Ak­ti­en­rechts­re­form vor dem Aus?

Die Ver­schär­fun­gen aus der Rechts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats ge­fähr­den die Vor­la­ge. Nun sind Kor­rek­tu­ren ge­for­dert.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - PE­TER FORSTMOSER UND MAR­CEL KÜCH­LER

Seit nun­mehr über zehn Jah­ren pen­delt die Re­form des Ak­ti­en­rechts zwi­schen Bun­des­rat und Par­la­ment hin und her. Nun droht sie kurz vor dem Ziel ab­zu­stür­zen: Mit­te No­vem­ber wur­den die Vor­schlä­ge be­kannt, die die Rechts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats (RK-S) ih­rem Ge­samt­rat un­ter­brei­tet, und dies schlug wie ei­ne Bom­be ein: In den Me­di­en war die Re­de von ei­ner schwer ver­dau­li­chen Kost, der Wirt­schafts­dach­ver­band Eco­no­mie­su­is­se fand in derVor­la­ge «über­haupt nichts Gu­tes mehr».

Ver­langt wird, die Übung ab­zu­bre­chen. Der Stän­de­rat sol­le – so ein An­trag von Stän­de­rat No­ser – auf die Vor­la­ge gar nicht erst ein­tre­ten. Und falls die Be­ra­tung wei­ter­ge­führt wer­de, sol­le das Par­la­ment die Re­form in der Schluss­ab­stim­mung schei­tern las­sen.

Pro­vi­so­ri­um hat sich be­währt

Im Ju­ni die­ses Jah­res hat­te der Na­tio­nal­rat ei­ne mo­de­ra­te Mo­der­ni­sie­rung des Ak­ti­en­rechts be­schlos­sen, die im All­ge­mei­nen ver­hal­ten po­si­tiv auf­ge­nom­men wur­de. Ganz an­ders nun die RK-S: Be­grüs­sens­wer­te Neue­run­gen – et­wa die Mög­lich­keit ei­nes Ka­pi­tal­bands oder von sog. Loya­li­täts­ak­ti­en – wur­den ge­stri­chen. Li­be­ra­li­sie­run­gen – vom Ver­zicht auf die öf­fent­li­che Beur­kun­dung in ein­fa­chen Fäl­len über die Sank­tio­nie­rung von Ge­ne­ral­ver­samm­lun­gen im Aus­land bis zum pa­pier­lo­sen Ver­kehr mit den Ak­tio­nä­ren – wur­den rück­gän­gig ge­macht. Den gröss­ten Un­mut aber lös­ten die Vor­schlä­ge für die Um­set­zung der Lex Min­der aus.

Dem Bun­des­rat war es 2013 ge­lun­gen, mit der Ver­ord­nung ge­gen über­mäs­si­ge Ver­gü­tun­gen ( Ve­güV) ei­ne pro­vi­so­ri­sche Lö­sung zu fin­den, die die ver­fas­sungs­mäs­si­gen Vor­ga­ben kor­rekt und zu­gleich prak­ti­ka­bel um­setzt. Sie hat sich in den letz­ten Jah­ren ein­ge­spielt und be­währt. Es lag da­her na­he, sich für die de­fi­ni­ti­ve Ord­nung auf Ge­set­zes­stu­fe an der Ve­güV zu ori­en­tie­ren. Bun­des­rat und Na­tio­nal­rat ha­ben dies ge­tan.

Die RK-S da­ge­gen sieht ei­ne gan­ze Rei­he ein­schnei­den­der Ver­schär­fun­gen vor, die al­le­samt weit über den Ver­fas­sungs­text hin­aus­ge­hen. Er­wähnt sei­en nur die fol­gen­den:

− Pro­spek­ti­ve Ab­stim­mun­gen über die Sa­lä­re sol­len ver­bo­ten wer­den, ob­wohl sich mehr als zwei Drit­tel der be­trof­fe­nen Ge­sell­schaf­ten für die­ses Kon­zept ent­schie­den ha­ben und es im Ver­bund mit ei­ner ob­li­ga­to­ri­schen Re­chen­schafts­ab­la­ge in ei­ner all­jähr­li­chen Kon­sul­ta­tiv­ab­stim­mung ein ef­fi­zi­en­tes und wohl auch von ei­ner Mehr­heit der In­ves­to­ren be­vor­zug­tes In­stru­ment dar­stellt.

− Bei nach­ver­trag­li­chen Kon­kur­renz­ver­bo­ten sol­len Ent­schä­di­gun­gen nicht nur li­mi­tiert, son­dern gänz­lich ver­bo­ten wer­den. − Für die Ge­schäfts­lei­tung sol­len nicht nur wie bis­her die Sa­lär­kos­ten ins­ge­samt und das Sa­lär des best­be­zahl­ten Mit­glieds pu­bli­ziert wer­den, son­dern die Ein­zel­sa­lä­re je­des Mit­glieds. Dies dürf­te zur Fol­ge ha­ben, dass sich die Be­trof­fe­nen un­wei­ger­lich mit den Trä­gern glei­cher Auf­ga­ben bei an­de­ren Ge­sell­schaf­ten ver­glei­chen. Das Ge­gen­teil des Ge­woll­ten, näm­lich ein «Race to the Top», ist da­mit ab­seh­bar. − Der Ver­gü­tungs­be­richt soll die Zu­wen­dun­gen der Ge­sell­schaft an po­li­ti­sche Par­tei­en, Ver­bän­de und Kam­pa­gnen aus­wei­sen, ob­wohl dies mit den Zie­len der Lex Min­der nicht das Min­des­te zu tun hat.

Ab­bruch über­zeugt nicht

Die­ser Kurs­wech­sel in der stän­de­rät­li­chen Rechts­kom­mis­si­on – man er­kennt da­rin un­schwer die Hand­schrift ih­res Mit­glieds Tho­mas Min­der – dürf­te es ge­we­sen sein, der die Wirt­schafts­ver­bän­de zu ei­ner schrof­fen Ab­leh­nung des Ge­set­zes- vor­schlags als Gan­zen be­wo­gen hat. Es zeich­net sich nun ei­ne Al­li­anz mit de­nen ab, die die Re­form schon bis­her we­gen ih­rer ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Pos­tu­la­te (Ge­schlech­ter­richt­wer­te, Trans­pa­renz für Roh­stoff­un­ter­neh­men) oder ein­zel­ner De­tail­re­ge­lun­gen ab­ge­lehnt ha­ben.

Ein Übungs­ab­bruch hat gera­de auch im Hin­blick auf die Lex Min­der kei­nen Sinn. Denn die Ab­lö­sung des Ve­güV-Pro­vi­so­ri­ums durch ein Ge­setz ist ein Ver­fas­sungs­auf­trag, den das Par­la­ment er­fül­len muss. Es bringt des­halb we­nig, die po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung zu ver­schie­ben. Sinn­vol­ler ist es, im Ge­samt­kon­text des Ak­ti­en­rechts ei­ne Lö­sung zu su­chen.

Schei­tern wä­re schäd­lich

Mit dem Schei­tern der Re­form wür­de zu­dem ein mas­si­ver Kol­la­te­ral­scha­den in Kauf ge­nom­men. Sinn­vol­le Ver­bes­se­run­gen und Neue­run­gen – durch­weg als Frei­räu­me und nicht als Zwän­ge kon­zi­piert – wür­den ge­op­fert. Fast zwei Jahr­zehn­te Ar­beit von Ver­wal­tung und Par­la­ment wä­ren nutz­los ge­we­sen. Das Re­sul­tat ei­nes neu­en An­laufs dürf­te zu­dem nicht viel an­ders aus­se­hen als die heu­ti­ge Vor­la­ge – zün­den­de neue Ide­en sind je­den­falls nicht in Sicht.

Es ist nun am Stän­de­rat, in der kom­men­den Win­ter­ses­si­on die Be­schlüs­se sei­ner Kom­mis­si­on zu kor­ri­gie­ren und die Ak­ti­en­rechts­re­form auf den Weg zu ei­nem mo­der­ni­sier­ten Ge­setz zu­rück­zu­füh­ren. Und dies in ei­ner Form, bei der das Schei­tern in der par­la­men­ta­ri­schen Schluss­ab­stim­mung nicht be­reits pro­gram­miert ist.

Pe­ter Forstmoser ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Zü­rich, Rechts­an­walt und Mit­glied von Ver­wal­tungs­rä­ten. Mar­cel Küch­ler ist Rechts­an­walt und wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter.

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