Eu­ro­pa schwä­chelt

Die Früh­in­di­ka­to­ren aus der In­dus­trie deu­ten an, dass die Eu­ro­zo­ne noch im­mer schwä­chelt. Die US-Konjunktur kann da­ge­gen an Tem­po zu­le­gen.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - FRANK HEI­NI­GER

In wich­ti­gen Re­gio­nen – al­len vor­an der Eu­ro­zo­ne – ha­ben sich die kon­junk­tu­rel­len Früh­in­di­ka­to­ren ein­ge­trübt. Die US-Wirt­schaft kann da­ge­gen an Ex­pan­si­ons­tem­po zu­le­gen.

Die Ei­ni­gung zwi­schen den USA und Chi­na, im Han­dels­kon­flikt für die kom­men­den neun­zig Tage die Zöl­le auf dem ak­tu­el­len Ni­veau ein­zu­frie­ren, hat an den Fi­nanz­märk­ten tem­po­rär für Er­leich­te­rung ge­sorgt. Die Welt­wirt­schaft ist da­mit al­ler­dings noch lan­ge nicht aus dem Schnei­der. Zwar schei­nen sich die Kon­junk­tur­aus­sich­ten vor­erst sta­bi­li­siert zu ha­ben. So no­tiert der glo­ba­le, nach Wirt­schafts­leis­tung der Länder ge­wich­te­te Ein­kaufs­ma­na­ger­index (Purcha­sing Ma­na­gers In­dex, PMI) des ver­ar­bei­ten­den Ge­wer­bes wie imVor­mo­nat bei 52. In wich­ti­gen Re­gio­nen – al­len vor­an der Eu­ro­zo­ne – ha­ben sich die Früh­in­di­ka­to­ren im No­vem­ber aber wei­ter ein­ge­trübt.

Auf der all­ge­mei­nen Stim­mung las­tet noch im­mer der si­no-ame­ri­ka­ni­sche Han­dels­streit, der trotz der jüngs­ten Ver­hand­lungs­er­fol­ge kaum zu ei­ner schnel­len Lö­sung fin­den dürf­te. Gera­de in der Eu­ro­zo­ne kom­men spe­zi­fi­sche Pro­ble­me wie die har­zi­gen Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen und der ita­lie­ni­sche Bud­get­streit da­zu. Ent­spre­chend ist der PMI der Wäh­rungs- uni­on von 52 auf 51,8 ge­fal­len, was dem nied­rigs­ten Stand seit über zwei Jah­ren ent­spricht. Wäh­rend der Ge­schäfts­gang in der Kon­sum­ar­ti­kel­in­dus­trie re­la­tiv so­li­de blieb, ver­zeich­ne­ten die Her­stel­ler von In­ves­ti­ti­ons­gü­tern ei­ne deut­li­che Ein­trü­bung. Un­ter wach­sen­dem Druck sind zu­dem die­je­ni­gen Bran­chen, die in Ver­bin­dung zum Au­to­mo­bil­sek­tor ste­hen.

Ita­li­en fällt wei­ter zu­rück

Auf Ebe­ne der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten sind vor al­lem die zwei Schwer­ge­wich­te Deutsch­land und Frank­reich für die Schwä­che ver­ant­wort­lich. In Deutsch­land ist der In­dex mit 51,8 auf ein 31-Mo­na­teTief ge­fal­len. In Frank­reich hat er sich auf ein 26-Mo­na­te-Tief er­mäs­sigt.

Kei­ne Er­ho­lungs­pau­se gibt es auch für Ita­li­en. Der ita­lie­ni­sche PMI, der erst im Vor­mo­nat un­ter die Schwel­le von 50 ge­rutscht war, hat sich zu­sätz­lich ein­ge­trübt. Für den No­vem­ber no­tiert er nun bei 48,6 – dem nied­rigs­ten Stand seit En­de 2014. Wie jüngs­te Zah­len zei­gen, ist die Wirt­schaft be­reits im drit­ten Quar­tal ge­gen­über de­mVor­quar­tal ge­schrumpft (vgl. Ar- ti­kel un­ten). Die schlech­ten Früh­in­di­ka­to­ren er­hö­hen die Wahr­schein­lich­keit, dass sich die­se Kon­trak­ti­on fort­setzt.

Trotz der jüngs­ten Br­ex­it-Tur­bu­len­zen hat sich die Si­tua­ti­on in Gross­bri­tan­ni­en da­ge­gen be­ru­higt. Im Ok­to­ber war der bri­ti­sche In­dus­trie-PMI auf den tiefs­ten Stand seit 27 Mo­na­ten ge­fal­len. Im No­vem­ber hat er sich nun auf 53,1 er­holt.

Wei­ter­hin vor­teil­haft se­hen die Rah­men­be­din­gun­gen in der Schweiz aus. Der hel­ve­ti­sche In­dus­trie-PMI no­tiert mit ei­nem Plus von 0,3 auf 57,7 noch im­mer deut­lich in der Wachs­tums­zo­ne. Die auf­fäl­li­ge Dif­fe­renz zur Eu­ro­zo­ne füh­ren die Ana­lys­ten der Cre­dit Suis­se auf meh­re­re Grün­de zu­rück. Un­ter an­de­rem wür­den die Nach­bar­staa­ten al­le­samt mit spe­zi­fi­schen Pro­ble­men kämp­fen – Deutsch­land mit der Au­to­in­dus­trie, Frank­reich mit so­zia­len Un­ru­hen und Streiks und Ita­li­en mit dem Bud­get­streit. Auch ern­te die Schwei­zer In­dus­trie die Früch­te der Mass­nah­men, die sie nach der ab­rup­ten Fran­ken­auf­wer­tung 2015 er­grif­fen hat­te.

Ei­nen Kon­tra­punkt zu Eu­ro­pa setzt die Wirt­schaft der USA. Nach ei­ner zwi­schen­zeit­li­chen Ver­lang­sa­mung der Ex­pan­si­on hat sich der ISM Ma­nu­fac­tu­ring PMI wie­der von 57,7 auf 59,3 er­höht. Von den ein­zel­nen In­dex­kom­po­nen­ten hat vor al­lem der Be­stel­lungs­ein­gang kräf­tig zu­ge­legt, er ist über 60 ge­klet­tert.

Chi­na kann sich hal­ten

In Chi­na konn­te der­weil ei­ne wei­te­re Ein­trü­bung der Kon­junk­tur­aus­sich­ten ver­hin­dert wer­den. Der von der Me­di­en­grup­pe Cai­xin und dem Re­se­arch­haus Mar­kit er­mit­tel­te PMI, der auch klei­ne­re pri­va­te Ge­sell­schaf­ten ein­be­zieht, avan­cier­te um 0,1 auf 50,2. Der Su­bin­dex neu­er Ex­port­be­stel­lun­gen ver­rin­ger­te sich je­doch von 48,8 auf 47,7 – ein deut­li­ches Zei­chen da­für, dass die von den USA er­ho­be­nen Straf­zöl­le be­reits ne­ga­ti­ve Wir­kung ent­fal­ten. Der of­fi­zi­el­le Ein­kaufs­ma­na­ger­index, der sich im Ge­gen­satz zum Cai­xin-In­dex auf gros­se, meist staat­li­che Un­ter­neh­men stützt, fiel da­ge­gen von 50,2 im Vor­mo­nat auf 50 – den schlech­tes­ten Wert seit über zwei Jah­ren.

Ein ten­den­zi­ell er­freu­li­ches Bild ge­ben die rest­li­chen Schwel­len­län­der ab: Po­si­tiv kann sich et­wa Süd­afri­ka in Sze­ne set­zen,

wo der PMI von 42,4 auf 49,5 ge­schos­sen ist. Die Aus­sich­ten dürf­ten vor­teil­haft blei­ben – et­wa weil ei­ne staat­li­che Re­duk­ti­on der Treib­stoff­prei­se vie­len Un­ter­neh­men ei­ne Kos­ten­er­spar­nis be­sche­ren dürf­te.

In In­di­en und Russ­land ha­ben sich die Ein­kaufs­ma­na­ger­indi­zes eben­falls ver­bes­sert und den Ab­stand zur Kon­trak­ti­ons­gren­ze von 50 ver­grös­sert. Auch Bra­si­li­en ver­zeich­net ge­gen­wär­tig ei­nen Auf­wärts­trend: Mit ei­nem deut­li­chen An­stieg von 51,1 auf 52,7 no­tiert das Land nun auf dem höchs­ten Stand der letz­ten acht Mo­na­te. Die Stim­mung dürf­te auch vom Wahl­sieg Jair Bol­so­na­ros pro­fi­tie­ren, der im Ja­nu­ar das Prä­si­den­ten­amt an­tre­ten wird und dem markt­freund­li­che Re­for­men zu­ge­traut wer­den.

Ge­sun­ken ist da­ge­gen ne­ben dem tai­wa­ne­si­schen auch der süd­ko­rea­ni­sche PMI: Ein kräf­ti­ger Rück­gang im Auf­trags­ein­gang hat den Ge­samt­in­dex nach un­ten ge­drückt, von 51 auf 48,6 – ein deut­li­ches Zei­chen da­für, dass die eng in die glo­ba­len Ver­sor­gungs­ket­ten in­te­grier­te Wirt­schaft Süd­ko­reas be­son­ders stark un­ter ei­ner Ver­schär­fung des Han­dels­kon­flikts lei­den wür­de.

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