer die Kon­zern­struk­tur im Rah­men der so­ge­nann­ten Next­Le­vel­Stra­te­gie von fünf auf vier Spar­ten. Es ent­stan­den nach wei­te­ren Schrit­ten die heu­ti­gen Di­vi­sio­nen Strom­net­ze und Elek­trif­zie­rungs­pro­duk­te. Letz­te­re ist auf Lö­sun­gen für den Nie­de­r­und Mit­tel­span­nungs­be­reich spe­zia­li­siert. Noch 2017 tru­gen die Strom­net­ze 29% zum ABB­Um­satz bei. Der Be­reich war da­mit die gröss­te Kon­zern­di­vi­si­on. Nach der Ein­ver­lei­bung von GE In­dus­tri­al So­lu­ti­ons fällt die­se Rol­le nun der Di­vi­si­on Elek­tri­fi­zie­rungs­pro­duk­te zu.

Heu­te ist ABB dank der Strom­net­ze­di­vi­si­on die glo­bal füh­ren­de An­bie­te­rin von Hoch­span­nungs­Trans­mis­si­ons­an­la­gen und ­pro­duk­ten. Ge­mäss Schät­zung von Mor­gan St­an­ley hat sie ei­nen glo­ba­len Markt­an­teil von rund 9%. Die Num­mer zwei, Sie­mens, kommt auf 7%. Auch beim Ver­kauf von An­la­gen zur Hoch­span­nungs­gleich­strom­Über­tra­gung (HVDC) ist ABB ganz vor­ne. Je nach An­ge­bot muss sich die Di­vi­si­on ei­nem un­ter­schied­li­chen Kon­kur­ren­ten­feld stel­len (vgl. oben).

Kein Sor­gen­kind mehr

En­de Sep­tem­ber sorg­te ein gros­ser Auf­trag aus Zen­tral­asi­en für po­si­ti­ve Schlag­zei­len für die Strom­net­ze­di­vi­si­on. Das kom­mer­zi­el­le Mo­men­tum bes­sert sich. Ge­mäss ei­nem Reu­ters­Be­richt von En­de No­vem­ber wur­den Ab­sichts­er­klä­run­gen mit chi­ne­si­schen An­bie­tern ab­ge­schlos­sen, dar­un­ter Sta­te Grid Corp of Chi­na und Chi­na Sou­thern Po­wer Grid. Die Auf­trä­ge sol­len 1,9 Mrd. $ um­fas­sen.

Rund 60% der gros­sen ABB­Pro­jek­te kom­men in der Strom­net­ze­di­vi­si­on zu­sam­men. Das lan­ge Aus­blei­ben die­ser Gross­auf­trä­ge hat mit­un­ter da­zu ge­führt, dass ABB das Wachs­tum bis­her nicht hat be­schleu­ni­gen kön­nen. Und ob­schon die Strom­net­ze zu­letzt rund 24% zum Kon­zern­um­satz bei­tru­gen, hat die Di­vi­si­on den mit Ab­stand gröss­ten Auf­trags­be­stand. Im drit­ten Quar­tal be­trug er 10,2 Mrd. $, mehr als dop­pelt so hoch wie bei den Elek­tri­fi­zie­rungs­pro­duk­ten.

Noch vor Jah­res­frist galt die Strom­net­zespar­te als Sor­gen­kind des Kon­zerns. Be­son­ders die im Di­vi­si­ons­ver­gleich tie­fe­re Pro­fi­ta­bi­li­tät bot An­lass zur Sor­ge. Doch ope­ra­ti­ve Ver­bes­se­run­gen und An­pas­sun­gen im Pro­jekt­mix führ­ten zu ei­ner Ver­bes­se­rung der ope­ra­ti­ven (Ebi­ta­) Mar­ge von 4,7% im Ge­schäfts­jahr 2014 auf zu­letzt (drit­tes Quar­tal 2018) rund 10%. Da­mit be­wegt sich die Ge­winn­mar­ge zwar in dem von Spiess­ho­fer an­ge­peil­ten Ziel­kor­ri­dor von 10 bis 14%, aber im­mer noch deut­lich un­ter dem Pro­fi­ta­bi­li­täts­ni­veau der Di­vi­si­on Elek­tri­zi­täts­pro­duk­te (13,5%), in­dus­tri­el­le Au­to­ma­ti­on (14,1%) so­wie Ro­bo­tik und An­trie­be (17%).

Wo liegt der Wert?

An­ge­sichts der Mar­gen­ver­bes­se­rung ist der Tur­naround in der Strom­net­zespar­te nach An­sicht von Spiess­ho­fer ge­schafft. So­mit dürf­te die Di­vi­si­on theo­re­tisch mehr wert sein als et­wa im Jahr 2015, als die Ab­spal­tung erst­mals ge­for­dert wur­de, nach ein­gän­gi­ger Prü­fung sei­tens ABB aber ver­wor­fen wur­de.

Ge­mäss Ein­schät­zung von Mor­gan St­an­ley wür­de ei­ne Trans­ak­ti­on – je nach Sze­na­rio ein voll­stän­di­ger Ver­kauf, ein Teil­ver­kauf oder ein Jo­int Ven­ture – vom Markt be­grüsst. Die Ana­lys­ten ge­hen in ei­nem eher kon­ser­va­ti­ven Sze­na­rio von ei­nem Di­vi­si­ons­wert von min­des­tens 10,9 Mrd. $ aus. Doch für die üb­rig ge­blie­be­ne ABB hät­te ei­ne Ab­spal­tung be­wer­tungs­tech­nisch ge­se­hen kei­nen «trans­for­ma­ti­ven» Cha­rak­ter, ur­tei­len sie.

Stim­men aus dem Um­feld von ABB se­hen den «fai­ren Wert» der Di­vi­si­on in­des eher bei 12 bis 13 Mrd. $, wo­bei je nach Trans­ak­ti­ons­art ei­ne Prä­mie von bis zu ei­nem Drit­tel hin­zu­kom­men könn­te. Das Ziel ei­ner Trans­ak­ti­on sei aber nicht, den Be­wer­tungs­ab­schlag der auf­sum­mier­ten Ein­zel­tei­le des Kon­zerns zu kor­ri­gie­ren. Der Wert ei­ner Ab­spal­tung wird viel­mehr in der lang­fris­tig bes­se­ren Per­for­mance ei­ner fo­kus­sier­te­ren ABB ge­se­hen.

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