Fünf Jah­re Fran­ken­schock

Re­kord­tie­fe Mi­nus­zin­sen und ei­ne wei­ter­hin über­be­wer­te­te Lan­des­wäh­rung sind das Er­be.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEIT­E - ANDRE­AS NEINHAUS

Ge­nau fünf Jah­re sind ver­gan­gen, seit die Na­tio­nal­bank ih­re Min­dest­kurs­po­li­tik auf­ge­ge­ben hat und die Schweiz vom Fran­ken­schock er­schüt­tert wur­de. Da­mals fiel der Wech­sel­kurs von 1.20 auf 1 Fr./€. Erst An­fang 2018 wur­de das al­te Min­dest­kurs­ni­veau fast wie­der er­reicht, aber die Er­ho­lung des Eu­ros währ­te nicht lan­ge. Heu­te kos­tet 1 € nur knapp 1.08 Fr.

Ei­ne Umfrage der Cre­dit Suis­se zeigt, dass Schwei­zer Un­ter­neh­men nicht mit ei­ner bal­di­gen Fran­ken­ab­schwä­chung rech­nen. Sie ge­hen von 1.09 Fr./€ bis En­de 2020 aus. Auch die De­vi­sen­ana­lys­ten der Ban­ken se­hen nur be­grenzt Spiel­raum für ei­ne Ab­wer­tung der Lan­des­wäh­rung. 1.20 Fr./€ wie vor 2015 sind un­er­reich­bar.

Der Fran­ken­schock un­ter­streicht in ers­ter Li­nie die Gren­zen der Na­tio­nal­bank. DieVor­stel­lung, dass sie den klei­nen Fran­ken durch ei­ne Wech­sel­kurs­ga­ran­tie kom­plett ab­schir­men kann, hat sich als Il­lu­si­on er­wie­sen. Sie kann bes­ten­falls An­rei­ze set­zen, um das Ver­hal­ten der De­vi­sen­in­ves­to­ren zu be­ein­flus­sen. Mit den Mi­nus­zin­sen und der An­dro­hung von In­ter­ven­tio­nen ist ihr das ge­lun­gen. Al­ler­dings nur, weil Eu­ro­land sei­ne Wäh­rungs­kri­se über­wun­den hat.

Der Fran­ken­schock un­ter­streicht in ers­ter Li­nie die Gren­zen der Na­tio­nal­bank.

Ge­nau ein Jahr­fünft ist ver­gan­gen, seit die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank (SNB) der Schweiz den Fran­ken­schock zu­mu­te­te. Am 15. Ja­nu­ar 2015 be­en­de­te sie oh­ne Vor­war­nung das Min­dest­kurs­re­gime des Fran­kens. Mit ihm hat­te sie seit Sep­tem­ber 2011 ga­ran­tiert, dass sich 1 € nicht un­ter 1.20 Fr. ab­wer­te­te. Nach der Auf­kün­di­gung ras­te der Wech­sel­kurs nach un­ten bis zur Pa­ri­tät und er­hol­te sich da­nach nur we­nig.

Der Fran­ken­schock steht als Be­leg für die Gren­zen der SNB-Po­li­tik. Sie be­en­de­te das Min­dest­kurs­re­gime, als die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank an­kün­dig­te, den Markt mit Li­qui­di­tät zu flu­ten, um sys­te­ma­tisch An­lei­hen auf­zu­kau­fen und um den Eu­ro (ge­gen­über dem Dol­lar) zu schwä­chen.

Ge­gen die­se ge­ball­te Ab­wer­tungs­po­li­tik ist die 20-mal klei­ne­re Schweiz wehr­los, fol­ger­te die SNB zu Recht.

Wech­sel­kurs­li­mi­ten sind il­lu­so­risch. Die Na­tio­nal­bank kann bes­ten­falls vor­über­ge­hen­de Kurs­über­trei­bun­gen durch De­vi­sen­käu­fe dämp­fen. Und sie kann An­rei­ze set­zen, da­mit die Markt­teil­neh­mer Fran­ken ver­kau­fen und in an­de­re Wäh­rungs­räu­me in­ves­tie­ren. Mit der Ein­füh­rung ex­tre­mer Mi­nus­zin­sen ist ihr das ge­lun­gen (Gra­fik 1).

Schwe­re Schä­den

Die Fran­ken­auf­wer­tung vor fünf Jah­ren füg­te der Schwei­zer Wirt­schaft al­ler­dings er­heb­li­chen Scha­den zu. Tau­sen­de Ar­beits­plät­ze fie­len ihr zum Op­fer. Der De­tail­han­del, die Tourismusb­ranche und Tei­le der In­dus­trie ver­zeich­ne­ten schar­fe Um­satz­rück­gän­ge. Die SNB recht­fer­tig­te sich, sie ha­be im­mer dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Un­ter­neh­men das drei­ein­halb­jäh­ri­ge Min­dest­kurs­re­gime da­zu nut­zen müss­ten, um sich auf die ab­seh­ba­re Fran­ken­auf­wer­tung ein­zu­stel­len. Das ist leich­ter ge­sagt als ge­tan. Erst der Schock for­cier­te die­se schmerz­haf­te An­pas­sung, wo­bei auch die Mar­gen un­ter Druck ka­men.

Das Wech­sel­kurs­pro­blem ist nicht an al­lem Schuld, son­dern es ver­schärf­te be­reits be­ste­hen­de struk­tu­rel­le Her­aus­for­de­run­gen in ein­zel­nen Bran­chen. Die La­ge bes­ser­te sich, als ab 2017 der Eu­ro sich mar­kant zum Dol­lar auf­wer­te­te und im Schlepp­tau auch zum Fran­ken, so­dass die­ser end­lich wie­der schwä­cher no­tier­te.

Die neu­er­li­che Fran­ken­stär­ke 2019 scheint die Schwei­zer Wirt­schaft in­zwi­schen bes­ser zu ver­kraf­ten (Gra­fik 2). Sie macht in­des der In­dus­trie zu schaf­fen, die vom in­ter­na­tio­na­len Ab­schwung im Au­to­und Ma­schi­nen­bau so­wie des Welt­han­dels ne­ga­tiv be­trof­fen ist.

Der Schock ist Ver­gan­gen­heit

Dass heu­te von der Dra­ma­tik von 2015 nichts mehr zu spü­ren ist, lässt sich dem En­de der Eu­ro­kri­se zu­schrei­ben. Die SNB muss­te 2016 nach dem Br­ex­it-Re­fe­ren­dum noch ein­mal in­ter­ve­nie­ren und 2017 wäh­rend der Wah­len in Frank­reich, bei de­nen Ma­ri­ne Le Pen an­fangs gu­te Aus­sich­ten auf ei­nen Sieg heg­te. Aber da­nach blieb die SNB an der Sei­ten­li­nie. Zu­letzt kauf­te sie Fremd­wäh­run­gen und schwäch­te ei­ne Auf­wer­tung im Som­mer 2019. Gra­fik 3 zeigt das an­hand der Ve­rän­de­rung der Sicht­gut­ha­ben der Ban­ken bei der SNB, die De­vi­sen­in­ter­ven­tio­nen der Na­tio­nal­bank zeit­nah auf­zei­gen.

Die­se letz­te Epi­so­de un­ter­streicht, dass die SNB auch künf­tig ein­schrei­ten wird, falls der Eu­ro­wech­sel­kurs zu sehr fällt. Bei No­tie­run­gen von 1.07 Fr./€ und tie­fer scheint sie da­zu be­reit zu sein. Vi­el­leicht kommt es be­reits in nächs­ter Zu­kunft da­zu. Schwei­zer Un­ter­neh­mer rech­nen wei­ter mit ei­nem star­ken Fran­ken. Ei­ne Umfrage von Cre­dit Suis­se un­ter 1300 Fir­men­kun­den er­gibt, dass sie ei­nen Kurs von 1.09 Fr./€ bis En­de 2020 er­war­ten. Sie sind da­mit et­was skep­ti­scher als die meis­ten Wäh­rungs­ex­per­ten der Ban­ken. CS geht von 1.15 Fr./€ aus, UBS von 1.10 (vgl. ne­ben­ste­hen­den Ar­ti­kel).

Na­tio­nal­bank­prä­si­dent Tho­mas Jor­dan in­for­miert 2015 die Me­di­en über den dra­ma­ti­schen Schwenk in der Wäh­rungs­po­li­tik.

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