Mit Bat­te­ri­en Geld ver­bren­nen

Der Bat­te­rie­her­stel­ler Le­clan­ché hat schon vie­le «La­de­zy­klen» hin­ter sich. Der Er­folg lässt noch im­mer auf sich war­ten.

Finanz und Wirtschaft - - FRONT PAGE - SYLVIANE CHASSOT

Le­clan­ché setzt seit 1909 auf Ener­gie­spei­cher. Die­se sind ge­fragt, doch die Fir­men­ge­schich­te ist die Chro­nik ei­nes Über­le­bens­kampfs.

Die Ge­schich­te des West­schwei­zer Bat­te­rie­her­stel­lers Le­clan­ché zu er­zäh­len ist ei­ne Her­aus­for­de­rung. Es gibt kei­nen Pio­nier als Grün­der und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Hin­ter dem Na­men Le­clan­ché steckt zwar durch­aus ein ge­nia­ler Tüft­ler (vgl. Text­box), al­ler­dings hat­te der Fran­zo­se Ge­or­ges Le­clan­ché mit dem Un­ter­neh­men in Yver­don nichts zu schaf­fen.

Es ist ei­ne Grup­pe von Un­ter­neh­mern, die im Ju­ra­ge­biet Po­ten­zi­al für das Ge­schäft mit Bat­te­ri­en sieht und 1909 in Yver­don die Fir­ma Le­clan­ché grün­det. Die Pa­ten­te hier­für er­wer­ben sie von Ge­or­ges Le­clan­chés Pa­ri­ser Eta­blis­se­ments Le­clan­ché et Cie, wie aus ei­ner Fest­schrift von Le­clan­ché zum 50-JahrJu­bi­lä­um her­vor­geht. Der Start für Le­clan­ché auf dem klei­nen Schwei­zer Markt im Wett­be­werb ge­gen die eta­bi­lier­te Kon­kur­renz ist har­zig.

Ar­mee ist ers­ter Kun­de

Ein Licht geht auf mit der Über­nah­me der Fir­ma Fleu­ri­er, wo­durch 1913 der Ein­stieg in das Ta­schen­lam­pen­ge­schäft ge­lingt. Mit dem Ers­ten Welt­krieg steigt die Nach­fra­ge der Schwei­zer Ar­mee nach den «Pfun­zeln» ra­sant. Mit dem En­de des Kriegs er­lischt das gros­se Ge­schäft mit Ar­mee­ta­schen­lam­pen je­doch.

Noch 1918 kommt zum Fa­b­rik­ge­bäu­de in Yver­don ein For­schungs­ge­bäu­de hin­zu, und die auf­grund des Kriegs sis­tier­te Ent­wick­lung von Kon­den­sa­to­ren nimmt nun wie­der Fahrt auf. Auf die­se Form der Ener­gie­spei­che­rung set­zen die Schwei­ze­ri­schen Post-, Te­le­fonund Te­le­gra­fen­be­trie­be (PTT), und auch Funk­ap­pa­ra­te nut­zen Le­clan­ché-Tech­no­lo­gie. Ge­schäfts­zah­len aus je­ner Zeit gibt es nicht. Der Fest­schrift von 1959 ist zu ent­neh­men, dass Le­clan­ché mit Kon­den­sa­to­ren «auf­grund der Ein­füh­rung von an das lo­ka­le Strom­netz an­ge­schlos­se­nen Funk­emp­fän­gern ei­ne Zeit derVer­lang­sa­mung er­litt».

Dy­na­mik kommt über neue Fir­men­part­ner­schaf­ten auf. Im Ver­gleich zu Nass­bat­te­ri­en wa­ren Ge­or­ges Le­clan­chés Tro­cken­bat­te­ri­en En­de des 19. Jahr­hun­derts ein be­deu­ten­der Fort­schritt. Doch in­zwi­schen hat die Kon­kur­renz den nächs­ten Mei­len­stein er­reicht und wie­der­auf­lad­ba­re Bat­te­ri­en – Ak­ku­mu­la­to­ren oder Ak­kus – ent­wi­ckelt. Zu den Vor­rei­tern ge­hört die Fir­ma Ful­men. Sie ist ge­wis­ser­mas­sen die «wah­re» Le­clan­ché, hat sie doch zu­vor die von Ge­or­ges Le­clan­chés Sohn in Pa­ris noch ei­ni­ge Jahre wei­ter­ge­führ­te Fir­ma über­nom­men. 1933 tut sich Le­clan­ché mit Ful­men für die Pro­duk­ti­on von Blei-Ak­ku­mu­la­to­ren zu­sam­men. 1935 folgt ei­ne wei­te­re Part­ner­schaft mit der So­cie­té des Ac­cu­mu­la­teurs Fi­xes et de Trac­tion (Saft), wo­mit Al­ka­li­bat­te­ri­en zum Sor­ti­ment von Le­clan­ché da­zu­kom­men.

Mit den Ak­ku­mu­la­to­ren er­öff­nen sich Le­clan­ché in den 1930er-Jah­ren neue Ab­satz­märk­te wie Bat­te­ri­en für Per­so­nen­wa­gen, Trams und sta­tio­nä­re An­wen­dun­gen. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs er­lahmt das Ge­schäft mit Ak­ku­bat­te­ri­en we­gen Han­dels­re­strik­tio­nen. Statt­des­sen be­kommt das kriegs­er­prob­te Ge­schäft mit Ta­schen­lam­pen we­gen der Ver­dun­ke­lung Schub; ab 1940 gilt auf Druck Deutsch­lands nachts auch in der Schweiz die Vor­schrift, sämt­li­che Stras­sen- und Haus­be­leuch­tun­gen aus­zu­schal­ten, um den al­li­ier­ten Bom­bern die Ori­en­tie­rung zu er­schwe­ren. Nur die Ta­schen­lam­pe bleibt als elek­tri­sche Licht­quel­le üb­rig.

Mit dem Wirt­schafts­wun­der der Nach­kriegs­zeit er­greift auch Le­clan­ché neue Chan­cen. Das Tran­sis­tor­ra­dio löst das un­hand­li­che Kof­fer­ra­dio ab – und läuft mit Le­clan­ché-Bat­te­ri­en. Zu­dem bringt das Un­ter­neh­men Blei­säu­rebat­te­ri­en im Mi­nia­tur­for­mat auf den Markt, die in der Uh­ren­bran­che Käu­fer fin­den. Mit che­mi­schen Bat­te­ri­en, Ak­kus und Kon­den­sa­to­ren für mo­bi­le An­wen­dun­gen vom Au­to bis zur Ra­ke­te und Kleinst­pro­duk­te wie Uh­ren wächst ein Ge­mischt­wa­ren­la­den her­an, der mit den Kun­den SBB, PTT und Ar­mee gut lebt.

Auf dem Hö­he­punkt in den 1970erJah­ren fer­ti­gen über 800 Per­so­nen in Yver­don Bat­te­ri­en. Al­ler­dings wächst auch die Kon­kur­renz im In- und Aus­land. Als Le­clan­ché 1996 an die Bör­se geht, sind die Zah­len, die sie da­zu prä­sen­tiert, tief­rot.

«Ko­hä­ren­te Stra­te­gie fehlt»

Le­clan­ché ver­sucht es ein­mal mehr mit ei­ner Neu­aus­rich­tung. Die Ex­kur­se in den füh­rer­lo­sen städ­ti­schen Elek­tro­ver­kehr mit der 1997 über­nom­me­nen Ser­pen­ti­ne oder in das So­lar­zel­len­ge­schäft mit Greatcell So­lar en­den im Ver­kauf der Ein­hei­ten. Be­mer­kens­wert of­fen sagt der da­ma­li­ge Chef, Raoul Sau­te­bin, im Ja­nu­ar 2003 vor den Me­di­en: «Un­se­re chro­ni­schen Ver­lus­te be­ru­hen in ers­ter Li­nie auf dem Feh­len ei­ner ko­hä­ren­ten Stra­te­gie.» Noch­mals will sich das Un­ter­neh­men das Herz­stück der neu­en Stra­te­gie mit ei­ner Über­nah­me ein­ver­lei­ben. Le­clan­ché setzt nun auf Li­thi­um-Io­nen­Bat­te­ri­en und über­nimmt 2006 Bul­lith, ein Spin-off des Fraun­ho­fer In­sti­tuts. Dar­auf­hin in­ten­si­viert Le­clan­ché im deut­schen Will­stätt die Ar­beit an Ener­gie­spei­cher­lö­sun­gen, die Pro­duk­ti­on in Yver­don hin­ge­gen ist rück­läu­fig. 2008 ver­lässt Le­clan­ché das ur­sprüng­li­che Fir­men­ge­län­de und be­zieht in der Nä­he des Neu­en­bur­ger­sees ein Ge­bäu­de.

Li­thi­um-Io­nen-Bat­te­ri­en ha­ben im Ver­gleich zu frü­he­ren Ak­kus ei­ne hö­he­re Ener­gie­dich­te, sind leich­ter, er­lau­ben mehr La­de­zy­klen und ent­hal­ten we­ni­ger Schwer­me­tal­le wie Qu­eck­sil­ber, Kad­mi­um und Blei. Da­mit scheint der idea­le Spei­cher für Strom aus er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en ge­fun­den. Le­clan­ché setzt zu­nächst auf die Spei­che­rung von So­lar­strom im Haus­halt und bringt Bat­te­ri­en in der Grös­se ei­nes Ak­ten­kof­fers auf den Markt. Doch der er­war­te­te Durch­bruch bleibt aus; die Strom­aut­ar­kie auf Haus­halts­ebe­ne bleibt ei­ne kost­spie­li­ge Ni­schen­lö­sung.

Heu­te hat Nost­al­gie kei­nen Platz mehr im Ge­schäfts­mo­dell. Die drei Spar­ten sta­tio­nä­re Spei­cher­lö­sun­gen, E-Mo­bi­li­tät und Spe­zi­al­bat­te­ri­en brin­gen Bat­te­ri­en im Con­tai­ner-Look her­vor oder sol­che, die in Zü­gen, Bus­sen, Fäh­ren oder in Mi­li­tär­ge­rä­ten ver­schwin­den. Ver­ein­zelt zieht Le­clan­ché Auf­trä­ge für re­gio­na­le Spei­cher­lö­sun­gen an Land, et­wa auf den In­seln Gra­cio­sa oder St. Kitts. Auch auf dem Cam­pus der EPFL in Lau­sanne steht ei­ne Bat­te­rie von Le­clan­ché.

Das 100-jäh­ri­ge Start-up

So kämpft sich Le­clan­ché seit dem Bör­sen­gang von Hoff­nungs­schim­mer zu Hoff­nungs­schim­mer – und von Ka­pi­tal­er­hö­hung zu Ka­pi­tal­er­hö­hung. En­de Ok­to­ber wink­ten die Ak­tio­nä­re die nächs­te Re­ka­pi­ta­li­sie­rung durch. Die ver­gan­ge­nen zehn Ge­schäfts­jah­re be­en­de­te das Un­ter­neh­men mit Ver­lust – Wachs­tum ver­zeich­ne­te Le­clan­ché zu­letzt vor al­lem beim Fehl­be­trag in der Bi­lanz. Und doch gibt es Ak­tio­nä­re, die das mit­ma­chen: 1996 wa­ren mit 22% und 13% die Vor­sor­ge­stif­tung von Le­clan­ché und Le­clan­ché selbst die gröss­ten Ak­tio­nä­re. Mitt­ler­wei­le ist nach ei­ni­gen Wech­seln die chi­ne­sisch do­mi­nier­te Grup­pe von Fonds­ge­sell­schaf­ten Fe­fam mit 73% Mehr­heits­ak­tio­nä­rin.

Der der­zei­ti­ge Chef, Anil Sri­va­s­ta­va, be­zeich­net das Un­ter­neh­men vor ei­ni­gen Mo­na­ten in ei­nem In­ter­view als Start-up. Der 58-jäh­ri­ge In­der mit fran­zö­si­schem Pass setzt für die Aus­wei­tung der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten ein­mal mehr in der Ge­schich­te von Le­clan­ché auf ei­ne Part­ner­schaft: 2018 in­for­mier­te das Un­ter­neh­men über ein Joint Ven­ture mit der in­di­schen Bat­te­rie­her­stel­le­rin Exi­de.

Das KMU dreht sich wei­ter in ei­nem Teu­fels­kreis. Es ist zu klein für gros­se Auf­trä­ge und hat zu we­nig Auf­trä­ge, um grös­ser zu wer­den. Know-how kann Le­clan­ché ein­kau­fen, Auf­trä­ge nicht.

Ener­gie­spei­cher in jeg­li­cher Form – frü­he­re Pro­duk­te von Le­clan­ché brin­gen die Au­gen von Nost­al­gi­kern zum Leuch­ten.

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