Un­ei­nig­keit über De­ri­va­te

Die welt­weit aus­ste­hen­den De­ri­vat­vo­lu­men sind so hoch wie seit 2014 nicht mehr. Ob den Ban­ken da­durch hö­he­re Ri­si­ken ent­ste­hen, ist um­strit­ten.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEIT­E - STE­FAN KRÄHENBÜHL

Ha­ben die welt­weit aus­ste­hen­den De­ri­va­te von mehr als 640 Bio. $ das Po­ten­zi­al, die nächs­te Fi­nanz­kri­se zu be­feu­ern? In der Fra­ge, wie viel Ri­si­ko von den as­tro­no­mi­schen No­mi­nal­wer­ten aus­geht, die in den Ge­schäfts­be­rich­ten der Ban­ken auf­tau­chen, sind sich die Fi­nanz­ex­per­ten un­eins. Wäh­rend die ei­ne Sei­te da­vor warnt, in Kri­sen­zei­ten wür­den eben die­se No­mi­nal­wer­te ent­schei­dend zur Kri­se bei­tra­gen, winkt die Ge­gen­sei­te ab.

Fakt ist: Auch die Ge­schäfts­be­rich­te der ko­tier­ten Schwei­zer Ban­ken wei­sen De­ri­va­te von im­men­ser Grös­se aus. Bei der Bas­ler Kan­to­nal­bank be­trug der No­mi­nal­wert der aus­ste­hen­den De­ri­va­te En­de 2018 das 66-Fa­che des Ei­gen­ka­pi­tals. Bei der CS lag der Wert gar 598 Mal hö­her. Be­son­ders klei­ne­re Kan­to­nal­ban­ken nut­zen De­ri­va­te, um sich ge­gen Zins­än­de­rungs­ri­si­ken ab­zu­si­chern.

Das Po­ten­zi­al, Ri­si­ken trans­pa­rent zu ma­chen, ha­ben die Ban­ken mit ih­ren Ri­si­ko­be­rich­ten. Doch nicht al­le sind mit den Stan­dards ein­ver­stan­den, die für die Re­portings gel­ten. So for­dert et­wa SP-Na­tio­nal­rat Sa­mu­el Ben­da­han ei­ne bes­se­re Re­gu­lie­rung.

Der De­ri­vat­han­del läuft auf Hoch­tou­ren. Wie die Bank für In­ter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich (BIZ) in ih­rem jüngs­ten Quar­tals­be­richt fest­hält, lag das welt­weit aus­ste­hen­de No­mi­nal­vo­lu­men aus­ser­börs­lich ge­han­del­ter De­ri­va­te im Ju­ni 2019 bei 640 Bio. $ – und da­mit auf dem höchs­ten Ni­veau seit 2014.

Was das für ein­zel­ne Fi­nanz­in­sti­tu­te be­deu­tet, zeigt ein Blick in die Ge­schäfts­be­rich­te ko­tier­ter Schwei­zer Ban­ken. Am ge­wich­tigs­ten ist das De­ri­vat­ge­schäft bei den Gross­ban­ken UBS und Cre­dit Suis­se. Die UBS weist per En­de 2018 Kon­trakt­vo­lu­men de­ri­va­ti­ver Fi­nanz­pro­duk­te von 19 295 Mrd. Fr. aus. Bei der Cre­dit Suis­se lag der Wert bei 26 329 Mrd. Da­mit um­fasst der De­ri­vat­han­del der UBS das 28­Fa­che des Brut­to­in­land­pro­dukts der Schweiz (2018: 690 Mrd. Fr.), der­je­ni­ge der Cre­dit Suis­se gar das 38­Fa­che.

Di­men­sio­nen, die Marc Ches­ney auf­hor­chen las­sen. Ches­ney ist Pro­fes­sor für Quan­ti­ta­ti­ve Fi­nan­ce an der Uni­ver­si­tät Zürich. Seit Jah­ren äus­sert er die Be­fürch­tung, die ho­hen No­mi­nal­wer­te des De­ri­vat­han­dels könn­ten für Ban­ken im Kri­sen­fall zur Hy­po­thek wer­den. Dann näm­lich, wenn sie in ei­nen Li­qui­di­täts­eng­pass ge­ra­ten und den Ver­pflich­tun­gen aus De­ri­va­ten nicht nach­kom­men kön­nen. «Ist das der Fall, wer­den die ho­hen No­mi­nal­wer­te zum Brand­be­schleu­ni­ger und be­feu­ern die Kri­se», ist er über­zeugt. Er­wie­se sich ein sol­ches Sze­na­rio als wahr, wür­den den Ban­ken mas­si­ve Aus­fäl­le dro­hen. «Fa­ta­ler­wei­se wi­der­spricht die­se Auf­fas­sung dem aka­de­mi­schen Kon­sens.»

Trü­ge­ri­sche No­mi­nal­wer­te

Tat­säch­lich steht Ches­ney mit sei­nen Un­ken­ru­fen in aka­de­mi­schen Krei­sen fast al­lein da. Ei­ner, der ve­he­ment wi­der­spricht, ist Mark Wah­ren­burg, der an der Goe­theU­ni­ver­si­tät Frank­furt den Lehr­stuhl für Bank­be­triebs­leh­re in­ne­hat. «Ich weh­re mich ge­gen die Mei­nung, dass ho­he No­mi­nal­wer­te ein Ri­si­ko­fak­tor sind», sagt er. «Grös­se­re De­ri­vat­po­si­tio­nen be­deu­ten nicht au­to­ma­tisch mehr Ri­si­ko. Das gilt zu­min­dest dann nicht, wenn sie ge­schlos­sen sind, sich Ban­ken al­so mit Ge­gen­ge­schäf­ten ab­si­chern.»

Gin­ge es nach der Grös­se al­lein, man wür­de nebst UBS und Cre­dit Suis­se un­wei­ger­lich bei der Bas­ler Kan­to­nal­bank (BKB) lan­den. Mit De­ri­va­ten im No­mi­nal­wert von 251 Mrd. Fr. spielt sie un­ter den ko­tier­ten Kan­to­nal­ban­ken in ei­ner ei­ge­nen Li­ga (vgl. Ta­bel­le). Um das 66­Fa­che über­steigt der Wert ihr Ei­gen­ka­pi­tal. Ri­si­ken we­gen der No­mi­nal­wer­te sieht Fi­nanz­chef Chris­toph Auch­li aber kei­ne.

Das Gros der De­ri­va­te in den Bü­chern sind Zins­s­waps, Ab­si­che­run­gen von Kun­den ge­gen Zins­än­de­run­gen.

An­ders als bei­spiels­wei­se bei Ter­min­kon­trak­ten ist bei Zins­s­waps der No­mi­nal­wert nicht ge­schul­det, nur die ver­ein­bar

ten va­ria­blen oder fi­xen Zins­zah­lun­gen. «Mit je­dem De­ri­vat sind ge­wis­se Ri­si­ken ver­bun­den», sagt Auch­li. «Im Fall von Zins­s­waps be­steht die Mög­lich­keit, dass die Zin­sen än­dern oder dass die Ge­gen­par­tei zah­lungs­un­fä­hig wird. Des­halb über­wa­chen wir die Ge­schäf­te täg­lich und li­mi­tie­ren die Ri­si­ken streng.» Um Markt­preis­ri­si­ken zu re­du­zie­ren, si­chert sich die BKB wie an­de­re Ban­ken auch mit Ge­gen­ge­schäf­ten ab (vgl. Box). Die Po­si­tio­nen wer­den ge­gen­sei­tig auf­ge­rech­net, die Net­ting­Be­trä­ge, die Auf­schluss über das Ri­si­ko ge­ben sol­len, ent­spre­chen schliess­lich ei­nem Bruch­teil der No­mi­nal­wer­te.

Mehr Re­gu­lie­rung ge­for­dert

Ho­he Zins­s­wap­Ex­po­sures sind für Kan­to­nal­ban­ken ty­pisch. Be­son­ders klei­ne Ban­ken nut­zen sie zur Ab­si­che­rung ih­res Zins­än­de­rungs­ri­si­kos. «Der Markt für Zins­s­waps ist harm­los, kein an­de­rer Markt ist der­art li­quid», sagt Wah­ren­burg. Doch es gibt Aus­nah­men. Exo­ti­sche Zins­de­ri­va­te sind we­gen ih­rer Kom­ple­xi­tät in Ver­ruf ge­ra­ten. Ein Bei­spiel sind Spre­ad Lad­der Swaps, mit de­nen An­le­ger auf die Dif­fe­renz von kurz­ und lang­fris­ti­gen Zins­sät­zen wet­ten. «Ent­schei­dend da­für, dass das Ri­si­ko von De­ri­va­ten über­schau­bar bleibt, ist die Qua­li­tät der Ri­si­ko­be­rich­te der Ban­ken», sagt Wah­ren­burg. «Lei­der wer­den die Be­rich­te stan­dard­mäs­sig we­ni­ger in­ten­siv ge­prüft als Bi­lanz und Er­folgs­rech­nung.»

Ein Man­gel, sagt auch Sa­mu­el Ben­da­han. Der Öko­nom und SP­Na­tio­nal­rat for­dert des­halb neue Vor­schrif­ten. «Die Qua­li­tät des Re­portings muss bes­ser re­gu­liert wer­den, die heu­ti­gen Stan­dards ge­nü­gen nicht», sagt er. «Auch die Trans­pa­renz dar­über, wel­chen De­ri­va­ten wel­che Ri­si­ken an­haf­ten, ist man­gel­haft.»

Ben­da­han, der auch als Ver­wal­tungs­rat der Neu­en­bur­ger Kan­to­nal­bank am­tet, rennt mit sei­ner po­li­ti­schen Agen­da bei Marc Ches­ney of­fe­ne Tü­ren ein. «Was fehlt, ist ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung, wie mit den Ri­si­ken um­zu­ge­hen ist», sagt Ches­ney. «Wir tä­ten gut dar­an, die Ei­gen­ka­pi­tal­vor­schrif­ten zu ver­schär­fen, um das Fi­nanz­sys­tem zu sta­bi­li­sie­ren. Auch weil sys­tem­re­le­van­te Ban­ken kei­ne An­rei­ze ha­ben, we­ni­ger Ri­si­ken ein­zu­ge­hen.»

Wie stark neue Re­geln den Fi­nanz­platz im Fall ei­ner Kri­se schüt­zen könn­ten, bleibt in­des Theo­rie. «Weil Markt­ri­si­ken un­be­grenzt sind, lässt sich nie für den schlimms­ten Fall vor­sor­gen.» Ei­nen ei­ge­nen Um­gang mit der Un­si­cher­heit hat die Fi­nanz­bran­che ge­fun­den. Net­ting­Agree­ments sol­len aus­schlies­sen, dass Ban­ken im In­sol­venz­fall No­mi­nal­wer­te schul­dig blei­ben. Doch auch hier gilt: Den Pra­xis­test im Fall ei­ner Kri­se müs­sen die Ver­trä­ge erst noch be­ste­hen.

Im Zwei­fels­fall ist Vor­sicht an­ge­bracht: Wie gross die Ri­si­ken von ho­hen De­ri­vat­po­si­tio­nen für das Fi­nanz­sys­tem sind, ist um­strit­ten.

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