Nächster Akt im Br­ex­it-Thea­ter

Vor al­lem im Ex­port kämp­fen die Un­ter­neh­men mit ei­nem stär­ke­ren Ge­gen­wind. Die Bin­nen­kon­junk­tur läuft da­ge­gen im­mer noch gut.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - DIE­TER W. HEUMANN

Zwei­ein­halb Mo­na­te vor dem Aus­tritt Gross­bri­tan­ni­ens aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on (EU) ist im­mer noch völ­lig of­fen, in wel­cher Form der Br­ex­it voll­zo­gen wird. Nach über zwei­jäh­ri­gen Ver­hand­lun­gen stimmt das bri­ti­sche Un­ter­haus am kom­men­den Di­ens­tag über den De­al mit der EU ab. Der­weil ist es Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May noch nicht ge­lun­gen, ei­ne Mehr­heit des Par­la­ments hin­ter sich zu brin­gen. Ei­ne Nie­der­la­ge gilt des­halb als prak­tisch si­cher.

Wird der De­al ab­ge­lehnt, droht dem Land ein po­li­ti­sches Hick­hack. Die op­po­si­tio­nel­le La­bour-Par­tei hat pro­phy­lak­tisch be­reits an­ge­kün­digt, ein Miss­trau­ens­vo­tum zu stel­len, das zu Neu­wah­len füh­ren wür­de. Be­reits heu­te reicht die Pa­let­te mög­li­cher Br­ex­it-Op­tio­nen von ei­nem Rück­zug des Aus­tritts­be­geh­rens bis hin zu ei­nem un­ge­ord­ne­ten Aus­tritt. Des­halb wird es im­mer wahr­schein­li­cher, dass die Schei­dungs­frist, die am 29. März aus­läuft, ver­län­gert wird.

Denn Gross­bri­tan­ni­en wie die EU fürch­ten sich vor ei­nem har­ten Br­ex­it, der die Kon­junk­tur beid­sei­tig des Är­mel­ka­nals tref­fen wür­de. Be­reits heu­te zei­gen sich wirt­schaft­li­che Brems­spu­ren auf der bri­ti­schen In­sel. Das Auf­trags­wachs­tum bei den Di­enst­leis­tun­gen ist zum Still­stand ge­kom­men, Un­ter­neh­men hal­ten sich mit In­ves­ti­tio­nen zu­rück. Für den bri­ti­schen In­dus­trie­ver­band CBI sind dies ernst­zu­neh­men­de Alarm­zei­chen.

Der Schock sitzt tief: Deutsch­lands Brut­to­in­land­pro­dukt ist, nach sehr gu­tem Wachs­tum im ers­ten Halb­jahr 2018, im drit­ten Quar­tal ge­schrumpft (–0,2% zum Vor­quar­tal). Ein Aus­rut­scher? Nach Schät­zun­gen des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung dürf­te das BIP im letz­ten Quar­tal 2018 wie­der 0,3% ge­stie­gen sein.

We­sent­li­chen An­teil am Rück­gang hat­ten Pro­duk­ti­ons­stopps in der Au­to­in­dus­trie. Ver­zö­ge­run­gen bei der Zer­ti­fi­zie­rung we­gen des neu­en Ab­gas­prüf­stan­dards be­hin­der­ten die Fer­ti­gung, was das BIP 0,3 Pro­zent­punk­te kos­te­te. Der Prä­si­dent des Sach­ver­stän­di­gen­rats Chris­toph Schmidt er­war­tet kei­nen ra­schen Auf­hol­pro­zess, weil die Ka­pa­zi­tä­ten aus­ge­las­tet sind.

Bau­kli­ma kühlt sich ab

Aus­ser­dem spürt Deutsch­land die schwä­che­re Welt­wirt­schaft. Da­ge­gen flo­riert die Bin­nen­wirt­schaft. Sie er­hält von ver­schie­de­nen Sei­ten Im­pul­se. Die Nach­fra­ge nach Wohn­raum un­ter­stützt die Bau­wirt­schaft. Al­ler­dings könn­te sich die Si­tua­ti­on im Miet­woh­nungs­bau lang­sam be­ru­hi­gen. Die Bau­prei­se stei­gen schnel­ler als die er­ziel­ba­ren Mie­ten, so­dass es für In­ves­to­ren schwie­ri­ger wird, auf die ge­wünsch­te Ren­di­te zu kom­men. Das Ifo-Ge­schäfts­kli­ma für das Bau­haupt­ge­wer­be kor­ri­gier­te im November nach län­ge­rem An­stieg erst­mals: Der Op­ti­mis­mus über La­ge und Aus­blick der Bran­che nahm ab.

Ei­ne wei­te­re Stüt­ze der Bin­nen­kon­junk­tur bil­den die Aus­rüs­tungs­in­ves­ti­tio­nen. Al­ler­dings hat sich die In­ves­ti­ti­ons­dy­na­mik der Un­ter­neh­men im Jahr 2018 ver­lang­samt. Die un­si­che­re welt­po­li­ti­sche La­ge und in­ner­eu­ro­päi­sche Pro­ble­me brem­sen die In­ves­ti­ti­ons­be­reit­schaft. Un­ter­neh­mens­aus­bli­cke sind auf­fäl­lig häu­fig von Kon­junk­tur­sor­gen und Ge­winn­war­nun­gen ge­prägt.

Zu­dem ver­säumt es die Po­li­tik in Deutsch­land, die Rah­men­be­din­gun­gen für die Un­ter­neh­men zu ver­bes­sern. Die Wirt­schaft for­dert, Un­ter­neh­men gera­de im in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb durch Re­for­men, z. B. in der Un­ter­neh­mens­be­steue­rung, zu un­ter­stüt­zen. Es kom­men kaum noch Im­pul­se aus Ber­lin, klagt Micha­el Hüt­her, Prä­si­dent des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft. Der Sach­ver­stän­di­gen­rat for­dert die Ab­schaf­fung des So­li­da­ri­täts­zu­schlags, was Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er zwar un­ter­stützt. Nur kann er sich in­ner­halb der Re­gie­rung damit nicht durch­set­zen. Der­weil ha­ben die USA, Frank­reich und Gross­bri­tan­ni­en die Un­ter­neh­mens­steu­ern ge­senkt oder pla­nen ei­ne Re­du­zie­rung.

Die im Dau­er­um­fra­ge­tief ver­har­ren­de grosse Ko­ali­ti­on setzt da­ge­gen auf die So­zi­al­po­li­tik, was die Nach­fra­ge­sei­te stärkt. Laut GfK wird sich das ins­ge­samt gu­te Bild erst än­dern, wenn die Un­ter­neh­men be­gin­nen, ih­re Be­schäf­ti­gungs­pla­nung zu kür­zen. Die Kon­sum­for­scher ha­ben hier vor al­lem die Au­to­in­dus­trie im Blick.

In­fla­ti­on nimmt zu

Die in Deutsch­land be­son­ders ge­fürch­te­te In­fla­ti­on hat En­de November mit ei­nem An­stieg um 2,3% ein Zehn­jah­res­hoch er­reicht, sich zur Jah­res­wen­de aber wie­der leicht ab­ge­schwächt. Der Ar­beits­markt ist leer­ge­fegt. Die Löh­ne dürf­ten 2019 kräf­ti­ger stei­gen. Die In­fla­ti­on wird sich da­her be­schleu­ni­gen, zu­mal die EZB die­sem na­tio­na­len Trend nicht ent­ge­gen­tre­ten kann.

Die meis­ten Wirt­schafts­for­scher er­war­ten für 2019 1,5% Wachs­tum, nach­dem das BIP letz­tes Jahr 1,6% zu­ge­nom­men ha­ben dürf­te. Der all­ge­mei­ne Te­nor: Die aus­ser­ge­wöhn­lich gu­ten Wachs­tums­jah­re sind vor­bei, das Wachs­tum nor­ma­li­siert sich. Ei­ne Re­zes­si­on ist dank der gu­ten Bin­nen­kon­junk­tur aber nicht in Sicht.

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