Lehr­buch­di­plo­ma­tie

Finanz und Wirtschaft - - CLOSING BELL - Alex­an­der Tren­tin PRINTED AND DISTRIBUTED BY PRESSREADER PressReader.com +1 604 278 4604 ORI­GI­NAL COPY . ORI­GI­NAL COPY . ORI­GI­NAL COPY . ORI­GI­NAL COPY . ORI­GI­NAL COPY . ORI­GI­NAL COPY

Hält man sich et­was län­ger in Tai­wan auf, stol­pert man öf­ter über Re­fe­ren­zen zu Hon­du­ras. In ei­nem Chi­ne­sisch-Lehr­buch der na­tio­na­len Leh­rer­uni­ver­si­tät wird et­wa ein Marc An­ton ein­ge­führt. In chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen als Ma An Tong ge­schrie­ben, ist die­ser Aus­tausch­stu­dent aus Hon­du­ras ei­ner der Prot­ago­nis­ten, die tai­wa­ni­sche Ei­gen­hei­ten wie «stin­ken­den To­fu» ken­nen­ler­nen. Auch sonst ist in Tai­peh die Zahl der Sti­pen­dia­ten und der Ver­an­stal­tun­gen mit Be­zug zum mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Land au­gen­fäl­lig.

Das liegt am Wett­be­werb Tai­wans mit der Volks­re­pu­blik Chi­na um di­plo­ma­ti­schen Ein­fluss, den die von 23 Mio. Ein­woh­nern be­völ­ker­te In­sel schon vor Jahr­zehn­ten ver­lo­ren hat. Staa­ten, die ei­ne Be­zie­hung mit dem sich selbst noch Re­pu­blik Chi­na nen­nen­den Land auf­recht­er­hal­ten, wer­den von Pe­king ab­ge­straft.

Der chi­ne­si­sche Bür­ger­krieg zwi­schen Na­tio­na­lis­ten und Kom­mu­nis­ten un­ter Mao Ze­dong wur­de 1949 von Mao ge­won­nen. Dem Na­tio­na­lis­ten­füh­rer Chiang Kai-shek blieb nur der Rück­zug mit sei­nem Ge­fol­ge auf die 180 Ki­lo­me­ter vom Fest­land ent­fern­te In­sel Tai­wan. Die Pro­vinz Tai­peh ist da­mit der über­le­ben­de Rest der al­ten Re­pu­blik Chi­na. Die­se hat for­mal nie auf­ge­ge­ben, der ein­zig wah­re Rechts­nach­fol­ger des Reichs der Mit­te zu sein.

Selbst win­zi­ge Län­der wie die Pa­zi­fi­kIn­sel­staa­ten Nau­ru und Ki­ri­ba­ti wer­den von Prä­si­den­tin Tsai Ing-wen per­sön­lich um­wor­ben, da­mit sie Tai­wan als sou­ve­rä­nen Staat ak­zep­tie­ren. Doch ge­gen das Rie­sen-In­ves­ti­ti­ons­bud­get aus Pe­king kann man we­nig aus­rich­ten. Hon­du­ras ist ei­nes der Hand­voll Län­der, die Tai­wan of­fi­zi­ell noch als sou­ve­rä­nen Staat an­er­ken­nen. 2018 ha­ben El Sal­va­dor und Bur­ki­na Fa­so ih­re An­er­ken­nung ent­zo­gen.

Ech­te De­mo­kra­ti­en wie Tai­wan sind in Asi­en rar. Doch um die Be­zie­hun­gen zur Wirt­schafts­macht Chi­na nicht zu ge­fähr­den, ver­wei­gern al­le west­li­chen In­dus­trie­län­der – in­klu­si­ve der Schutz­macht USA – dem Staat die An­er­ken­nung. Des­we­gen feh­len tai­wa­ni­sche De­le­ga­tio­nen in vie­len Or­ga­ni­sa­tio­nen, in­klu­si­ve der Ver­ein­ten Na­tio­nen. Und statt durch Bot­schaf­ten wird das Land durch «Wirt­schafts- und Kul­tur­bü­ros» ver­tre­ten.

Trotz­dem ver­sucht man sich wei­ter­hin auf in­ter­na­tio­na­ler Büh­ne zu eta­blie­ren. Als der Prä­si­dent der Po­li­zei­or­ga­ni­sa­ti­on In­ter­pol in sei­nem Hei­mat­land Chi­na fest­ge­nom­men wur­de – ein Af­front ge­gen­über der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft –, hat Tai­wan ei­nen Be­ob­ach­ter­sta­tus bei In­ter­pol be­an­tragt. Doch das wur­de schnell ab­ge­lehnt. Mehr, als Pe­king zu pro­vo­zie­ren, hat man wohl nicht er­reicht.

Wenn Tai­wa­ner Chi­na be­su­chen, mer­ken sie schnell, dass Pe­king sie als Bür­ger der Volks­re­pu­blik be­trach­tet. Sie er­hal­ten ei­nen spe­zi­el­len Aus­weis der Volks­re­pu­blik – ähn­lich wie ihn Bür­ger der Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne Hong­kong be­sit­zen.

Die 22-jäh­ri­ge tai­wa­ni­sche Stu­den­tin Amy, die in Schang­hai ein Aus­land­se­mes­ter ab­sol­vier­te, fühl­te sich in Chi­na wohl. Bis sie ih­ren chi­ne­si­schen Aus­weis ver­lor. Um ei­nen neu­en zu be­kom­men, brauch­te sie ei­ne Be­stä­ti­gung der Uni­ver­si­tät. Dort ver­lang­te man ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on. Weil ihr chi­ne­si­scher Aus­weis fehl­te, zeig­te sie der Uni­ver­si­täts­an­ge­stell­ten ih­ren grü­nen tai­wa­ni­schen Pass. Das führ­te zu ei­ner kaf­ka­es­ken Si­tua­ti­on: «Die An­ge­stell­te schau­te so, als wüss­te sie nicht, was das ist», er­zählt Amy. Sie hät­te ge­nau­so gut den Pass ei­nes Fan­ta­sie­lan­des vor­wei­sen kön­nen.

Im Hin­ter­grund schei­nen die all­täg­li­chen Be­zie­hun­gen zwi­schen Tai­wan und Pe­king dann doch zu funk­tio­nie­ren: Das Aus­sen­mi­nis­te­ri­um in Tai­peh konn­te die An­ge­le­gen­heit für die ver­zwei­fel­te Amy schliess­lich re­geln.

Jun­ge Tai­wa­ner füh­len sich an­ge­sichts des mäch­ti­gen Chi­na auf ver­lo­re­nem Pos­ten. Wer in Schang­hai ar­bei­tet, der ver­dient mehr als in Tai­peh. We­nig spricht da­für, dass sich die La­ge zum Bes­se­ren wen­det. Die Zei­ten ho­hen Wirt­schafts­wachs­tums sind vor­bei, die Ge­bur­ten­ra­te ist die dritt­nied­rigs­te der Welt, und man ist im Span­nungs­feld zwi­schen Chi­na und den USA ge­fan­gen.

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