Re­gu­lie­rung auf Kos­ten der Ak­tio­nä­re

Im Rah­men der Ak­ti­en­rechts­re­vi­si­on sol­len die Rech­te der In­ves­to­ren in Ver­gü­tungs­fra­gen ein­ge­schränkt wer­den. Das ist nicht in ih­rem Sinn.

Finanz und Wirtschaft - - UNTERNEHMEN - BAR­BA­RA HEL­LER UND CHRIS­TOPH WENK

Ei­ne gu­te Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce soll un­ter an­de­rem Sta­ke­hol­dern ei­nen an­ge­mes­sen si­che­ren Rah­men für ih­re In­ves­ti­tio­nen ga­ran­tie­ren. Bei ko­tier­ten Un­ter­neh­men ist es für Ak­tio­nä­re ent­spre­chend wich­tig, wie ih­re Rech­te aus­ge­stal­tet sind. Die Ver­ord­nung ge­gen über­mäs­si­ge Ver­gü­tun­gen ( Ve­güV) hat die­se deut­lich ge­stärkt. Ei­ne brei­te Pa­let­te an Mit­spra­che­rech­ten er­laubt es den Ak­tio­nä­ren, sich jähr­lich zu we­sent­li­chen Punk­ten der Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce zu äus­sern und bin­dend ab­zu­stim­men.

Nach meh­re­ren Jah­ren mit po­si­ti­ven Er­fah­run­gen in der Pra­xis möch­te die Rechts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats die Rech­te der Ak­tio­nä­re nun deut­lich ein­schrän­ken: De­ren Frei­heit, die Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce un­ter­neh­mens­spe­zi­fisch aus­zu­ge­stal­ten, soll be­schnit­ten und durch ein­heit­li­che Be­stim­mun­gen er­setzt wer­den. So soll un­ter an­de­rem nur noch ei­ne dem Ge­schäfts­jahr nach­ge­la­ger­te Ab­stim­mung (re­tro­spek­tiv) zu den Ver­gü­tungs­be­trä­gen er­laubt sein, und ver­schie­de­ne Ent­schä­di­gun­gen sol­len ver­bo­ten so­wie die In­an­spruch­nah­me der Di­enst­leis­tun­gen von Stimm­rechts­be­ra­tern of­fen­ge­legt wer­den (vgl. Kas­ten).

Wes­halb braucht es die­se «Ve­güV+»? Mit den bin­den­den Ab­stim­mun­gen über Ver­gü­tungs­be­trä­ge (bis­lang durch die Ak­tio­nä­re in den Sta­tu­ten be­stimmt, wahl­wei­se vor- oder nach­ge­la­gert), den in­di­vi­du­el­len Wah­len des Ver­wal­tungs­rats­prä­si­den­ten, der Ver­wal­tungs­rä­te und der Mit­glie­der des Ver­gü­tungs­aus­schus­ses ha­ben Ak­tio­nä­re von Schwei­zer Un­ter­neh­men be­reits welt­weit ein­zig­ar­ti­ge und ef­fek­ti­ve In­stru­men­te, die es ih­nen jähr­lich er­lau­ben, die Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce «ih­rer» Un­ter­neh­men we­sent­lich mit­zu­be­stim­men.

Funk­tio­nie­ren­de Pra­xis

Die Ab­schaf­fung der vor­ge­la­ger­ten (pro­spek­ti­ven) Ab­stim­mung zu den Ver­gü­tungs­be­trä­gen wür­de für die gros­se Mehr­heit der ko­tier­ten Un­ter­neh­men in der Schweiz ei­ne neu­er­li­che An­pas­sung der Sta­tu­ten und ei­ne Ab­wen­dung von ei­nem gut funk­tio­nie­ren­den Sys­tem be­deu­ten. Be­reits 2015 ga­ben 58,6% der In­ves­to­ren in der jähr­li­chen Cor­po­ra­te-Go­ver­nan­ceUm­fra­ge von Swi­pra an, dass sie ge­gen die Ab­schaf­fung pro­spek­ti­ver Ab­stim­mun­gen sind. Zu­dem war in der­sel­ben Um­fra­ge nur ein Fünf­tel der be­frag­ten In­ves­to­ren der Mei­nung, dass die zu­künf­ti­ge Re­gu­lie­rung in ih­rem In­ter­es­se sei. 2018 er­klär­ten denn auch rund zwei Drit­tel der in­sti­tu­tio­nel­len An­le­ger aus dem In- und Aus­land in der Um­fra­ge, die Rech­te von Min­der­heits­ak­tio­nä­ren in der Schweiz sei­en aus­rei­chend ge­schützt.

Auf­sei­ten der In­ves­to­ren ist kaum ein Be­dürf­nis nach zu­sätz­li­cher Re­gu­lie­rung vor­han­den. Kri­tik wird nicht bei den Ve­güV-re­le­van­ten Punk­ten ge­übt, son­dern dort, wo die Mit­be­stim­mungs­rech­te der Ak­tio­nä­re ge­gen­wär­tig ein­ge­schränkt sind: bei Op­t­ing-up-/Op­t­in­gout-Re­geln oder Stimm­rechts­ak­ti­en. Mit den Vor­schlä­gen der Rechts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats wür­de der un­ter­neh­mens­spe­zi­fi­sche Gestal­tungs­raum be­grenzt und durch ein­heit­li­che, po­li­tisch fest­ge­leg­te Re­geln er­setzt.

Auch vor dem Hin­ter­grund der funk­tio­nie­ren­den Pra­xis ist dies nicht wün­schens­wert. Die Ana­ly­se der Ge­ne­ral­ver­samm­lun­gen (GV) 2018 hat ge­zeigt, dass das Sys­tem der pro­spek­ti­ven Ab­stim­mun­gen funk­tio­niert. Sind In­ves­to­ren mit den Ver­gü­tun­gen in ei­nem Un­ter­neh­men un­zu­frie­den, leh­nen sie zu­nächst den kon­sul­ta­tiv zur Ab­stim­mung ge­brach­ten Ver­gü­tungs­be­richt ab. Re­agiert das Un­ter­neh­men nicht auf die Kri­tik der Ak­tio­nä­re, steigt an der nächs­ten GV nicht nur der An­teil Nein-Stim­men beim Ver- gü­tungs­be­richt, son­dern auch der Druck auf die bin­den­den Wah­len in den Ver­gü­tungs­aus­schuss so­wie die bin­den­den Ab­stim­mun­gen zu den Ver­gü­tungs­be­trä­gen. Beim kri­tischs­ten Vier­tel der Un­ter­neh­men ist der An­teil Nein-Stim­men zu den Ver­gü­tungs­be­trä­gen ge­gen­über dem Vor­jahr auf fast das Vier­fa­che ge­stie­gen, von 7,4% auf 28,3%.

Kei­ne Ex­zes­se mehr

Die­se jähr­lich bin­den­den Ab­stim­mun­gen zu den Ver­gü­tungs­be­trä­gen sind mit­un­ter auch ein Grund da­für, dass es seit Ein­füh­rung der Ve­güV kei­ne Ex­zes­se mehr wie zu Zei­ten der In­iti­ie­rung der Ab­zo­cker-Initia­ti­ve gab. Das Me­dian­ein­kom­men der CEO in den hun­dert gröss­ten ko­tier­ten Un­ter­neh­men in der Schweiz ist seit Ein­füh­rung der Ve­güV prak­tisch un­ver­än­dert ge­blie­ben. Gleich­zei­tig ist der leis­tungs­ab­hän­gi­ge, ak­ti­en­ba­sier­te An­teil an der Ge­samt­ver­gü­tung, al­so der­je­ni­ge An­teil, der nicht «aus­ge­zahlt» wird, wenn die Leis­tung nicht stimmt, um fast 10 Pro­zent­punk­te auf 27% ge­stie­gen. Die In­ter­es­sen der Ak­tio­nä­re und des Ma­nage­ments glei­chen sich zu­neh­mend an.

Den­noch sol­len die pro­spek­ti­ven Ab­stim­mun­gen per Ge­setz aus­ge­schlos­sen und wei­te­re Aus­ge­stal­tun­gen des Ver­gü­tungs­sys­tems ein­ge­schränkt wer­den. Da­bei wird ar­gu­men­tiert, nur bei der re­tro- spek­ti­ven Ab­stim­mung sei­en al­le In­for­ma­tio­nen (in Form von Leis­tungs­kenn­zah­len und Ver­gü­tungs­hö­hen) vor­han­den, um ent­schei­den zu kön­nen, wäh­rend bei der pro­spek­ti­ven Ab­stim­mung le­dig­lich ein ma­xi­ma­les Kos­ten­dach für die Ver­gü­tung be­stimmt wer­de. Da­bei wird oft ver­ges­sen, dass sich der Ver­wal­tungs­rat auch bei pro­spek­ti­ven Ab­stim­mun­gen je­des Jahr von Neu­em ein ma­xi­ma­les Bud­get ab­seg­nen las­sen und je­des Jahr ei­nen Ver­gü­tungs­be­richt vor­le­gen muss, in dem er er­läu­tert, wie die ein­mal ge­neh­mig­ten Be­trä­ge ver­wen­det wur­den. Kön­nen die Ak­tio­nä­re die Hö­he der Ver­gü­tung nicht mit der Leis­tung des Ma­nage­ments in Ein­klang brin­gen, wird dies der Ver­wal­tungs­rat spä­tes­tens bei der pro­spek­ti­ven Ab­stim­mung an der nächs­ten GV zu spü­ren krie­gen. So ge­sche­hen et­wa beim Ver­mö­gens­ver­wal­ter GAM.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es un­klar, wes­halb den Ak­tio­nä­ren ge­wis­se Rech­te nach nur vier Jah­ren be­reits ent­zo­gen wer­den sol­len. Be­son­ders pa­ra­dox ist da­bei, dass die Rechts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats just der­je­ni­gen Grup­pe, die von sol­chen Be­stim­mun­gen di­rekt be­trof­fen ist und da­von pro­fi­tie­ren soll, näm­lich den Ak­tio­nä­ren, et­was vor­schrei­ben will, was von ihr gar nicht ge­wünscht wird.

Bar­ba­ra Hel­ler ist Ma­na­ging Part­ner, Chris­toph Wenk ist Part­ner beim Go­ver­nan­ce-Spe­zia­lis­ten und -Be­ra­ter Swi­pra.

Das Sys­tem der pro­spek­ti­ven Ab­stim­mung an der Ge­ne­ral­ver­samm­lung funk­tio­niert.

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