Wirt­schafts­stand­ort un­ter Druck

Im neu­en Jahr ste­hen nicht nur eid­ge­nös­si­sche Wah­len an, in zen­tra­len Po­li­tik­be­rei­chen wer­den wich­ti­ge Wei­chen ge­stellt. Zur De­bat­te steht nicht we­ni­ger als die Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät der Schweiz.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - PETER MORF

Die eid­ge­nös­si­schen Wah­len vom 20. Ok­to­ber sind das po­li­ti­sche Haupt­er­eig­nis 2019. Da­bei stel­len sich zwei wich­ti­ge Fra­gen: Setzt sich die Po­la­ri­sie­rung fort, blei­ben al­so die SP zur Lin­ken und die SVP zur Rech­ten so do­mi­nant wie bis­her und ver­fü­gen sie wei­ter zu­sam­men über die ab­so­lu­te Mehr­heit im Na­tio­nal­rat, mit dem da­mit ver­bun­de­nen – und lei­der all­zu oft ge­nutz­ten – Blo­cka­de­po­ten­zi­al? Zu­dem wird sich zei­gen müs­sen, ob die CVP ih­ren seit Jah­ren an­dau­ern­den Nie­der­gang fort­setzt und sich wei­ter in Rich­tung po­li­ti­scher Be­deu­tungs­lo­sig­keit be­wegt.

Ab­ge­se­hen von den Wah­len wer­den auch in zen­tra­len Po­li­tik­be­rei­chen wich­ti­ge Wei­chen­stel­lun­gen fäl­lig, die auf die Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät und da­mit die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Schweiz gros­sen Ein­fluss ha­ben. Das gilt et­wa für das Rah­men­ab­kom­men mit der EU, die Ab­stim­mung über die Steu­er­vor­la­ge 17/AHV­Fi­nan­zie­rung, die Ak­ti­en­rechts­re­form oder die Ener­gie­po­li­tik.

Da­bei ist es al­les an­de­re als op­ti­mal, dass der­art wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen in ei­nem Wahl­jahr an­ste­hen. Er­fah­rungs­ge­mäss do­mi­niert der Wahl­kampf, sach­po­li­ti­sche The­men wer­den ihm meist un­ter­ge­ord­net – nicht zum Vor­teil sach­lich gu­ter Lö­sun­gen.

Es droht ein Scher­ben­hau­fen

Schon im ers­ten Quar­tal dürf­te ein Ent­scheid in der Eu­ro­pa­po­li­tik fäl­lig wer­den. Nach der kürz­lich ge­star­te­ten Kon­sul­ta­ti­on zum Rah­men­ab­kom­men mit der EU muss der Bun­des­rat ent­schei­den, ob er da­sVer­trags­werk pa­ra­phie­ren will. Da­bei steht er vor ei­nem Di­lem­ma: Die EU hält fest, dass der vor­lie­gen­de Ver­trag nicht mehr wei­ter ver­han­del­bar ist und vor al­lem dass es oh­ne ein Ab­kom­men kei­ne Wei­ter­ent­wick­lung des bi­la­te­ra­len We­ges mit der Schweiz ge­ben wird.

In­nen­po­li­tisch scheint die La­ge aus­sichts­los: Die SVP re­agiert mit ei­nem sim­plen Ab­wehr­re­flex auf al­les, was mit der EU zu tun hat. Sie zu be­keh­ren, dürf­te aus­sichts­los sein. Der Ge­werk­schafts­bund und die Lin­ke – die frü­he­ren EU­Tur­bos – ha­ben sich ins La­ger der Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on ge­schla­gen. Sie fürch­ten um den Lohn­schutz in der Schweiz bzw. die flan­kie­ren­den Mass­nah­men zum Ab­kom­men über die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit.

Der Lohn­schutz wür­de al­ler­dings durch die vor­ge­se­he­nen Mass­nah­men kaum tan­giert. Den Ge­werk­schaf­ten, und mit ih­nen den lin­ken Par­tei­en, geht es dar­um, das durch die flan­kie­ren­den Mass­nah­men auf­ge­bau­te Lohn­kar­tell in der Schweiz mit al­len Mit­teln zu ver­tei­di­gen. In ih­rem Fo­kus steht pu­re Macht­po­li­tik, ei­ne flo­rie­ren­de Wirt­schaft ist für sie kein The­ma.

Hal­ten sie an ih­rer Ver­wei­ge­rungs­hal­tung fest, ist in Sa­chen Rah­men­ab­kom­men ein Scher­ben­hau­fen un­aus­weich­lich. Da­mit wür­den die bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge mit der EU mit­tel­fris­tig aufs Spiel ge­setzt. Der Scha­den für den Stand­ort Schweiz wä­re enorm. Die bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge ha­ben den Er­folg der Schwei­zer Wirt­schaft in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erst er­mög­licht. Die ge­nann­ten Par­tei­en müs­sen sich fra­gen, ob sie für die Fol­gen ei­nes von ih­nen mut­wil­lig pro­vo­zier­ten Scher­ben­hau­fens al­len­falls wirk­lich die Ver­ant­wor­tung über­neh­men wol­len.

In ei­nem – al­ler­dings an­ders ge­ar­te­ten – Di­lem­ma be­fin­det sich das Stimm­volk mit Blick auf die Ab­stim­mung über das Pa­ket von Steu­er­vor­la­ge 17 (SV17) und Zu­satz­fi­nan­zie­rung der AHV. Das Re­fe­ren­dum da­ge­gen ist of­fen­bar zu­stan­de ge­kom­men, die Ab­stim­mung fin­det am 19. Mai statt. Bei der SV17 geht es um die Ab­schaf­fung der kan­to­na­len steu­er­li­chen Son­der­re­gimes für be­stimm­te Ge­sell­schafts­for­men. Da­mit die be­trof­fe­nen Un­ter­neh­men we­gen der mas­siv er­höh­ten Steu­er­last nicht weg­zie­hen, sol­len ih­nen an­de­re Er­leich­te­run­gen ge­währt wer­den.

Die SV17 ist die Nach­fol­ge­re­ge­lung zur Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form III, die vom Volk ab­ge­lehnt wur­de. Aus Angst vor ei­nem neu­er­li­chen Schei­tern hat das Par­la­ment, auf Be­stre­ben des Stän­de­rats, die Vor­la­ge mit ei­ner mas­si­ven Zu­satz­fi­nan­zie­rung für die AHV ver­knüpft. DasVor­ge­hen ist in zwei­er­lei Hin­sicht zu kri­ti­sie­ren: Zu­nächst kön­nen die­je­ni­gen Stimm­bür­ger, die den ei­nen Teil der Vor­la­ge un­ter­stüt­zen, den an­de­ren aber nicht, ih­ren Wil­len an der Ur­ne nicht zum Aus­druck brin­gen. Wie soll abstimmen, wer die SV17 zwar sinn­voll fin­det, die Zu­satz­fi­nan­zie­rung zur AHV aber nicht? Das ist rechts­staat­lich nicht halt­bar. Kaum zu glau­ben, dass das Par­la­ment die­ses Di­lem­ma be­wusst ge­schaf­fen hat.

Über­dies stellt die Zu­satz­fi­nan­zie­rung der AHV die Wei­chen in ei­ne grund­le­gend fal­sche Rich­tung: Es wird ein­fach mehr Geld in die AHV ge­pumpt. Die Lin­ke hat ju­bi­liert und wähnt die ver­hass­ten Dis­kus­sio­nen über ei­ne An­pas­sung schon nur des Ren­ten­al­ters der Frau­en für im­mer be­en­det. Ei­ne ge­ne­rel­le Er­hö­hung des Ren­ten­al­ters wird gar nicht mehr in Be­tracht ge­zo­gen – und die bür­ger­li­chen Par­tei­en fürch­ten sich da­vor, das The­ma auf­zu­grei­fen.

Da­bei drü­cken sich al­le um die Er­kennt­nis, die vie­le EU­Län­der längst ak­zep­tie­ren: Die Al­ters­vor­sor­ge kann nur über ei­ne An­pas­sung des Ren­ten­al­ters nach oben dau­er­haft ge­si­chert wer­den. So ge­se­hen ist die Ver­knüp­fung von SV17 und AHV ge­fähr­lich. Wird die Vor­la­ge an­ge­nom­men, pro­fi­tiert zwar der Steu­er­stand­ort Schweiz, doch um den Preis ei­ner grund­le­gend fal­schen Wei­chen­stel­lung in der AHV. Sie wür­de zu ei­nem Fass oh­ne Bo­den – der län­ger­fris­ti­ge Scha­den wür­de den kürz­er­fris­ti­gen Ge­winn aus der SV17 bei wei­tem über­tref­fen.

Ak­ti­en­recht ab­spe­cken

In der Re­form des Ak­ti­en­rechts ist die stän­de­rät­li­che Kom­mis­si­on ge­for­dert, die von ihr selbst auf­ge­bläh­te Re­form ab­zu­spe­cken. Das ist letzt­lich der Auf­trag des Rats, der die Vor­la­ge zu­rück­ge­wie­sen hat – ein ver­nünf­ti­ger Ent­scheid. Das Ziel ist, die Um­set­zung der «Ab­zo­cker­Initia­ti­ve» end­lich ins or­dent­li­che Recht zu über­füh­ren – nicht mehr und nicht we­ni­ger. Die Kom­mis­si­on al­ler­dings hat­te den Vor­schlag dar­über hin­aus zu­las­ten der Un­ter­neh­men mas­siv ver­schärft.

Zu­dem wur­den ge­sell­schafts­po­li­ti­sche An­lie­gen, die mit dem Ak­ti­en­recht nichts zu tun ha­ben (Ge­schlech­ter­quo­ten, Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung im Roh­stoff­sek­tor) in die Vor­la­ge auf­ge­nom­men. Sie ge­hö­ren ge­stri­chen. Ein über­la­de­nes Ak­ti­en­recht er­schwert den be­trof­fe­nen Un­ter­neh­men das Le­ben oh­ne je­de Not und ver­schlech­tert die Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät wei­ter.

Die­se Ge­fahr be­steht schliess­lich auch in der Ener­gie­po­li­tik bzw. der Um­set­zung der Ener­gie­stra­te­gie 2050. Die Ver­sor­gung mit Elek­tri­zi­tät ist mit­tel­ und län­ger­fris­tig ge­fähr­det: En­de 2019 wird das Kern­kraft­werk Müh­le­berg aus­ge­schal­tet. Spä­tes­tens ab 2022, wenn die letz­ten deut­schen Kern­kraft­wer­ke vom Netz ge­hen und auch das um­strit­te­ne Kern­kraft­werk im fran­zö­si­schen Fessenheim, von dem die Schweiz Strom be­zieht, still­ge­legt ist, wird die Schweiz die Ver­sor­gung mit Im­port­strom nicht mehr si­cher­stel­len kön­nen.

Da die Er­zeu­gung von Strom aus Son­ne und Wind in der Schweiz nicht ge­eig­net ist, die ab­seh­ba­ren Lü­cken zu schlies­sen, bie­tet sich fast nur der Bau von Gas­kraft­wer­ken an. Nur: In­klu­si­ve Pla­nung und Be­wil­li­gung dau­ert es min­des­tens fünf Jah­re bis zur In­be­trieb­nah­me ei­nes all­fäl­li­gen sol­chen Werks. Mit an­de­ren Wor­ten: Es ist ge­nau ge­nom­men schon zu spät, um die Ver­sor­gung mit Elek­tri­zi­tät auch über 2022 hin­aus si­cher­zu­stel­len. Die dro­hen­den Schä­den sind kaum ab­seh­bar.

Ob­wohl die Wei­chen­stel­lun­gen in den ge­nann­ten Be­rei­chen nicht al­le 2019 ab­schlies­send vor­ge­nom­men wer­den, steht sehr viel auf dem Spiel. Die Ge­fahr liegt auf der Hand, dass in al­len The­men Ent­schei­de ge­fällt wer­den, die die Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät der Schweiz ver­schlech­tern. Das gilt ver­stärkt, wenn in den Wah­len im Herbst die po­li­ti­schen Po­le zur Lin­ken und zur Rech­ten nicht ge­schwächt oder gar noch ge­stärkt wer­den.

In die­sem Fall wird das Pri­mat der Macht­ über die Sach­po­li­tik er­hal­ten blei­ben. Das wä­re ein denk­bar schlech­tes Omen für die wei­te­re Ent­wick­lung der Pro­spe­ri­tät der Schweiz. Das Land könn­te schlimms­ten­falls rasch vom wirt­schaft­li­chen Mus­ter­schü­ler zum Sor­gen­kind wer­den.

«Die Schweiz könn­te vom wirt­schaft­li­chen Mus­ter­schü­ler zum Sor­gen­kind wer­den.»

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