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Über­ver­kauf­te Ak­ti­en kön­nen jetzt güns­tig ins De­pot ge­holt wer­den.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - JEF­FREY HOCHEGGER

Die Per­for­man­ce­un­ter­schie­de der Ak­ti­en an der Schwei­zer Bör­se sind die­ses Jahr enorm. Die Mehr­heit der Ti­tel han­delt da­bei zu tie­fe­ren Kur­sen als An­fang 2018, mit teil­wei­se mas­si­ven Ab­schlä­gen. Wäh­rend der Kurs­sturz bei ei­ni­gen Wer­ten ge­recht­fer­tigt ist, scheint er bei an­de­ren über­trie­ben. Dort lo­cken Ein­stiegs­mög­lich­kei­ten.

Da ein star­ker Kurs­rück­gang al­lein kei­nen Grund für ei­ne ra­sche Er­ho­lung dar­stellt, soll­ten In­ves­to­ren ei­nen lang­fris­ti­gen An­la­ge­ho­ri­zont ha­ben und beim Ein­stieg ge­wis­se Punk­te be­ach­ten, da­mit sie nicht ent­täuscht wer­den.

Da­zu ge­hö­ren struk­tu­rel­le Stär­ken wie et­wa der Blick auf die Markt­po­si­tio­nie­rung, die Grös­se des Un­ter­neh­mens oder die Fä­hig­keit, auf­grund des Pro­dukt­port­fo­li­os Markt­an­tei­le zu ge­win­nen. Aber auch die fi­nan­zi­el­le Sta­bi­li­tät, die es dem Un­ter­neh­men er­mög­licht, aus ei­ge­ner Kraft auch ei­ne län­ge­re Durst­stre­cke zu über­brü­cken, ist wich­tig.

«Fi­nanz und Wirt­schaft» zeigt, für wel­che Ti­tel der Ein­stiegs­zeit­punkt im ak­tu­el­ len Um­feld in­ter­es­sant ist. Da­bei han­delt es sich um Va­lo­ren, die die­ses Jahr teil­wei­se mehr als 40% ih­res Werts ein­ge­büsst ha­ben und so deut­lich schwä­cher ab­ge­schnit­ten ha­ben als der brei­te Schwei­zer Markt. Durch die­se Kurs­ent­wick­lung dürf­te der gröss­te Teil der kon­junk­tu­rel­len Ab­küh­lung be­reits in den Kur­sen ent­hal­ten sein.

Aber auch Ti­tel, die trotz schwa­cher Ent­wick­lung noch nicht ge­kauft wer­den soll­ten, wer­den un­ter be­stimm­ten Um­stän­den wie­der at­trak­tiv.

Zwei Drit­tel der Un­ter­neh­men im Swiss Per­for­mance In­dex (SPI) no­tie­ren tie­fer als zu Be­ginn des Jah­res, und ein Drit­tel hat so­gar mehr als 20% ver­lo­ren. Der Tau­cher des brei­ten Schwei­zer Ak­ti­en­markts ist mit –1,2% deut­lich we­ni­ger aus­ge­prägt (vgl. Chart 1). Solch ei­ne Kon­stel­la­ti­on ver­lei­tet zum Kauf be­son­ders stark ge­fal­le­ner Ak­ti­en. Da gilt es, Chan­cen und Ri­si­ken genau im Au­ge zu be­hal­ten. Der Ein­stiegs­zeit­punkt nach der saf­ti­gen Kor­rek­tur bei ein­zel­nen Ak­ti­en scheint aber tat­säch­lich güns­tig zu sein.

Re­to Am­stal­den, In­dus­trie­ana­lyst bei Baa­der Hel­vea sagt: «Die kon­junk­tu­rel­le Ab­schwä­chung ist in der Re­al­wirt­schaft und vor al­lem in der In­ves­ti­ti­ons­gü­ter­in­dus­trie an­ge­kom­men.» Er geht al­ler­dings da­von aus, dass die wirt­schaft­li­che Ab­küh­lung bei vie­len Un­ter­neh­men gera­de aus dem In­dus­trie­sek­tor zu ei­nem gros­sen Teil in den Ak­ti­en­kur­sen ein­ge­preist sein dürf­te.

Schritt­wei­se auf­bau­en

Sil­van Betschart, Fonds­ma­na­ger des Reich­muth Bot­tom Fis­hing Fund will genau die­se Mög­lich­kei­ten auf­spü­ren. «Wir su­chen Ak­ti­en mit tem­po­rä­rem Ge­gen­wind, die über­ver­kauft sind.» Die Qua­li­tät der Ti­tel muss den­noch stim­men. Betschart sagt: «Ein glaub­wür­di­ger Tur­naround-Plan soll­te ste­hen, und das Un­ter­neh­men soll­te in der La­ge sein, ei­ne Durst­stre­cke von zwei Jah­ren oh­ne Ka­pi­tal­er­hö­hung zu über­ste­hen.»

Hat sich der Fonds­ma­na­ger für ei­ne Ak­tie ent­schie­den, bleibt er vor­sich­tig. «Den Tiefst­punkt tref­fen wir sel­ten», aus die­sem Grund wür­den sie ih­re Po­si­tio­nen schritt­wei­se auf­bau­en, sagt Betschart. Bis sich ei­ne Ak­tie wie­der er­holt, kann es ei­ne Wei­le dau­ern. «Im Schnitt hal­ten wir un­se­re Po­si­tio­nen zwei bis vier Jah­re», sagt Betschart. Da­für will der Fonds­ma­na­ger aber auch ent­schä­digt wer­den. «Auf­grund des hö­he­ren Ri­si­kos die­ser Ti­tel rech­nen wir mit ei­ner Per­for­mance von 50 bis 100% pro Ak­tie.»

«Für lang­fris­ti­ge An­le­ger ist der Ein­stiegs­zeit­punkt jetzt at­trak­tiv», sagt Ana­lyst Am­stal­den, vor al­lem für lang­fris­ti­ge In­ves­to­ren (vgl. Chart 2). Im Fo­kus ste­hen aber auch qua­li­ta­ti­ve Kri­te­ri­en: «Wich­tig ist, dass ein Sek­tor und die Wachs­tums­trei­ber ei­ner Fir­ma struk­tu­rell at­trak­tiv sind.» Ein Bei­spiel ist der Ma­schi­nen­bau­er Bucher. Die Ak­ti­en sei­en auf­grund des Be­wer­tungs­ab­schlags und der we­sent­li­chen struk­tu­rel­len Fort­schrit­te in­ter­es­sant. «Die Sor­gen des Mark­tes sind mei­ner Mei­nung nach zu gross», er­klärt Am­stal­den.

Das­sel­be gel­te für den An­bie­ter von Ka­bel­ver­ar­bei­tungs­ma­schi­nen Ko­max und den Va­ku­um­ven­til­her­stel­ler VAT. Bei­de Un­ter­neh­men sei­en in ih­rem Be­reich Welt­markt­füh­rer. Ko­max pro­fi­tie­re von der Elek­tri­fi­zie­rung im Fahr­zeug­be­reich so­wie von der Au­to­ma­ti­sie­rung der Ka­bel­satz­her­stel­lung, sagt Am­stal­den. «VAT ist bis acht Mal grös­ser als der nächs­te Kon­kur­rent und ge­winnt wei­ter Markt­an­tei­le.»

Zu den Ver­lie­rern an der Bör­se ge­hö­ren die­ses Jahr auch die Schmuck- und Uh­ren­her­stel­ler Swatch Group und Ri­che­mont (vgl. Chart 3). «Der Han­dels­streit zwi­schen Chi­na und den USA be­las­tet die chi­ne­si­sche Wäh­rung und senkt die Kauf­kraft der Chi­ne­sen», sagt Re­né We­ber, Kon­sum­gü­ter­ana­lyst bei Von­to­bel. Das wir­ke sich ne­ga­tiv auf die Lu­xus­gü­ter und den Schmuck- und den Uh­ren­ver­kauf aus.

Swatch Group und Ri­che­mont ha­ben aber das Po­ten­zi­al, sich zu er­ho­len. We­ber geht da­von aus: «Im Han­dels­streit wer­den sich Chi­na und die USA frü­her oder spä­ter ei­ni­gen, was zu ei­ner Nor­ma­li­sie­rung der Si­tua­ti­on, stei­gen­dem Um­satz und hö­he- ren Ak­ti­en­kur­sen führt.» We­gen des grös­se­ren Schmuck­an­teils fa­vo­ri­siert der Ana­lyst Ri­che­mont ge­gen­über Swatch Group. «Das liegt dar­an, dass das Schmuck­ge­schäft stär­ker wächst und ei­ne hö­he­re Mar­ge er­wirt­schaf­tet.»

Künf­ti­ge An­la­ge­per­len

Vor­sicht ist den­noch ge­bo­ten. Nur weil ein Un­ter­neh­men stark an Wert ein­ge­büsst hat, ist es für In­ves­to­ren noch lan­ge nicht at­trak­tiv. Am stärks­ten ge­lit­ten ha­ben 2018 der Back­wa­ren­her­stel­ler Aryz­ta und der Halb­lei­ter­pro­du­zent AMS, de­ren Kur­se über vier Fünf­tel bzw. rund zwei Drit­tel ein­ge­bro­chen sind. Ein En­de ist vor­erst nicht in Sicht.

Ähn­li­ches gilt für vie­le Un­ter­neh­men aus der Fi­nanz­bran­che wie et­wa den As­set Ma­na­ger GAM (vgl. Chart 4). Micha­el Kunz, Ban­ken­ana­lyst bei der Zürcher Kan­to­nal­bank (ZKB) sagt: «GAM hat vie­le Kun­den­gel­der ver­lo­ren und ist jetzt ein­fach we­ni­ger wert.» Hin­zu kommt, dass die Markt­kor­rek­tur Kun­den­gel­der schmel­zen lässt und so die künf­ti­ge Er­trags­ba­sis re­du­ziert.

In die­sem Um­feld gibt es aber noch wei­te­re Her­aus­for­de­run­gen für Fi­nanz­in­sti­tu­te. «In un­si­che­ren Markt­pha­sen ist es schwie­ri­ger, Neu­geld zu ak­qui­rie­ren», sagt Kunz. «Die ak­tu­el­len Be­wer­tun­gen re­flek­tie­ren das un­si­che­re Markt­um­feld.» Für ei­nen Um­schwung be­nö­tigt es aber ei­nen Ka­ta­ly­sa­tor. «Die­sen se­he ich bei den Pri­vat­ban­ken im Mo­ment ein­fach nicht», sagt Kunz. «Pri­vat­ban­ken dürf­ten erst dann wie­der at­trak­tiv wer­den, wenn wie­der stei­gen­de Bör­sen er­war­tet wer­den.»

Kauf­pa­ra­dies für lang­fris­ti­ge An­le­ger: Nach teil­wei­se mar­kan­ten Kurs­kor­rek­tu­ren lohnt sich jetzt der Ein­stieg.

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