Die Bör­sen mit dem gröss­ten Po­ten­zi­al

Die Märk­te wer­den rup­pi­ger. An­le­ger soll­ten sich da­von al­ler­dings nicht be­ein­dru­cken las­sen, son­dern sich an be­währ­ten Be­wer­tungs­kenn­zah­len ori­en­tie­ren.

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - SAN­DRO RO­SA

Wer das täg­li­che Bör­sen­ge­sche­hen ver­folgt, ver­fügt mit Vor­teil über Ner­ven aus Stahl. Ei­ne Kurz­nach­richt ei­nes wich­ti­gen Staats­ober­haup­tes, die Re­de ei­nes No­ten­bank­chefs oder ei­ne Ab­stim­mung mit un­er­war­te­tem Aus­gang – sie al­le kön­nen die Ak­ti­en­märk­te kräf­tig durch­schüt­teln. Und noch häu­fi­ger be­we­gen sich die Bör­sen oh­ne er­kenn­ba­ren Grund.

Doch wer lang­fris­tig in­ves­tiert, soll­te sich nicht um das täg­li­che Auf und Ab an den Fi­nanz­märk­ten küm­mern. Wer sich sei­ne In­ves­ti­tio­nen vom Nach­rich­ten­fluss dik­tie­ren lässt, ge­fähr­det sei­ne Ren­di­te. Ge­treu dem Mot­to: Hin und her macht Ta­schen leer. Denn auf lan­ge Sicht zählt vor al­lem die Be­wer­tung.

Die Be­wer­tung ent­schei­det

Wie un­zäh­li­ge Stu­di­en zei­gen, ent­schei­det der Preis zum Kauf­zeit­punkt über den An­la­ge­er­folg. Wer für ei­nen Ver­mö­gens­wert zu viel be­zahlt, dem droht ei­ne ent­täu­schen­de künf­ti­ge Ren­di­te, wer je­doch güns­tig zu­schla­gen kann, er­höht die Wahr­schein­lich­keit ei­nes über­durch­schnitt­li­chen An­la­ge­er­folgs.

Als ei­nes der ver­läss­lichs­ten Be­wer­tungs­mas­se hat sich das Kurs-Ge­win­nVer­hält­nis von Ro­bert Shil­ler (Shil­lerKGV) er­wie­sen, das den ak­tu­el­len Preis ei­ner Ak­tie oder ei­nes In­dex mit den durch­schnitt­li­chen Gewinnen der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re ver­gleicht (vgl. Text­kas­ten un­ten). Die Ver­wen­dung des Mit­tel­werts sorgt da­für, dass die Ge­winn­schwan­kun­gen der ein­zel­nen Jah­re ge­glät­tet wer­den. Vor­über­ge­hen­de mas­si­ve Aus­schlä­ge nach un­ten oder nach oben – wie et­wa der Ein­bruch der Pro­fi­te wäh­rend der Fi­nanz­kri­se – wer­den da­durch nor­ma­li­siert. Das er­höht die Ver­läss­lich­keit des Be­wer­tungs­mass­stabs.

Wie beim tra­di­tio­nel­len KGV, das den Kurs mit dem Ge­winn über zwölf Mo­na­te ver­gleicht, gilt auch für das Shil­ler-KGV: Je nied­ri­ger es ist, des­to güns­ti­ger ist ei­ne Ak­tie und des­to grös­ser ist das Po­ten­zi­al für die kom­men­den Jah­re. Ein Blick in die Ver­gan­gen­heit un­ter­mau­ert die Aus­sa­ge: Ei­ne nied­ri­ge Be­wer­tung führ­te in der Re­gel zu ei­ner merk­lich bes­se­ren Ren­di­te in den Fol­ge­jah­ren (vgl. klei­ne Gra­fik). Sport­li­che Be­wer­tun­gen wa­ren im Ge­gen­zug häu­fig mit ent­täu­schen­den – und nicht sel­ten ne­ga­ti­ven – lang­fris­ti­gen Ren­di­ten ver­bun­den. Al­ler­dings gibt es auch hier kei­ne Ga­ran­ti­en. Die Schwan­kungs­brei­te der Re­sul­ta­te ist gross. Güns­ti­ge Be­wer­tun­gen er­hö­hen zwar die Er­folgs­chan­cen, wer­fen aber nicht in je­dem Fall Traum­ge­win­ne ab, weil Ak­ti­en­märk­te lan­ge güns­tig blei­ben kön­nen.

Wie prä­sen­tiert sich die La­ge heu­te? Norbert Keim­ling vom Ver­mö­gens­ver­wal­ter StarCa­pi­tal hat auf Ba­sis des Shil­lerKGV das Zu­sam­men­spiel zwi­schen Be- wer­tung und Bör­sen­er­trag in der Ver­gan­gen­heit un­ter­sucht und dar­aus für ver­schie­de­ne Län­der Ren­di­te­pro­gno­sen für die nächs­ten zehn bis fünf­zehn Jah­re ab­ge­lei­tet. Die ge­schätz­te Ren­di­te nach Ab­zug der In­fla­ti­on setzt sich zu­sam­men aus Kurs­ver­än­de­rung und Di­vi­den­de. Die Ba­sis bil­den, mit ge­wis­sen Aus­nah­men, die Län­der­indi­zes des Da­ten­an­bie­ters MSCI.

Teu­re Schwei­zer Ak­ti­en

Die Aus­wer­tung des Ex­per­ten zeigt, wo es in­ter­es­san­te An­la­ge­mög­lich­kei­ten gibt. In der Schweiz wer­den die In­ves­to­ren lei­der kaum fün­dig. So han­delt der hie­si­ge Markt auf ei­nem Shil­ler-KGV von fast 23, was im in­ter­na­tio­na­len Qu­er­ver­gleich sport­lich ist. Al­ler­dings sind die Län­der­indi­zes we­gen der teil­wei­se stark un­ter­schied­li­chen Sek­tor­zu­sam­men­set­zung nur be­dingt ver­gleich­bar. So do­mi­nie­ren an der hie­si­gen Bör­se de­fen­si­ve Sek­to­ren wie Gesundheit (No­var­tis) und Ba­sis­kon­sum (Nest­lé), die tra­di­tio­nell ei­ne hohe Be­wer­tung auf­wei­sen. In Deutsch­land wei­sen güns­ti­ge­re Seg­men­te wie zy­kli­scher Kon­sum (Daim­ler), Fi­nanz (Al­li­anz) und In­dus­trie (Sie­mens) ein grosses Ge­wicht auf. Das er­schwert den di­rek­ten Ver­gleich, wes­halb das Be­wer­tungs­mass pri­mär im Ver­gleich zur ei­ge­nen His­to­rie aus­sa­ge­kräf­tig ist. Der Be­fund bleibt in­des der glei­che: Hie­si­ge Va­lo­ren sind teu­er, was sich in der ge­schätz­ten Ren­di­te von re­la­tiv nied­ri­gen 5% pro Jahr spie­gelt (vgl. Gra­fik oben). Von den von StarCa­pi­tal un­ter­such­ten Märk­ten schnei­den ein­zig In­di­en (ge­schätz­te Ge­samt­ren­di­te pro Jahr 4,7%) und die USA (3,9%) schlech­ter ab.

Per En­de 2018 han­del­te der US-Markt zu ei­nem Shil­ler-KGV von fast 27. Die­ser Wert liegt auch nach der De­zem­ber­kor­rek­tur noch im­mer mar­kant über dem lang­fris­ti­gen Mit­tel von rund 16,5. Die Kehr­sei­te der stol­zen Be­wer­tung ist ma­ge­rer künf­ti­ger Er­trag. «In den letz­ten hun­dert­dreis­sig Jah­ren folg­ten auf ver­gleich­ba­re Be­wer­tun­gen nur un­ter­durch- schnitt­li­che jähr­li­che Ren­di­ten von 3,9% über die je­weils fol­gen­den zehn bis fünf­zehn Jah­re», schreibt Norbert Keim­ling in sei­ner ak­tu­el­len Ana­ly­se.

Güns­ti­ge Schwel­len­län­der

In­ter­es­san­ter ist die Aus­gangs­la­ge in man­chen Schwel­len­län­dern und in Eu­ro­pa. Der kon­stan­te Fluss an ne­ga­ti­ven Nach­rich­ten – vom Br­ex­it über die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on in Ita­li­en bis zu den nach wie vor schwa­chen Ban­ken – liess vie­le An­le­ger eu­ro­päi­sche Ak­ti­en mei­den. Das hat die Er­war­tun­gen ge­drückt – und die Chan­cen auf po­si­ti­ve Über­ra­schun­gen er­höht. So schei­nen die Aus­sich­ten in Deutsch­land (8%), Ita­li­en (9%) oder Spa­ni­en (9,3%) at­trak­ti­ver als in der Schweiz.

Über­trof­fen wird der Alte Kon­ti­nent al­ler­dings von ei­ni­gen Schwel­len­märk­ten: Auf zwei­stel­li­ge Zu­wachs­ra­ten kön­nen An­le­ger bei­spiels­wei­se in Süd­ko­rea und – nach ei­nem Kurs­ver­lust von ei­nem Vier­tel in den ver­gan­ge­nen zwölf Mo­na­ten – auch in Chi­na hof­fen. Zu­oberst auf dem Po­dest steht Russ­land, des­sen Ak­ti­en jähr­lich mehr als 13% ab­wer­fen soll­ten. Ei­ne War­nung aber: Die Pro­gno­sen sind in Lo­kal­wäh­rung. Ist der Fran­ken in den nächs­ten Jah­ren stark, schlägt das ne­ga­tiv zu Bu­che.

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