Ein ab­rup­tes En­de der Par­ty

Nach per­fek­tem Jahr­zehnt die ers­te Kri­se für die Fin­tech-Bran­che: Wer ge­winnt und wer ver­liert.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEIT­E - PAS­CAL MEISSER

Das üp­pig flies­sen­de Ri­si­ko­ka­pi­tal ist ins Sto­cken ge­ra­ten. Das Her­un­ter­fah­ren der Wirt­schaft ist auch an den Start­ups aus der Fi­nanz­tech­no­lo­gie­bran­che nicht spur­los vor­über­ge­gan­gen. Die zu­vor boo­men­de Fin­tech­Land­schaft steht auf dem Prüf­stand. Da­bei könn­te es erst­mals seit der Fi­nanz­kri­se zu ei­ner deut­li­chen Zä­sur kom­men. «Wir wer­den Ge­win­ner und Ver­lie­rer se­hen», sagt Fin­tech­Ex­per­te Nils Rei­melt vom Be­ra­tungs­un­ter­neh­men Cap­co. Ei­ni­ge Jung­un­ter­neh­men wer­den vom wach­sen­den Be­darf an di­gi­ta­len Lö­sun­gen im Ban­ken­be­reich pro­fi­tie­ren, an­de­ren wie­der­um dürf­te in den kom­men­den Mo­na­ten das Geld aus­ge­hen. Be­son­ders ge­fähr­det sind da­bei Start­ups, die sich mit Block­chain­Tech­no­lo­gi­en be­schäf­ti­gen. Vie­le dürf­ten Mü­he ha­ben, wei­te­res Ri­si­ko­ka­pi­tal an­zu­zie­hen, da die Markt­rei­fe für ih­re Pro­duk­te noch in wei­ter Fer­ne lie­ge, sagt Kryp­to­Un­ter­neh­mer Marc P. Ber­negger. Bit­co­in ge­hört noch im­mer zu den we­ni­gen kon­kre­ten An­wen­dungs­fäl­len. Die Kryp­towäh­rung hat es aber aus ver­schie­de­nen Grün­den noch nicht ge­schafft, sich als Kri­sen­wäh­rung zu eta­blie­ren.

Hal­te­stel­le Co­ro­na­kri­se. Da­mit hat die Fi­nanz­tech­no­lo­gie­bran­che – kurz Fin­tech – auf der Über­hol­spur nach oben nicht ge­rech­net. Zehn Jah­re lang herrsch­te für die welt­weit zu Tau­sen­den ent­ste­hen­den Jung­un­ter­neh­men ei­tel Son­nen­schein. Sie woll­ten in ers­ter Li­nie Wachs­tum, die Pro­fi­ta­bi­li­tät war zweit­ran­gig. Ihr Ziel: die Ban­ken­ und Fi­nanz­welt auf­zu­mi­schen und neu zu den­ken. Auch in der Schweiz ist die Zahl der Fin­tech­Start­ups ra­sant ge­stie­gen. Seit 2016 hat sich ih­re Zahl auf der von Swiss­com er­ho­be­nen Swiss Fin­tech Map mehr als ver­dop­pelt (vgl. Gra­fik 1).

Doch nun steht die Fin­tech­Welt vor der gröss­ten Zä­sur ih­rer jun­gen Ge­schich­te: «Es zeich­net sich ei­ne kla­re Po­la­ri­sie­rung ab. Wir wer­den Ge­win­ner und Ver­lie­rer se­hen», sagt Fin­tech­Ex­per­te Nils Rei­melt vom Be­ra­ter Cap­co. Er sieht die­je­ni­gen Start­ups an der Spit­ze, die ge­ra­de in der heu­ti­gen Zeit drin­gend be­nö­tig­te di­gi­ta­le Lö­sun­gen an­bie­ten. «Wer im Be­reich di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren und Kun­den­iden­ti­fi­ka­ti­ons­pro­zes­se tä­tig ist, pro­fi­tiert mas­siv.» Eben­falls stark pro­fi­tiert ha­ben et­wa die di­gi­ta­len Ver­mö­gens­ver­wal­ter, die Ro­bo Ad­vi­sors (vgl. Text rechts).

Von mas­siv zu­neh­men­dem In­ter­es­se spricht auch die Geld­markt­platt­form In­sti­match Glo­bal, die im März mit dem Swiss Fin­Tech Award des Fi­nanz un­dWirt­schaft Fo­rum aus­ge­zeich­net wur­de. «Es hat sich be­stä­tigt, dass un­ser Ge­schäfts­mo­dell auch im Kri­sen­fall funk­tio­niert», sagt CEO Da­ni­el Sand­mei­er.

Zu den Ver­lie­rern ge­hört hin­ge­gen die Grup­pe von Block­chain­Jung­un­ter­neh­men. Sie lei­den am meis­ten un­ter den ge­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen. Wur­de vor­her fast wahl­los Ri­si­ko­ka­pi­tal in Star­tups in­ves­tiert, wer­den die Gel­der heu­te viel ziel­ge­rich­te­ter ver­wen­det. Auch in Ge­fahr ge­ra­ten könn­ten Chal­len­ger­Ban­ken. «Sie trifft es, wenn Kun­den we­gen der Kri­se ih­re Aus­ga­ben zu­rück­fah­ren», sagt der Schwei­zer Kryp­to­ und Fin­tech­Un­ter­neh­mer Marc P. Ber­negger.

Teils blind in­ves­tiert

Bis­lang herrsch­te im Fin­tech­Seg­ment El­do­ra­do­Stim­mung. Geld­ge­ber woll­ten da­bei sein und in­ves­tier­ten teils blind in Jung­un­ter­neh­men. Mit der Kri­se ist aber die Ri­si­ko­aver­si­on grös­ser ge­wor­den, wie Zah­len des Ana­ly­sehau­ses CB In­sight zei­gen (vgl. Gra­fik 2). Im ers­ten Quar­tal 2020 wur­den 6 Mrd. $ Ri­si­ko­ka­pi­tal in Fin­techs in­ves­tiert, so we­nig wie zu­letzt vor drei Jah­ren. «In­ves­to­ren ha­ben wei­ter­hin viel Feu­er­kraft. Sie über­le­gen aber nun an­ders, wo sie ihr Geld al­lo­zie­ren», sagt

Ber­negger. Aus­ge­rech­net die­je­ni­ge Bran­che, die dank der letz­ten gros­sen Wirt­schafts­kri­se ent­stan­den ist, muss um die ei­ge­ne Exis­tenz fürch­ten.

Nach der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se 2008 sind vie­ler­orts Fin­tech­Un­ter­neh­men ent­stan­den, die das Ban­king kun­den­freund­li­cher, trans­pa­ren­ter und güns­ti­ger ma­chen woll­ten – wie die Chal­len­ger­Ban­ken Re­vo­lut und N26, wie der Geld­trans­fer­dienst Trans­fer­wi­se, wie die Ro­bo Ad­vi­sors Scalable Ca­pi­tal und True We­alth oder Vi­ac, der di­gi­ta­le An­bie­ter der Säu­le 3a.

Auf der an­de­ren Sei­te ent­stand die Block­chain­Be­we­gung. Ihr Ziel ist es, das

Fi­nanz­sys­tem zu de­zen­tra­li­sie­ren. Vie­le An­wen­dun­gen sind je­doch noch nicht über das Ent­wick­ler­sta­di­um hin­aus­ge­kom­men. So­mit bleibt Bit­co­in vor­erst das ein­zi­ge Pro­dukt, das aus­ser­halb Com­mu­ni­ty wirk­lich be­kannt ist (vgl. Text­box un­ten). Die di­gi­ta­le Wäh­rung wur­de haupt­säch­lich von Spe­ku­lan­ten ge­trie­ben und kann sich nur be­dingt als al­ter­na­ti­ve An­la­ge­klas­se emp­feh­len (vgl. Gra­fik 3).

Schweiz im Vor­teil

Trotz all­ge­mei­nem Ge­gen­wind herrscht zu­min­dest in der Fin­tech­Schweiz Ge­las­sen­heit. Ei­ne bis­lang un­ver­öf­fent­lich­te Um­fra­ge des Ver­bands Swiss Fin­tech Star­tups (SFS) hat er­ge­ben, dass 83% der Mit­glie­der die Kri­se als gros­se bis sehr gros­se Chan­ce für Fin­tech se­hen. 69% von ih­nen ver­zich­te­ten auf staat­li­che Hil­fen, nur 6% muss­ten Spar­mass­nah­men tref­fen. Dies über­rascht, weil in an­de­ren Län­dern mit ei­nem aus­ge­präg­ten Fin­tech­Fo­kus wie Gross­bri­tan­ni­en oder Deutsch­land die Bran­che stär­ker vom Ein­bruch ge­trof­fen wird. Dort wird be­fürch­tet, dass die von den Star­tups ge­trie­be­ne In­no­va­ti­on im Ban­king ver­lo­ren ge­hen könn­te. Selbst die hoch be­wer­te­ten Vor­zei­ge­un­ter­neh­men wie Mon­zo, N26 oder Scalable Ca­pi­tal muss­ten Kurz­ar­beit an­kün­di­gen.

Den hie­si­gen Fin­tech­Start­ups wird nun zum Vor­teil, was ih­nen zu­vor von ver­schie­de­nen Sei­ten lan­ge als Man­ko vor­ge­wor­fen wur­de: der feh­len­de Drang zu Wachs­tum. «Aber Wachs­tum um je­den Preis hat aus mei­ner Sicht nichts mit Un­ter­neh­mer­tum zu tun», sagt SFS­Ge­schäfts­füh­re­rin Chris­ti­na Kehl, die er­folg­reich meh­re­re Start­ups ge­grün­det hat. In der Schweiz wie­sen vie­le Jung­un­ter­neh­men ein so­li­des Ge­schäfts­mo­dell und ei­ne sta­bi­le Fi­nan­zie­rung auf. «Die In­ves­to­ren sind stark in­vol­viert und sit­zen nicht im fer­nen Si­li­con Val­ley», sagt Kehl. Das wie­der­um hilft, dass die Geld­ge­ber in schwie­ri­ge­ren Zei­ten Ge­duld zei­gen – und nicht an der ers­ten Hal­te­stel­le aus­stei­gen.

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