Die Zwie­bel wird in In­di­en zum Po­li­ti­kum

Nied­ri­ge Agrar­prei­se ver­är­gern die Land­wir­te und könn­ten Pre­mier­mi­nis­ter Na­ren­dra Mo­di den Wahl­sieg kos­ten.

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ERNST HERB,

Wäh­rend an­ders­wo in der Welt die Zins­po­li­tik der Zen­tral­ban­ken, ein Han­dels­streit oder die Zu­wan­de­rung die Macht­ha­ber in Be­dräng­nis brin­gen, macht in In­di­en die be­schei­de­ne Zwie­bel die Re­gie­rung ner­vös. Der Preis die­ses Wur­zel­ge­mü­ses, das in In­di­en zu kei­ner Mahl­zeit feh­len darf, ist seit Mit­te 2018 über 80% ge­fal­len. Das Glei­che trifft auf Kar­tof­feln zu. In ei­nem Land, in dem wei­ter­hin bei­na­he 60% der Be­völ­ke­rung di­rekt von der Land­wirt­schaft ab­hän­gig sind, hat der Preis­ein­bruch vie­le Bau­ern­fa­mi­li­en in ar­ge fi­nan­zi­el­le Be­dräng­nis ge­bracht.

Da­mit ist auch die Wahr­schein­lich­keit ge­fal­len, dass die Par­tei von Pre­mier­mi­nis­ter Na­ren­dra Mo­di in den all­ge­mei­nen Par­la­ments­wah­len, die in den Mo­na­ten April und Mai ab­ge­hal­ten wer­den, wie vor fünf Jah­ren als kla­rer Sie­ger her­vor­ge­hen wird. Dass die op­po­si­tio­nel­le Kon­gress­par­tei zu­min­dest ei­nen Ach­tungs­er­folg er­zielt und da­mit die re­gie­ren­de Bha­ra­tiya­Ja­na­ta­Par­tei ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit ver­liert, ist um­so wahr­schein­li­cher, hat Mo­di doch vie­le sei­ner Ver­spre­chen nicht er­füllt. Un­ter an­de­rem, er wer­de jähr­lich 10 Mio. neue Ar­beits­plät­ze schaf­fen und dank auf­ge­spür­tem Schwarz­geld je­dem Haus­halt 1,5 Mio. Ru­pi­en (21 000 $) auf das Kon­to über­wei­sen.

Po­li­tik be­las­tet Wachs­tum

Es wä­re nicht das ers­te Mal, dass in In­di­en das The­ma Zwie­beln wahl­ent­schei­dend ist. So et­wa 1998 – al­ler­dings mit um­ge­kehr­ten Vor­zei­chen: Die über die ho­hen Zwie­bel­prei­se auf­ge­brach­ten Kon­su­men­ten der Haupt­stadt Neu­De­lhi wähl­ten da­mals die Lo­kal­re­gie­rung ab.

Die Un­ge­wiss­heit vor den Wah­len bremst – ne­ben den schwa­chen Bilanzen der Ban­ken und der da­mit ver­bun­de­nen zu­rück­hal­ten­de­ren Kre­dit­ver­ga­be – die Sach­in­ves­ti­tio­nen be­reits seit Mit­te des Vor­jah­res. «2019 wird po­li­ti­sche Un­ge­wiss­heit vor­herr­schen. Pri­vat­un­ter­neh­men wer­den erst dann wie­der in grös­se­rem Um­fang in­ves­tie­ren, wenn die po­li­ti­ sche La­ge kla­rer ge­wor­den ist», heisst es in ei­nem Kom­men­tar des ja­pa­ni­schen Fi­nanz­hau­ses No­mu­ra.

Zwar dürf­te In­di­en auch 2019 mit ei­nem von der Asia­ti­schen Ent­wick­lungs­bank (ADB) ge­schätz­ten Wachs­tum des Brut­to­in­land­pro­dukts von 7,6% die am schnells­ten ex­pan­die­ren­de gros­se Volks­wirt­schaft der Welt blei­ben. Doch die Po­li­tik sorgt auch an den Bör­sen für zu­neh­men­de Un­ru­he, hat doch das von Pre­mier Mo­di vor­an­ge­trie­be­ne tief­grei­fen­de wirt­schaft­li­che Re­form­pro­gramm – ne­ben dem nied­ri­gen Erd­öl­preis – den Ak­ti­en in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten Auf­trieb ge­ge­ben. Das ist um­so ein­drück­li­cher, als die Bör­se Mum­bai 2018 rund 6% zu­ge­legt hat, wäh­rend al­le an­de­ren asia­ti­schen Ak­ti­en­märk­te das Jahr mit ei­nem sat­ten Mi­nus ab­ge­schlos­sen ha­ben (vgl. obe­re Gra­fik).

Op­fer des ei­ge­nen Er­folgs

Da­bei ist Mo­di zu­min­dest teil­wei­se Op­fer des ei­ge­nen Er­fol­ges ge­wor­den. So et­wa we­gen der Ein­füh­rung ei­ner lan­des­weit ein­heit­li­chen Steu­er auf Gü­ter und Di­enst­leis­tun­gen vor zwei Jah­ren. Zwar er­wies sich die Um­set­zung in der An­fangs­pha­se als schwie­ri­ger als er­war­tet und hat ent­spre­chend für Miss­mut in der Be­völ­ke­rung ge­sorgt. Doch mit der Steu­er sind die Trans­por­te zwi­schen den Teil­staa­ten ge­ra­de auch für Agrar­gü­ter ef­fi­zi­en­ter ge­ wor­den. Zu­dem hat die Re­gie­rung den Ein­fluss schwer­fäl­li­ger staat­li­cher Mar­ke­ting­agen­tu­ren zu­rück­ge­schraubt und den Min­dest­preis et­wa für Reis oder Lin­sen auf­ge­ho­ben und da­mit den Markt­kräf­ten mehr Raum ge­ge­ben

Der da­mit schär­fer ge­wor­de­ne Wett­be­werb be­las­tet jetzt zwar die Ein­nah­men der in In­di­en nach wie vor mehr­heit­lich we­nig ef­fi­zi­ent ar­bei­ten­den Land­wir­te. An­der­seits hat er aber erst­mals seit lan­gem die no­to­risch ho­he Agrar­preis­in­fla­ti­on im Jah­res­ver­gleich un­ter 2% ge­drückt (vgl. un­te­re Gra­fik). Das ist be­deut­sam, ge­ben doch auch in ur­ba­nen Ge­bie­ten die Haus­hal­te ei­nen Gross­teil ih­res Ein­kom­mens für Le­bens­mit­tel aus.

Dank fal­len­der Agrar­preis­in­fla­ti­on und tie­fe­rem Erd­öl­preis im ver­gan­ge­nen Jahr konn­te die No­ten­bank den Leit­zins zwei Mal in Fol­ge auf nun 6,5% sen­ken. Den­noch hat sich das Wachs­tum seit dem zwei­ten Quar­tal des An­fang April be­gin­nen­den Fi­nanz­jah­res ste­tig ver­lang­samt. Lag es im zwei­ten Quar­tal des Fi­nanz­jah­res noch bei 8,2%, wa­ren es in den dar­auf fol­gen­den drei Mo­na­ten nur noch 7%.

Die ADB geht aber da­von aus, dass sich das Wachs­tum wie­der be­schleu­ni­gen wird. Doch die­se op­ti­mis­ti­sche Pro­gno­se stützt sich we­sent­lich auf die An­nah­me, dass Mo­di die Wah­len mehr oder we­ni­ger un­ge­scho­ren über­steht und da­mit sei­nen Re­form­kurs fort­set­zen kann.

Tie­fe Agrar­prei­se ver­är­gern zwar die Pro­du­zen­ten, sor­gen aber für mo­de­ra­te In­fla­ti­on.

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