Eu­ro­pas grosse Län­der in der Kri­se

In Lon­don, Pa­ris, Ber­lin, Rom und Ma­drid sind schwa­che Re­gie­run­gen im Amt. Br­ex­it, «Gi­lets Jau­nes», Wahl­nie­der­la­gen zeh­ren an der Sub­stanz. Bes­se­rung ist nicht in Sicht – schlecht für die EU und die Wäh­rungs­uni­on.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - MAN­FRED RÖSCH

Die­ses Jahr kommt ei­ni­ges auf die Eu­ro­päi­sche Uni­on zu. Am 29. März wird das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich aus der EU aus­tre­ten – wenn sich nicht noch ei­ne sen­sa­tio­nel­le Wen­de voll­zieht, et­wa die An­sa­ge ei­nes zwei­ten Re­fe­ren­dums. Die Re­gie­rungs­kri­se im NochEU-Staat Gross­bri­tan­ni­en ist of­fen­sicht­lich und haar­sträu­bend. Die bri­ti­sche Po­li­tik, einst ein Syn­onym von Com­mon Sen­se, pro­du­ziert seit dem fa­ta­len Ple­bis­zit vom Ju­ni 2016 vor­nehm­lich Non­sen­se.

Ob und wie auch im­mer die Bri­ten aus­schei­den wer­den – wahr­schein­lich zu ih­rem Nach­teil und si­cher zum Scha­den der EU: Das Ka­bi­nett un­ter Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May ist an­ge­zählt, May ist Re­gie­rungs­che­fin auf Ab­ruf. In den Rei­hen der To­ries fehlt es an über­zeu­gen­den per­so­nel­len Al­ter­na­ti­ven, und der tief­ro­te La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn wä­re in 10 Dow­ning Street ein Ver­häng­nis.

Von der Selbst­zer­flei­schung in West­mins­ter und dem Zer­würf­nis mit der EU pro­fi­tiert auf dem Kon­ti­nent nur ei­ner: Russ­lands Macht­ha­ber Pu­tin. Der Aus­zug des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs, Atom­macht und stän­di­ges Mit­glied des Uno-Si­cher­heits­rats, ver­min­dert das mi­li­tä­ri­sche und po­li­ti­sche Ge­wicht der EU emp­find­lich. Den­noch wür­de es we­nig er­stau­nen, wenn es in Brüs­sel kurz­sich­ti­ge Kräf­te gä­be, de­nen der Ab­gang Lon­dons ge­ra­de recht kommt, weil sie nun die Chan­ce auf wei­te­re In­te­gra­ti­ons­schrit­te wit­tern.

Ma­cron und die Ma­lai­se

Wel­che eu­ro­pa- und welt­po­li­ti­sche Rol­le ein von der EU ge­trenn­tes Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich über­neh­men will und über­haupt kann, ist völ­lig un­klar. Letzt­lich steht das Land wie­der dort, wo es nach dem En­de des Em­pi­re in den Sech­zi­ger­jah­ren war: auf der Su­che nach sich selbst, zu­dem nun auch in der Ge­fahr der Zer­split­te­rung.

Auch die zwei­te eu­ro­päi­sche «Sie­ger­macht» des Zwei­ten Welt­kriegs, Frank­reich, ha­dert mit sich selbst. Die Re­for­ma­ver­si­on der Fran­zo­sen, die pa­ra­do­xer­wei­se Staats­gläu­big­keit mit ei­ner Nei­gung zur An­ar­chie plus ei­ner Ab­nei­gung ge­gen die Markt­wirt­schaft ver­bin­den, hat ei­ne lan­ge und leid­vol­le Tra­di­ti­on. Der Hoff­nungs­trä­ger Em­ma­nu­el Ma­cron, erst seit Mai 2017 ehr­gei­zi­ger und selbst­be­wuss­ter Herr des Ely­sée, droht be­reits da­ran zu schei­tern. Der spon­tan or­ga­ni­sier­te Auf­stand der «Gi­lets Jau­nes» (in ge­wis­ser Wei­se ein ähn­li­ches So­ci­al-Me­dia-Phä­no­men wie Ma­crons Par­tei La Ré­pu­bli­que en Mar­che) hat dem Prä­si­den­ten die Macht der Stras­se ge­gen­über­ge­stellt.

Der­glei­chen hat in Frank­reich Tra­di­ti­on. Ana­lys­ten be­zeich­ne­ten das Auf­be­geh­ren der «Gi­lets Jau­nes» mit der Jac­que­rie des 14. Jahr­hun­derts, ei­ner Bau­ern­re­vol­te in Nord­frank­reich, die schliess­lich vom Adel nie­der­ge­schla­gen wur­de und ein na­tio­na­les Trau­ma ge­blie­ben ist. Ein jün­ge­res Bei­spiel ist der Pou­ja­dis­mus der Fünf­zi­ger­jah­re, be­nannt nach dem schil­lern­den Po­li­ti­ker Pier­re Pou­ja­de, der im Be­son­de­ren die In­ter­es­sen der Hand­wer­ker und der Händ­ler ver­tei­dig­te und im All­ge­mei­nen die­je­ni­gen des «klei­nen Man­nes» ge­gen «die da oben». Das trug bei zum En­de der dys­funk­tio­na­len Vier­ten Re­pu­blik mit ih­ren kurz­le­bi­gen Wa­ckel­ka­bi­net­ten.

Die fol­gen­de und bis heu­te be­ste­hen­de Fünf­te Re­pu­blik hat die­se Pro­ble­me nicht mehr, denn ihr fak­ti­scher Grün­der Charles de Gaul­le schanz­te dem Staats­prä­si­di­um, al­so erst mal sich selbst, weit­rei­chen­de Voll­mach­ten zu. Ma­cron kann da­her bis 2022 un­an­ge­foch­ten wei­ter­re­gie­ren, sei­ne Mehr­heit in der Na­tio­nal­ver­samm­lung ist un­ge­fähr­det. Doch wagt er es nach sei­nem (kost­spie­li­gen) Ein­kni­cken noch, zwangs­läu­fig un­po­pu­lä­re Re­for­men durch­zu­set­zen? Ma­cron sprach mit gu­tem Grund von den «Gau­lois réfrac­taires au chan­ge­ment», sei­nen je­den Wan­del ab­leh­nen­den Lands­leu­ten. Der le­gen­dä­re Fuss­ball­trai­ner Gio­van­ni Trap­pa­to­ni wür­de wohl sa­gen: Ma­cron hat fer­tig. Der be­reits in der Vier­ten Re­pu­blik be­klag­te «Im­mo­bi­lis­me» plagt auch das Frank­reich von heu­te.

Da­mit wird der grosse De­al mit Deutsch­land hin­fäl­lig: Frank­reich macht sich end­lich wett­be­werbs­fä­hi­ger, da­für zeigt Ber­lin Ent­ge­gen­kom­men, et­wa bud­get- und wäh­rungs­po­li­tisch. Ma­crons Mo­men­tum ist da­hin. Vor­bei die Zei­ten, als es schien, Pa­ris wer­de zum Im­puls­ge­ber, wäh­rend man sich in Ber­lin in quä­lend lan­ge Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ver­biss.

Auch die deut­sche Re­gie­rung hängt in den Sei­len. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hat nach bö­sen Nie­der­la­gen in Land­tags­wah­len die Hälf­te ih­rer Macht, den Vor­sitz der CDU, ab­ge­ben müs­sen. Fragt sich, ob sie bis zu den nächs­ten Bun­des­tags­wah­len im Herbst 2021 re­gie­ren und, falls ja, was sie in die­ser Zeit mit ih­rer an­ge­schla­ge­nen Au­to­ri­tät und der zer­ris­se­nen Ko­ali­ti­on der Un­wil­li­gen über­haupt noch zu­stan­de brin­gen kann. Was CDU, CSU und SPD einst­wei­len zu­sam­men­hält, ist bloss die Angst vor Neu­wah­len. Frank­reich gross­zü­gig aus der Pat­sche zu hel­fen, scheint un­ter die­sen Um­stän­den aus­ge­schlos­sen. Es könn­te im Ge­gen­teil so­gar zu er­höh­ten Span­nun­gen zwi­schen Ber­lin und Pa­ris kom­men.

Im kom­men­den Herbst wird in den Bun­des­län­dern Bran­den­burg, Sach­sen und Thü­rin­gen ge­wählt; nach ak­tu­el­len Um­fra­gen dürf­te die rech­te Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land (AfD) ge­win­nen, Uni­on und SPD wer­den ver­lie­ren. Im Mai be­reits wird das eher macht­ar­me EU-Par­la­ment ge­wählt, was zwar kei­ne prak­ti­schen, doch er­heb­li­che psy­cho­lo­gi­sche Fol­gen ha­ben kann; auch bei die­ser Ge­le­gen­heit dürf­ten AfD und Grü­ne zu­las­ten der bei­den ab­ge­nutz­ten «Alt­par­tei­en» avan­cie­ren.

Wann be­fand sich Ita­li­en bis da­to letzt­mals nicht in ei­ner Re­gie­rungs­kri­se? Das Land, das nach dem Br­ex­it die dritt­gröss­te Volks­wirt­schaft der EU stel­len wird, lebt seit Jahr­zehn­ten in ei­ner Art in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter In­sta­bi­li­tät. Doch die nun re­gie­ren­de, irr­lich­tern­de Ko­ali­ti­on lin­ker und rech­ter «Po­pu­lis­ten» ist et­was Neu­es. Dass vie­le Wäh­ler die al­ten Kräf­te ab­ser­vie­ren woll­ten, ver­steht sich nur zu gut, doch es ist leich­ter, auf Miss­stän­de hin­zu­wei­sen, als sie zu be­sei­ti­gen. Hin­zu kommt, dass Ita­li­ens ma­ro­des Ban­ken­sys­tem ei­ne Zeit­bom­be ist, für den gan­zen Eu­ro­raum.

«Übe­r­all mit­tel­mäs­si­ges Füh­rungs­per­so­nal, er­schüt­ter­te Par­tei­en­sys­te­me, dis­kre­di­tier­te Esta­blish­ments.»

Un­gut für die Märk­te

Spa­ni­en schliess­lich, künf­tig die viert­gröss­te EU-Öko­no­mie, hat ei­nen Re­gie­rungs­wech­sel über ein Miss­trau­ens­vo­tum hin­ter sich, von den Kon­ser­va­ti­ven zu den So­zia­lis­ten un­ter dem neu­en Pre­mier Pe­dro Sán­chez. Doch der ver­fügt nur über ei­ne schma­le Ba­sis im Par­la­ment und ist auf zwei­fel­haf­te Un­ter­stüt­zer an­ge­wie­sen, auf Re­gio­nal­par­tei­en oder auf die links­ra­di­ka­le Po­de­mos. Ob Sán­chez bis zum re­gu­lä­ren Wahl­ter­min im Som­mer 2020 durch­hal­ten kann?

Schwa­che Re­gie­run­gen al­so gleich­zei­tig in al­len gros­sen EU- bzw. Noch-EUStaa­ten, übe­r­all mit­tel­mäs­si­ges Füh­rungs­per­so­nal, er­schüt­ter­te Par­tei­en­sys­te­me, dis­kre­di­tier­te Esta­blish­ments – Zeit, sich warm an­zu­zie­hen, ge­ra­de auch an den Märk­ten, denn das sind kei­ne gu­ten Vor­zei­chen für den Eu­ro.

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