Preis­wer­te Au­to­ak­ti­en

Der Au­to­mo­bil­sek­tor ist bes­ser als sein Ruf. Al­lein das kann schon ei­ne Wet­te wert sein.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEIT­E - CHRIS­TI­AN BRAUN

Na­sen­rümp­fen. Geht es um Au­to­mo­bilak­ti­en, ist das un­ter An­le­gern ei­ne häu­fi­ge Re­ak­ti­on. Dem­ent­spre­chend zählt der Sek­tor an der Bör­se nicht ge­ra­de zu den tren­digs­ten Auf­ent­halts­or­ten von In­ves­to­ren. Die Bran­che ist zy­klisch, be­fin­det sich in ei­nem grund­le­gen­den Wan­del, der die Mar­gen be­las­tet und vie­le Un­wäg­bar­kei­ten mit sich bringt, ihr Image ist schlecht, und die Ein­fluss­nah­me der Po­li­tik ist gross.

Als Grund­hal­tung ist Na­sen­rümp­fen je­doch fehl am Platz, kann man mit ei­ner sol­chen doch so ei­ni­ges ver­pas­sen. Zum Bei­spiel, dass et­li­che Au­to­mo­bilak­ti­en mo­men­tan preis­wert sind, zu­min­dest wenn man da­von aus­geht, dass auch wie­der bes­se­re Zei­ten kom­men. In den

Kur­sen ist be­reits viel Schlech­tes ein­ge­preist. Et­li­che Be­wer­tungs­kenn­zah­len ha­ben erst be­gon­nen, sich von Ni­veaus wie 2009 zu er­ho­len. Da­mals gin­gen Ge­ne­ral Mo­tors und Chrys­ler hops, und das Gros der Bran­che war tief­rot. Heu­te da­ge­gen lie­gen die Ge­winn­schwel­len meist viel nied­ri­ger. Ge­mäss den Kon­sens­schät­zun­gen von Bloom­berg wird für 2020 nur ver­ein­zelt ein Ver­lust er­war­tet.

Zu­dem wird das Automobil mehr und mehr zu ei­nem High­tech­pro­dukt und ver­wan­deln sich die Her­stel­ler, dem Bei­spiel Tes­la fol­gend, mehr und mehr in Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne. Was die Fahr­zeu­ge an Zu­kunfts­tech­no­lo­gie bie­ten, wird in den nächs­ten Jah­ren bes­ser sicht­bar, und auch das wird der Be­wer­tung hel­fen.

«In den Ak­ti­en­kur­sen des Au­to­mo­bil­sek­tors ist viel Schlech­tes be­reits ein­ge­preist.»

BMW-CEO Oli­ver Zip­se spricht Kl­ar­text. An ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz An­fang Mai sag­te er: «Wir be­rei­ten uns dar­auf vor, dass un­ser Ge­schäft noch lan­ge be­ein­träch­tigt sein wird.» Si­cher ist, das lau­fen­de Jahr wird die Au­to­mo­bil­in­dus­trie enorm for­dern – der Markt­da­ten­dienst­leis­ter IHS Mar­kit pro­gnos­ti­ziert ei­nen glo­ba­len Ab­satz­rück­gang von mehr als 20%. Da­zu sind die Aus­sich­ten für das nächs­te Jahr höchst un­si­cher.

Die Ak­ti­en­kur­se re­flek­tie­ren das. Au­to­mo­bil­wer­te sind von der Co­ro­na­kri­se mit am stärks­ten ge­trof­fen wor­den und no­tie­ren deut­lich un­ter dem Stand von An­fang Jahr (vgl. Gra­fik 1). Ein­zi­ge Aus­nah­me ist Tes­la: Der Kurs hat sich ver­dop­pelt, und der Bör­sen­wert ist in­zwi­schen so hoch wie der von BMW, Daim­ler, Fi­at Chrys­ler, Ford, Ge­ne­ral Mo­tors und Peu­geot zu­sam­men (vgl. Gra­fik 4). Au­to­mo­ti­ve-Ana­lyst Jür­gen Pie­per vom Bank­haus Metz­ler be­zeich­net die Ak­ti­en des Sek­tors als «grund­sätz­lich preis­wert», er­war­tet für die nächs­ten drei bis sechs Mo­na­te je­doch ei­ne Ach­ter­bahn­fahrt. «Die Grund­rich­tung wird aber nach oben ge­hen.»

Schlim­mer geht nim­mer

Schlim­mer als im April wird es für die Bran­che kaum mehr kom­men, ob­wohl nach dem Markt­da­ten­dienst­leis­ter LMC Au­to­mo­ti­ve in den kom­men­den Mo­na­ten noch er­heb­li­cher Ge­gen­wind zu er­war­ten ist. Der weit­ver­brei­te­te Pro­duk­ti­ons­aus­fall und ge­schlos­se­ne Händ­ler­be­trie­be lies­sen den glo­ba­len Ab­satz 45% ein­bre­chen, den west­eu­ro­päi­schen gar 80% (vgl. Gra­fik 2). Doch über Chi­na zeigt sich ein Sil­ber­streif: Nach der ent­schlos­se­nen Wie­der­auf­nah­me der Pro­duk­ti­on wur­den dort im April schon wie­der so vie­le Au­to­mo­bi­le ab­ge­setzt wie im Vor­jah­res­mo­nat.

Der chi­ne­si­sche Markt, der gröss­te welt­weit, dürf­te dem­nach in den nächs­ten Mo­na­ten ei­ne Lo­ko­mo­tiv­funk­ti­on ein­neh­men, selbst wenn sei­ne wei­te­re Ent­wick­lung an­ge­sichts der wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen des Lands holp­rig ver­lau­fen wird. Als Mus­ter für an­de­re Märk­te taugt des­sen schnel­le Er­ho­lung in­des kaum. Na­ment­lich im ge­sät­tig­ten Eu­ro­pa ist ein ra­sches Ge­sun­den aus ver­schie­de­nen Grün­den frag­lich.

BMW-Chef Zi­s­pe trifft es gut, wenn er sagt: «Mir ist wich­tig, dass wir we­der zu pes­si­mis­tisch sind, aber auch nicht eu­pho­risch agie­ren, an­ge­sichts ers­ter Ten­den­zen zur Nor­ma­li­sie­rung in ei­ni­gen Märk­ten.» Zü­gelnd in Sa­chen Eu­pho­rie wirkt al­lein schon der Um­stand, dass die Co­ro­na­kri­se zwar die un­mit­tel­bars­te und gröss­te, aber nicht die ein­zi­ge Bür­de der Bran­che ist. Denn die­se steckt mit­ten in ei­ner gros­sen Um­wäl­zung. The­men wie Elek­tri­fi­zie­rung, Di­gi­ta­li­sie­rung und au­to­ma­ti­sier­tes Fah­ren drü­cken auf die Mar­ge. Die Fol­gen der Pan­de­mie als Zu­satz­be­las­tung oben­drauf wür­den die Kon­so­li­die­rung des Sek­tors wei­ter be­schleu­ni­gen, sind Bran­chen­ex­po­nen­ten über­zeugt.

Die Pan­de­mie wird die Wirt­schaft noch ei­ni­ge Zeit be­schäf­ti­gen und ih­re Fol­gen die Kon­junk­tur noch län­ger be­las­ten – mit nach­tei­li­gen Aus­wir­kun­gen für die Au­to­mo­bil­nach­fra­ge. Fi­nan­zi­ell gut ge­pols­ter­te und von Ra­ting­agen­tu­ren dem­ent­spre­chend be­no­te­te Her­stel­ler wer­den das über­ste­hen (vgl. Gra­fik 3). Die Kon­sens­schät­zun­gen von Bloom­berg, wo­nach das Gros der Au­to­bau­er ver­lust­frei über die Run­den kommt, sind mit Vor­sicht zu ge­nies­sen (vgl. Ta­bel­le). Soll­te das so her­aus­kom­men, wä­re das ei­ne enor­me Leis­tung, die an der Bör­se mit ei­ner hö­he­ren Be­wer­tung ho­no­riert wer­den müss­te.

Fra­ge­zei­chen Kon­junk­tur

Wie schnell sich die Nach­fra­ge auf­rap­pelt, hängt von der Ge­schwin­dig­keit der wirt­schaft­li­chen Be­le­bung ab und so­mit auch von der Exit­stra­te­gie aus den Vor­keh­run­gen zur Ein­däm­mung von Co­vid-19 oder da­von, ob Kauf­prä­mi­en ge­währt wer­den oder nicht. Un­ter der An­nah­me, dass sich die wo­chen­lan­ge Zwangs­schlies­sung von Fa­b­ri­ken nicht wie­der­holt, ste­hen die Chan­cen für wie­der hö­he­re Ab­satz­vo­lu­men 2021 gut. Die Ra­tin­ga­gen­tur Moo­dy’s pro­gnos­ti­ziert ei­ne glo­ba­le Stei­ge­rung um 11,5%. Die Schät­zung für den Rück­gang im lau­fen­den Jahr hat sie aber von 14 auf 20% er­höht, «vor al­lem we­gen des sich ver­dun­keln­denWirt­schafts­aus­blicks» (vgl.

Gra­fik 5). Bei­de Be­we­gun­gen sind pri­mär durch die Son­der­be­las­tung aus Co­vid-19 und de­ren Weg­fall ge­prägt. Ihr über­la­gert sind die kon­junk­tu­rel­len Fol­gen.

Im Sze­na­rio ei­nes U-för­mi­gen Ver­laufs mit gra­du­ell ein­set­zen­der Bes­se­rung in die­sem Jahr er­war­tet die Un­ter­neh­mens­be­ra­tung Ro­land Ber­ger, dass der Welt­ab­satz bis 2025 das vor der Kri­se pro­gnos­ti­zier­te Ni­veau er­reicht. Nach IHS Mar­kit sind das 12% mehr als 2019 und 6% mehr als im Re­kord­jahr 2017. Im Sze­na­rio ei­nes L-för­mi­gen Ver­lauf mit zä­her, durch ei­ne län­ge­re Pan­de­mie ver­ur­sach­ten Re­zes­si­on kön­nen da­ge­gen selbst die 89,5 Mio. Ein­hei­ten von 2019 ei­ne ho­he Mess­lat­te wer­den. Als wei­te­re Di­men­si­on der Un­wäg­bar­keit kommt noch die Po­li­tik da­zu.

Den­noch: In Sze­na­ri­en oh­ne wuch­ti­ge Zweit­wel­le und oh­ne län­ge­re Pan­de­mie sieht manch ein Au­to­mo­bil­wert reiz­voll aus; ein En­ga­ge­ment kann sich loh­nen. In der Aus­wahl emp­fiehlt Ana­lyst Pie­per, pri­mär auf Qua­li­tät zu set­zen: «Qua­li­tät zahlt sich aus.» Zwar ver­zich­te man da­mit auf das grösst­mög­li­che Stei­ge­rungs­po­ten­zi­al, im Ge­gen­zug sei das Ri­si­ko da­für we­ni­ger hoch. Ganz auf ver­prü­gel­te Ak­ti­en schwä­che­rer Kon­zer­ne wür­de er – so­fern trag­bar – trotz­dem nicht ver­zich­ten: «In den nächs­ten sechs bis neun Mo­na­ten dürf­ten vor al­lem sie zu­le­gen.»

Die Kraft des Gel­des

Er­wä­gens­wert un­ter den Ver­prü­gel­ten sind aus FuW-Sicht na­ment­lich Re­nault; sie kom­men aber mit vie­len Un­wäg­bar­kei­ten und ent­spre­chend ho­hem Ri­si­ko. Als ge­fes­tig­te­re Al­ter­na­ti­ve mit Top-Füh­rung bie­ten sich Peu­geot an. Qua­li­ta­tiv Ro­bus­te­res lie­fern die schon län­ger fa­vo­ri­sier­ten Ak­ti­en Volks­wa­gen, zu de­nen neu BMW als wei­te­re Kauf­emp­feh­lung hin­zu­kom­men. To­yo­ta sind ei­ne Al­ter­na­ti­ve. Das Trio darf als hoch­gra­dig zu­kunfts­fä­hig gel­ten. Sei­ne Fi­nanz­kraft ver­schafft ihm auch tech­no­lo­gisch mehr Spiel­raum, et­wa mit Blick auf Zu­kunfts­tech­no­lo­gi­en.

Apro­pos, der An­teil elek­trisch auf­lad­ba­rer Fahr­zeu­ge – E-Au­tos und Plug-in­Hy­bri­de – nimmt auch im lau­fen­den Ab­satz­dra­ma kräf­tig zu, zu­min­dest in der EU. Im ers­ten Quar­tal er­reich­te er dort ge­mäss Bran­chen­ver­band Acea 6,8%, nach 2,5% im Vor­jah­res­quar­tal und 4,4% im Vor­quar­tal. Die Elek­tro­mo­bi­li­tät ge­winnt al­so an Ge­wicht und wird mit dem kräf­ti­gen Aus­bau des An­ge­bots in den nächs­ten zwei, drei Jah­ren ih­re Po­pu­la­ri­tät wei­ter stei­gern. Zu­sam­men mit Fort­schrit­ten im Soft­ware­be­reich ( Ver­net­zung etc.) heisst das: «Zu­kunfts­tech­no­lo­gie» wird im­mer sicht­ba­rer, und das, so Ana­lyst Pie­per, soll­te sich frü­her oder spä­ter auch güns­tig auf die Be­wer­tung des Sek­tors aus­wir­ken.

Die Tü­ren ste­hen of­fen, die Kur­se di­ver­ser Au­to­mo­bilak­ti­en la­den zum Ein­stei­gen ein. Ja oder nein? Ri­si­ko­fä­hi­ge An­le­ger soll­ten es wa­gen, müs­sen aber sorg­fäl­tig aus­wäh­len.

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