Ste­cker ge­zo­gen

Die bis­her er­folg­reichs­te Spar­te der Ener­gie­kon­zer­ne lei­det un­ter dem Aus­schluss vom EU-Strom­markt.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - YVON­NE DEBRUNNER

Der Han­del mit Ener­gie boomt.

Die Ein­nah­men aus die­sem Be­reich hal­fen den Schwei­zer Ver­sor­gern, glimpf­lich durch die Kri­se zu kom­men. Doch nun lei­det das Ge­schäft un­ter dem Aus­schluss vom EU-Strom­markt.

Die Ener­gie­kon­zer­ne ha­ben schwie­ri­ge Jah­re hin­ter sich. We­gen der tie­fen Markt­prei­se muss­ten sie ih­ren Strom zeit­wei­se zur Hälf­te der Pro­duk­ti­ons­kos­ten ver­kau­fen, Ab­schrei­bun­gen auf den Kraft­wer­ken vor­neh­men und da­bei zu­se­hen, wie Ver­lus­te an der Sub­stanz nag­ten. Doch es gab ei­nen Ge­schäfts­be­reich, der in die­sen Jah­ren die Stim­mung hob: den Strom­han­del. Er ge­ne­rier­te durch­weg sta­bi­len oder stei­gen­den Er­trag, wie sich in den Jah­res­ab­schlüs­sen der Un­ter­neh­men zeigt.

Im Ge­schäfts­be­richt des Jah­res 2017/2018, den Ax­po vor ei­nem Mo­nat vor­ge­legt hat, heisst es, das er­folg­rei­che Han­dels­ge­schäft ha­be da­zu bei­ge­tra­gen, den tie­fe­ren Stromer­lös aus der Schweiz zu kom­pen­sie­ren. Al­piq be­schreibt im Ge­schäfts­be­richt 2017 die «er­folg­rei­che Per­for­mance» des in­ter­na­tio­na­len Ener­gie­han­dels, und BKW spricht von ei­nem «aus­ge­zeich­ne­ten Han­dels­re­sul­tat».

Ge­trüb­te Freu­de

Doch die Freu­de wird zu­neh­mend ge­dämpft: Das Feh­len ei­nes Strom­ab­kom­mens mit der EU schmä­lert aus­ge­rech­net die Er­trags­aus­sich­ten die­ser bis­lang so er­folg­rei­chen Spar­te. So schreibt et­wa der gröss­te Schwei­zer Ener­gie­kon­zern: «Al­piq ist durch die feh­len­de An­bin­dung an Eu­ro­pas Strom­markt pri­mär im Strom­han­del be­trof­fen.» Ver­schlim­mert hat sich die Si­tua­ti­on am 12. Juni des ver­gan­ge­nen Jah­res. Da­mals ist in zahl­rei­chen eu­ro­päi­schen Län­dern, dar­un­ter Frank­reich und Deutsch­land, der neue Han­dels­me­cha­nis­mus X-Bid in Kraft ge­tre­ten. Er er­leich­tert den in­ter­na­tio­na­len Kauf und Ver­kauf von Strom, der noch am sel­ben Tag ge­lie­fert wird. Es geht al­so um den ganz kurz­fris­ti­gen Han­del, In­tra­day ge­nannt, der im­mer wich­ti­ger wird.

Die be­tei­lig­ten Län­der sam­meln seit­her mit ei­nem ge­mein­sa­men IT-Sys­tem al­le Kauf- und Ver­kaufs­auf­trä­ge (Sha­red Or­der Book). Par­al­lel da­zu gleicht das Sys­tem die Auf­trä­ge mit den grenz­über­schrei­ten­den Ka­pa­zi­tä­ten des Strom­net­zes ab. Letz­te­res ist beim in­ter­na­tio­na­len Strom­han­del ent­schei­dend. Denn die Über­tra­gungs­net­ze für Strom sind his­to­risch in­ner­halb der Lan­des­gren­zen ge­wach­sen und wur­den erst da­nach über die Gren­zen hin­weg ver­knüpft. Die Lei­tun­gen über die Gren­zen stel­len da­her ei­nen Eng­pass dar. Nur wenn ge­nü­gend Über­tra­gungs­ka­pa­zi­tä­ten frei sind, damit der Strom auch ge­lie­fert wer­den kann, kann ein grenz­über­schrei­ten­der De­al ab­ge­schlos­sen wer­den. Vier­zehn Staa­ten sind un­ter­des­sen bei X-Bid da­bei. Die meis­ten an­de­ren eu­ro­päi­schen Län- der sol­len in ei­ner zwei­ten Wel­le im lau­fen­den Jahr da­zu­stos­sen.

Die Schweiz aber ist we­gen des feh­len­den Strom­ab­kom­mens aus­ge­schlos­sen. Das be­deu­tet un­ter an­de­rem, dass für Ener­gie aus der Schweiz bei je­dem Han­dels­ab­schluss die ent­spre­chen­de Über­tra­gungs­ka­pa­zi­tät im Strom­netz se­pa­rat da­zu­ge­kauft wer­den muss, wäh­rend im in­te­grier­ten Ener­gie­markt der EU bei­des kom­bi­niert ge­han­delt wird. Der kurz­fris­ti­ge grenz­über­schrei­ten­de Han­del aus der Schweiz ist da­durch pro­ze­du­ral auf­wen­di­ger und lang­wie­ri­ger, wie BKWSpre­cher Tobias Fäss­ler sagt.

Die Aus­wir­kun­gen sind dras­tisch: Durch den Aus­schluss von X-Bid sei die Li­qui­di­tät des Schwei­zer In­tra­day-Mark­tes um mehr als 80% ein­ge­bro­chen, teilt Al­piq-Spre­cher Gui­do Lich­ten­stei­ger mit. Auch Ax­po-Spre­cher An­to­nio Som­ma­vil­la spricht von ei­ner «star­ken Re­duk­ti­on der Li­qui­di­tät im Schwei­zer Markt». Die neue Markt­me­cha­nik ha­be da­zu ge­führt, dass sich et­li­che Markt­part­ner zu­rück­ge­zo­gen hät­ten, und we­ni­ger Part­ner be­deu­te­ten we­ni­ger Han­dels­ge­schäf­te. Das Ge­schäfts­po­ten­zi­al für die Schwei­zer Pro­du­zen­ten sei damit ten­den­zi­ell ge­sun­ken, er­klärt man bei Ax­po.

Was das für die Ener­gie­kon­zer­ne fi­nan­zi­ell heisst, ist nicht in Er­fah­rung zu brin­gen. Al­piq und BKW ha­ben die ent­spre­chen­de Fra­ge nicht be­ant­wor­tet. Ax­po hat mit­ge­teilt, dass sie da­zu kei­ne Aus­kunft ge­be. Klar ist aber, dass we­gen des Aus­schlus­ses die Vor­tei­le der Schwei­zer Was­ser­kraft­wer­ke schlech­ter ver­mark­tet wer­den kön­nen. Pump­spei­cher­kraft­wer­ke wie die­je­ni­gen am Grim­sel, die zur Hälf­te BKW ge­hö­ren, Linth-Lim­mern von Ax­po oder künf­tig Nant de Dran­ce, an dem Al­piq be­tei­ligt ist, ha­ben ei­nen Trumpf: Fle­xi­bi­li­tät. Ist Strom bil­lig, kann das Kraft­werk Wasser den Berg hoch­pum­pen und die Stau­se­en fül­len. Ist Strom hin­ge­gen knapp und teu­er, wird das Wasser durch die Tur­bi­nen ge­jagt. Strom kann al­so im­mer dann pro­du­ziert wer­den, wenn er knapp und wert­voll ist.

Wich­ti­ger Aus­gleich

Die­se Aus­gleichs­funk­ti­on wird im­mer wich­ti­ger. Denn je mehr So­lar­pa­nels auf Dä­chern mon­tiert und Wind­tur­bi­nen er­rich­tet wer­den, des­to stär­ker schwan­ken Strom­pro­duk­ti­on und Strom­preis. Flaut der Wind ab und ver­dun­keln Wol­ken die Son­ne, müs­sen kurz­fris­tig an­de­re Ener­gie­trä­ger ein­sprin­gen. Pump­spei­cher­kraft­wer­ke kön­nen das und wä­ren folg­lich prä­des­ti­niert, von Preis­schwan­kun­gen zu pro­fi­tie­ren – auch im Aus­land. Gera­de in Deutsch­land könn­te viel Geld ver­dient wer­den, weil die Strom­prei­se dort we­gen des star­ken Zu­baus er­neu­er­ba­rer Ener­gie­trä­ger er­heb­lich schwan­ken. Doch we­gen des Aus­schlus­ses vom eu­ro­päi­schen Strom­markt kann der Trumpf der schwei­ze­ri­schen Wasserkraft nicht op­ti­mal aus­ge­spielt wer­den, wie die Kon­zer­ne ein­hel­lig be­stä­ti­gen.

An der Bör­se könn­ten die schlech­te­ren Rah­men­be­din­gun­gen für den Strom­han­del die Kurs­ent­wick­lung der bei­den ko­tier­ten Kon­zer­ne Al­piq und BKW dämp­fen. Hö­her zu ge­wich­ten ist al­ler­dings der Ef­fekt der stei­gen­den Strom­prei­se, der im Kern­ge­schäft der Pro­duk­ti­on zu ei­nem stei­gen­den Er­trag füh­ren wird.

Al­le Fi­nanz­da­ten zu Al­piq und BKW im On­line-Ak­ti­en­füh­rer:

www.fuw.ch/ALPH, www.fuw.ch/BKW

Fle­xi­bel ein­setz­ba­re Stau­se­en könn­ten ein Trumpf der Schwei­zer Wasserkraft sein.

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