Nicht mu­tig, aber rea­lis­tisch

Der Bun­des­rat schickt das In­sti­tu­tio­nel­le Ab­kom­men mit der EU in ei­ne Kon­sul­ta­ti­on.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - PE­TER MORF

Wer vom Bun­des­rat am Frei­tag ei­nen eu­ro­pa­po­li­ti­schen Be­frei­ungs­schlag er­war­tet hat­te, muss­te sich, nicht un­er­war­tet, ei­nes Bes­se­ren be­leh­ren las­sen. Die Lan­des­re­gie­rung geht in ge­wohnt klei­nen Schrit­ten vor­wärts – was nicht ge­ra­de mu­tig, aber wohl rea­lis­ti­scher ist als der gros­se Wurf. Er nimmt vom In­sti­tu­tio­nel­len Ab­kom­men mit der EU Kennt­nis und schickt es in ei­ne Kon­sul­ta­ti­on. Im Früh­jahr wird er die Er­geb­nis­se der Kon­sul­ta­ti­on ana­ly­sie­ren und mit der EU er­neut das Ge­spräch su­chen. Die EU hat da­für of­fen­bar Ver­ständ­nis; sie muss schliess­lich ih­re Mit­glied­staa­ten kon­sul­tie­ren.

Das Ziel der Schweiz ist ge­mäss Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis klar: An­zu­stre­ben ist ein «best­mög­li­cher Markt­zu­gang bei grösst­mög­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät». Das Er­geb­nis der jah­re­lan­gen Ver­hand­lun­gen kann sich für die Schweiz se­hen las­sen. Das Ver­hand­lungs­man­dat wur­de bis auf we­ni­ge Punk­te ein­ge­hal­ten.

Zen­tral ist das Ver­fah­ren der Streit­bei­le­gung. Es ist ge­lun­gen, die EU von ei­nem pa­ri­tä­ti­schen Schieds­ge­richt zu über­zeu­gen. Den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof als letz­te Recht spre­chen­de In­stanz gibt es nicht mehr – kei­ne frem­den Rich­ter al­so. Aus­ge­schlos­sen ist auch ei­ne au­to­ma­ti­sche Über­nah­me von EU-Recht. Die­se zwei Punk­te wa­ren lan­ge Zeit Tot­schlag­ar­gu­men­te ge­gen das Ab­kom­men. Sie sind hin­fäl­lig ge­wor­den – das sind Ver­hand­lungs­er­fol­ge der Schweiz.

Das Ver­hand­lungs­man­dat konn­te in zwei Be­rei­chen nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Da­bei geht es um die flan­kie­ren­den Mass- nah­men bzw. den Lohn­schutz. Die Lin­ke sieht ihn vor­ab we­gen der von acht auf vier Ta­ge ver­kürz­ten Vor­an­mel­de­frist für Un­ter­neh­men aus der EU ge­fähr­det.

Ein zwei­ter of­fe­ner Punkt be­trifft die Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie. Sie wür­de un­ter an­de­rem ei­nen Aus­bau der So­zi­al­hil­fe­an­sprü­che von EU-Bür­gern oder die Aus­wei­tung des Aus­wei­sungs­schut­zes brin­gen. Ziel der EU war es, die­se Richt­li­nie im Ab­kom­men aus­drück­lich zu ver­an­kern. Ziel der Schweiz hin­ge­gen war es, die­se ex­pli- zit aus­zu­schlies­sen. Der vor­erst ge­fun­de­ne Kom­pro­miss ist sim­pel – die Richt­li­nie wird ein­fach nicht er­wähnt. Der Bun­des­rat ist da­mit nicht zu­frie­den und hofft, dass die EU dar­auf zu­rück­kommt.

In der Kon­sul­ta­ti­on der kom­men­den Mo­na­te muss es pri­mär dar­um ge­hen, sich bin­nen­schwei­ze­risch auf Po­si­tio­nen zu ei­ni­gen. Wich­tig ist der Hin­weis, dass die EU er­klärt hat, dass sie nicht be­reit ist, die Ver­hand­lun­gen fort­zu­set­zen. Ei­nen Neu­an­fang wird es jetzt nicht ge­ben.

Die Po­si­tio­nen in der Schweiz sind al­ler­dings ver­här­tet. Die SVP re­agiert mit ei­nem Ab­wehr­re­flex auf al­les, was nach in­ter­na­tio­na­ler Zu­sam­men­ar­beit aus­sieht – die­ser iso­la­tio­nis­ti­sche Kurs ge­hört zum Selbst­ver­ständ­nis der Par­tei. Sie wird kaum von die­ser Po­si­ti­on ab­rü­cken, schon gar nicht in ei­nem Wahl­jahr. Im­mer­hin: Die Po­si­ti­on ist zu­min­dest kon­se­quent, wenn auch schwer ver­ständ­lich.

Die­je­ni­ge der Ge­werk­schaf­ten und der lin­ken Par­tei­en al­ler­dings ist al­les an­de­re als kon­se­quent. Sie, die frü­he­ren Eu­ro­tur­bos, de­nen ein Bei­tritt zur EU nicht schnell ge­nug kom­men konn­te, schi­cken sich mit ih­rer stu­ren Hal­tung be­tref­fend die flan­kie­ren­den Mass­nah­men nun an, das Ab­kom­men, und da­mit letzt­lich die bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge mit der EU, zu ge­fähr­den.

Der Bun­des­rat er­ach­tet das vor­lie­gen­de Er­geb­nis in wei­ten Tei­len als im In­ter­es­se der Schweiz lie­gend. Dem kann zu­ge­stimmt wer­den. Die Lin­ke wird sich ernst­haft über­le­gen müs­sen, ob sie tat­säch­lich zu­sam­men mit der SVP als To­ten­grä­be­rin des bi­la­te­ra­len Wegs, der das Wachs­tum der ver­gan­ge­nen Jah­re er­mög­licht hat, in die Ge­schich­te ein­ge­hen will. Die Pol­par­tei­en ver­ges­sen, dass auch ih­re Mit­glie­der von ei­nem ge­re­gel­ten Ver­hält­nis der Schweiz zur EU, dem mit Ab­stand wich­tigs­ten Han­dels­part­ner, pro­fi­tie­ren.

Ein schrof­fes Nein der Schweiz zum Ab­kom­men wür­de ei­nen Übungs­ab­bruch be­deu­ten. Wann und in wel­cher Form wie­der von vorn be­gon­nen wer­den könn­te, ist völ­lig of­fen. Als Ers­tes hät­te das Land mit Ge­gen­mass­nah­men sei­tens der EU zu rech­nen, die sehr schmerz­haft aus­fal­len könn­ten. Ein vor­teil­haf­te­res Ab­kom­men darf die Schweiz in all­fäl­li­gen Neu­ver­hand­lun­gen nicht er­war­ten.

«Ein schrof­fes Nein der Schweiz zum Ab­kom­men wür­de ei­nen Übungs­ab­bruch be­deu­ten.»

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