Ein De­ba­kel mit An­sa­ge

Der ge­plan­te Bör­sen­gang von The We Com­pa­ny stösst auf Skep­sis. Nach Uber und Lyft droht ei­ne wei­te­re Ent­täu­schung – die Re­gel ist das aber nicht.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEIT­E - MARTIN LÜ­SCHER,

The We Com­pa­ny hat zu hoch ge­po­kert. Für den Bör­sen­gang vi­sier­te das Un­ter­neh­men, das Bü­ros mie­tet, ver­schö­nert und wei­ter­ver­mie­tet, ei­ne Be­wer­tung von 47 Mrd. $ an. Denn so hoch wur­de es auch bei der letz­ten Fi­nan­zie­rungs­run­de be­wer­tet. Doch nun muss We zu­rück­kreb­sen. Man­gels In­ter­es­se hat sie die Be­wer­tung hal­biert. We­gen des frag­wür­di­gen Ge­schäfts­mo­dells über­rascht dies nicht. Denn das Glei­che war auch be­reits bei Uber und Lyft pas­siert. Auch sie sties­sen beim Gang an die Bör­se auf Skep­sis. Die Re­gel sind sie den­noch nicht. Denn es gibt di­ver­se Un­ter­neh­men, die 2019 auch nach der Ko­tie­rung über­zeu­gen konn­ten.

Die Tur­bu­len­zen von The We Com­pa­ny pas­sen ins Bild: Ein von bil­li­gem Geld auf­ge­pump­tes TechUn­ter­neh­men mit zwei­fel­haf­tem Ge­schäfts­mo­dell stürmt an die Bör­se und kann dem öf­fent­li­chen Druck nicht stand­hal­ten. Es folgt der Ab­sturz. Das weckt bö­se Er­in­ne­run­gen. Denn wäh­rend der Tech-Bla­se zur Jahr­tau­send­wen­de lös­te ei­ne Viel­zahl die­ser Luft­schlös­ser ei­nen Markt­crash aus. Die Sor­ge ist nicht un­be­rech­tigt. Vor dem ge­plan­ten Bör­sen­gang muss­te The We Com­pa­ny – wie We­Work seit Jah­res­be­ginn heisst – den an­vi­sier­ten Bör­sen­wert re­du­zie­ren (vgl. Text un­ten). Und da­mit ist sie nicht al­lein.

Der Fahr­dienst­ver­mitt­ler Uber muss­te An­fang Jahr eben­falls die Be­wer­tung her­un­ter­schrau­ben. Und es kam gar noch schlim­mer. Nach dem Initi­al Pu­b­lic Of­fe­ring (IPO) ver­lo­ren die Ak­ti­en kon­ti­nu­ier­lich an Wert. Sie no­tie­ren der­zeit 28% un­ter dem IPO-Preis (vgl. Gra­fik 1). Die Ka­pi­ta­li­sie­rung ist mit 55 Mrd. $ so nied­rig wie zu­letzt 2015. Noch schlech­ter er­ging es Lyft. Der Bran­chen­nach­bar von Uber hat seit dem Bör­sen­gang gar 38% an Wert ein­ge­büsst. Die hoch­ge­ju­bel­ten Ein­hör­ner ge­ra­ten ins Stol­pern.

Ge­teil­ter Markt

Für Matt Ken­ne­dy ist die­se Ent­wick­lung kei­ne Über­ra­schung. «Es hat zu viel Geld im Pri­va­te-Equi­ty- und im Ven­ture-Ca­pi­tal-Be­reich», sagt der Stra­te­ge vom IPOSpe­zia­lis­ten Re­nais­sance Ca­pi­tal. «In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren ha­ben wir vie­le Un­ter­neh­men ge­se­hen, die von pri­va­ten Ka­pi­tal­ge­bern sehr op­ti­mis­tisch und gross­zü­gig be­wer­tet wur­den», er­gänzt er im Ge­spräch. Das ist ein gros­ser Un­ter­schied zu frü­her. Muss­ten Un­ter­neh­men, um­Wachs­tum zu fi­nan­zie­ren, da­mals den Gang an die Bör­se wa­gen, ist dies heu­te nicht mehr zwin­gend der Fall.

Rett Wal­lace, der CEO der auf Bör­sen­gän­ge spe­zia­li­sier­ten Tri­ton Re­se­arch, sieht in die­sem Sin­ne auch nicht pri­mär ei­ne Über­trei­bung im Markt für Bör­sen­gän­ge, son­dern ei­ne Spal­tung, die sich im lau­fen­den Jahr er­ge­ben hat. «Es gibt ei­nen Markt für grosse, sehr be­kann­te und hoch ka­pi­ta­li­sier­te Un­ter­neh­men, die ho­he Ver­lus­te ein­fah­ren und ver­su­chen, mit ei­nem Bör­sen­gang Mil­li­ar­den auf­zu­neh­men», sagt er im Ge­spräch. Die­ser Teil des Mark­tes kön­ne, müs­se aber nicht of­fen blei­ben.

Es gibt aber noch ei­nen an­de­ren Teil des Mark­tes. In die­sem Be­reich ge­hen die «nor­ma­len Tech­no­lo­gie­ge­sell­schaf­ten an die Bör­se, die der An­le­ger versteht». Die­se Un­ter­neh­men ha­ben sich im lau­fen­den Jahr auch bes­ser ent­wi­ckelt. Denn wie die Ak­ti­en­kur­se zei­gen, gibt es 2019 nicht nur Tech­no­lo­gie­ge­sell­schaf­ten, die nach (und teils auch be­reits vor) dem Bör­sen­gang von den An­le­gern ab­ge­straft wer­den. Mit dem Vi­deo­kon­fe­renz­spe­zia­lis­ten Zoom Vi­deo Com­mu­ni­ca­ti­ons, dem Cy­ber­se­cu­ri­ty-Un­ter­neh­men Crow­dS­tri­ke und dem Netz­ser­vice Pin­te­rest gibt es bei­spiels­wei­se auch Bör­sen­neu­lin­ge, die im lau­fen­den Jahr bis­her über­zeu­gen konn­ten. Zwar ge­rie­ten auch die­se Ge­sell­schaf­ten jüngst un­ter Druck, doch no­tie­ren sie seit ih­rem Bör­sen­de­büt im­mer noch im Plus (vgl. Gra­fik 2).

Ein Un­ter­neh­men, das von den In­ves­to­ren zwar ver­stan­den wird, sich seit der di­rek­ten Ko­tie­rung an der Bör­se aber im Ab­wärts­trend be­fin­det, ist das Soft­ware­un­ter­neh­men Slack. Die Ge­sell­schaft, die Lö­sun­gen für die Zu­sam­men­ar­beit in Un­ter­neh­men an­bie­tet, ver­lor nach der Pu­bli­ka­ti­on der ers­ten Quar­tals­zah­len nach der Ko­tie­rung deut­lich an Ter­rain. Mit der Ent­wick­lung über und un­ter dem Strich über­traf sie zwar die Er­war­tun­gen, doch warn­te sie vor ei­nem schwä­che­ren Wachs­tum. Be­son­ders die Kon­kur­renz aus dem Hau­se des Soft­ware­gi­gan­ten Mi­cro­soft stellt die deut­lich klei­ne­re Slack vor si­gni­fi­kan­te Her­aus­for­de­run­gen.

Ge­füll­te Pipe­line

Dass Crow­dS­tri­ke & Co. eher un­ter dem Ra­dar blei­ben und die In­ves­to­ren sich auf Uber & Co. fo­kus­sie­ren, ist kei­ne Über­ra­schung. Bei Uber & Co. han­delt es sich um die gröss­ten Trans­ak­tio­nen des Jah­res, die, aus­ser mit ih­rer Be­wer­tung, mit Mil­li­ar­den­ver­lus­ten für Auf­merk­sam­keit sor­gen. Für Ken­ne­dy sind die­se Un­ter­neh­men für das Bör­sen­jahr 2019 aber nicht die Re­gel, son­dern die Aus­nah­me. Ent­spre­chend rech­net er trotz der Schwie­rig­kei­ten von Uber & Co. bis En­de Jahr mit di­ver­sen Bör­sen­gän­gen im Tech-Sek­tor. Zu den gröss­ten Na­men ge­hö­ren hier Airb­nb und Pe­lo­ton.

Pe­lo­ton ver­kauft für 1995 $ Ho­me­trai­ner, die über ei­nen Touch­screen ver­netzt wer­den kön­nen. Sie zählt mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on Kun­den und er­reicht ei­nen Jah­res­um­satz von 915 Mio. $. Be­wer­tet wur­de sie zu­letzt mit 4 Mrd. $. Skep­sis ist beim Un­ter­neh­men aber an­ge­bracht, da sich zei­gen muss, ob es die Mil­lio­nen von Kun­den ge­win­nen kann, um die Pro­fi­ta­bi­li­tät zu er­rei­chen, wäh­rend es die güns­ti­ge­re Kon­kur­renz in Schach hält.

Von den Ge­sell­schaf­ten, die ein IPO an­stre­ben, sieht Wal­lace ein­zig Airb­nb als po­ten­zi­el­len Kan­di­da­ten für die Ka­te­go­rie von Uber & Co. «Airb­nb hat aber an­ge­deu­tet, dass sie kei­nen Bör­sen­gang, son­dern ei­ne di­rek­te Ko­tie­rung an­strebt», sagt Wal­lace. Laut dem IPO-Spe­zia­lis­ten wä­re das ein sinn­vol­les Un­ter­fan­gen. Das Un­ter­neh­men er­zielt ei­nen Um­satz von über 1 Mrd. pro Quar­tal, ist aber we­der auf fri­sches Ka­pi­tal an­ge­wie­sen, noch ist es pro­fi­ta­bel. Zu­dem ste­hen auch di­ver­se klei­ne­re Ge­sell­schaf­ten vor dem IPO. Da­zu ge­hö­ren laut Re­nais­sance Ca­pi­tal un­ter an­de­rem Cloud­fla­re, Da­ta­dog und Ping Iden­ti­ty.

Die Rä­um­lich­kei­ten von The We Com­pa­ny sind zwar schön, pro­fi­ta­bel aber nicht.

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