Rei­se­fie­ber fällt aus

Der Still­stand der in­ter­na­tio­na­len Rei­se­strö­me hat fa­ta­le Fol­gen für den Frem­den­ver­kehr. Die Be­trie­be in der Schweiz hof­fen nun auf Gäs­te aus dem In­land.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEIT­E - MA­RA BERNATH

Die An­wei­sung war klar: «Blei­ben Sie zu Hau­se. Bit­te. Al­le.» Kaum ei­ne Bran­che hat die­ser Auf­ruf des Bun­des­rats so stark ge­trof­fen wie den Tou­ris­mus und die Frei­zeit­an­ge­bo­te. Ho­tels und Gas­tro­no­mie ver­zeich­ne­ten im April und Mai Um­satz­ein­bus­sen von mehr als 90%, der Ge­samt­scha­den be­läuft sich für die Mo­na­te März bis April auf 8,7 Mrd. Fr. Auch mit den nun ge­plan­ten ers­ten Grenz­öff­nun­gen ab Mit­te Ju­ni wird sich die Si­tua­ti­on so bald nicht ent­span­nen.

«In­ter­na­tio­na­le Gäs­te aus den USA, Chi­na, In­di­en, die für die Schweiz sehr wich­tig sind, wer­den wir die­ses Jahr kaum mehr be­grüs­sen dür­fen», sagt Andre­as Zül­lig, Prä­si­dent von Ho­tel­le­rie­su­is­se. «Die Er­ho­lung wird frü­hes­tens 2021 ein­set­zen.»

Trotz der all­ge­mei­nen Mi­se­re in der Bran­che gibt es auch op­ti­mis­ti­sche Stim­men. So sagt Tou­ris­mus­ex­per­te Andre­as Deu­ber: «Wir sind ein klei­nes Tou­ris­mus­land, und dank un­se­rer Aus­strah­lung und Er­reich­bar­keit ist die gan­ze Welt un­ser Markt.» Doch das ist Zu­kunfts­mu­sik. Die­sen Som­mer gilt es, die ein­hei­mi­schen Gäs­te für Fe­ri­en in der Schweiz zu ge­win­nen.

Som­mer­zeit ist Rei­se­zeit. Doch die­ses Jahr ist al­les an­ders. Selbst die vor­sich­ti­gen Grenz­öff­nun­gen än­dern nichts dar­an, dass der Tou­ris­mus bei­na­he zum Still­stand ge­kom­men ist. Die Welt­tou­ris­mus­or­ga­ni­sa­ti­on rech­net für das lau­fen­de Jahr mit 58 bis 78% we­ni­ger in­ter­na­tio­na­len An­künf­ten, je nach­dem wann die in­ter­na­tio­na­len Rei­se­re­strik­tio­nen ge­lo­ckert wer­den – im ver­gan­ge­nen Jahr reis­ten noch 1,5 Mrd. Men­schen (vgl. Gra­fik 1). Dar­aus re­sul­tiert ein Wert­schöp­fungs­ver­lust von 910 Mrd. bis 1,2 Bio. $, 120 Mio. Ar­beits­stel­len sind be­trof­fen.

Für die Schwei­zer Tou­ris­mus­bran­che rech­net das Staats­se­kre­ta­ri­at für Wirt­schaft (Se­co) mit ei­nem Um­satz­rück­gang von 35%. Wäh­rend ei­ne «zö­ger­li­che» Er­ho­lung be­reits in der zwei­ten Jah­res­hälf­te ein­set­zen wer­de, sei mit ei­ner gänz­li­chen Ent­span­nung auf glo­ba­ler Ebe­ne erst 2022 zu rech­nen. Wich­tig sei da­bei das Si­cher­heits­ge­fühl, sag­te Erik Ja­kob, Lei­ter der Di­rek­ti­on für Stand­ort­för­de­rung im Se­co, an ei­ner Pres­se­kon­fe­renz: Ge­reist wird erst wie­der, wenn die Un­si­cher­heit be­züg­lich ge­sund­heit­li­cher Ri­si­ken über­wun­den sei.

Be­trie­be un­ter Druck

Wür­de ei­ne zwei­te In­fek­ti­ons­wel­le mit stren­gen Schutz­mass­nah­men bis in den für den Tou­ris­mus so wich­ti­gen Win­ter rei­chen, wä­re der Ein­bruch noch grös­ser als ein Drit­tel, ist Mar­kus Ber­ger von Schweiz Tou­ris­mus über­zeugt. Auch ge­sun­de Be­trie­be könn­ten solch ein Sze­na­rio nicht über­le­ben, glaubt Andre­as Zül­lig, Prä­si­dent von Ho­tel­le­rie­su­is­se. Bei­de sind sich ei­nig, dass kon­kre­te Pro­gno­sen zum mo­men­ta­nen Zeit­punkt un­mög­lich sind. Bis jetzt hät­ten nur we­ni­ge Ho­tels Kon­kurs an­ge­mel­det, der Scha­den in der Bran­che sei frü­hes­tens im Herbst ab­schätz­bar, sagt Zül­lig, der selbst Gast­ge­ber im Ho­tel Schwei­zer­hof in der Len­zer­hei­de ist.

Die be­reits vor­han­de­nen Zah­len zeich­nen al­ler­dings ein deut­li­ches Bild: En­de April be­frag­te das In­sti­tut für Tou­ris­mus an derWal­li­ser Fach­hoch­schu­le mehr als 3500 Be­trie­be – von Ho­tels über Fe­ri­en­woh­nungs­be­trei­ber bis zu Gas­tro­no­mie und Berg­bah­nen. Al­le rech­nen mit gros­sen un­mit­tel­ba­ren Ein­bus­sen (vgl. Gra­fik 2). In den Schwei­zer Ho­tels liegt die Be­le­gung im April und Mai bei un­ter 10%. Hoch­ge­rech­net auf die ge­sam­te Schwei­zer Tou­ris­mus­bran­che er­gibt sich für die vier stärks­ten be­trof­fe­nen Mo­na­te ein Um­satz­ver­lust von 8,7 Mrd. Fr. (vgl. Gra­fik 3). Da­bei sind in­di­rek­te Aus­fäl­le von nach­ge­la­ger­ten Di­ens­ten wie z. B. bei Uh­ren­und Schmuck­ge­schäf­ten oder dem öf­fent­li­chen Ver­kehr noch nicht ein­ge­rech­net.

Der Tou­ris­mus an sich trägt 3% des Schwei­zer Brut­to­in­land­pro­dukts bei und ist für mehr als 5% der Ex­port­leis­tun­gen ver­ant­wort­lich. Be­son­ders in länd­li­chen Re­gio­nen ist der Sek­tor ei­ner der wich­tigs­ten Ar­beit­ge­ber. «Das In­stru­ment der Kurz­ar­beit so­wie die Co­vid-19-Kre­di­te des Bun­des hel­fen da­bei, die kurz­fris­ti­gen Li­qui­di­täts­eng­päs­se zu über­brü­cken und die Mit­ar­bei­ter hal­ten zu kön­nen», sagt Zül­lig. Die 40 Mio. Fr., die das Par­la­ment für Kam­pa­gnen zur An­kur­be­lung der Nach­fra­ge ge­spro­chen hat, sei­en eben­falls ein gu­tes Zei­chen für die Bran­che.

Doch er­fah­ren Cam­ping­plät­ze, Schiff­fahrt und Berg­bah­nen erst nächs­te Wo­che, wann und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen sie öff­nen kön­nen. Die­se Un­si­cher­heit be­las­tet. Bei den Ho­tels ver­stärkt sich der Druck vor al­lem auf klei­ne­re Be­trie­be, die ei­ne ge­rin­ge­re Li­qui­di­tät auf­wei­sen und in die in den letz­ten Jah­ren nicht viel in­ves­tiert wur­de, schreibt Credit Suis­se. So­mit wird sich der Struk­tur­wan­del zu im­mer grös­se­ren Ho­tel­le­rie­be­trie­ben durch die Kri­se be­schleu­ni­gen, sagt auch Zül­lig.

Hof­fen auf Schwei­zer Gäs­te

«Das in­ter­na­tio­na­le Ge­schäft wird ei­ne lan­ge Er­ho­lungs­pha­se brau­chen», sagt Andre­as Deu­ber, Lei­ter des In­sti­tuts für Tou­ris­mus und Frei­zeit an der Fach­hoch­schu­le Grau­bün­den. «Den­noch muss dar­auf ei­ne Prio­ri­tät lie­gen, be­son­ders auf den Über­see­märk­ten, denn die Po­ten­zia­le sind dort am gröss­ten.» Die Frem­den­ver­kehrs­bi­lanz der Schweiz wird so­mit noch ei­ne Wei­le deut­lich ge­rin­ger aus­fal­len als in den Vor­jah­ren (vgl. Gra­fik 4).

Auch die Gäs­teströ­me ver­än­dern sich: «Wir rech­nen die­sen Som­mer mit ver­mehr­tem Bin­nen­tou­ris­mus und dem kom­plet­ten Weg­fall von Gäs­ten aus Über­see», sagt Ber­ger. Die Grenz­öff­nung zu den Nach­bar­län­dern (ab­ge­se­hen von Ita­li­en) vom 15. Ju­ni bringt nur be­ding­te Ent­span­nung: «Nach frü­he­ren Kri­sen wur­de zu­erst im ei­ge­nen Land ge­reist, be­vor die Be­völ­ke­rung die Fe­ri­en wie­der im Aus­land ver­brach­te», sagt Ber­ger. «Das wird bei Co­vid-19 nicht an­ders sein.»

Doch selbst wenn über­durch­schnitt­lich vie­le Schwei­zer sich für Fe­ri­en in der Hei­mat ent­schei­den, den Weg­fall der aus­län­di­schen Gäs­te kön­nen sie nicht wett­ma­chen. Das gilt be­son­ders für die Des­ti­na­tio­nen In­ter­la­ken, Lu­zern und das Jung­frau­ge­biet (vgl. Gra­fik 5). Be­son­ders stark lei­den auch die Städ­te, weil Ge­schäfts­rei­sen­de aus­blei­ben. «In Zü­rich rech­net man die­ses Jahr mit 50% we­ni­ger Lo­gier­näch­ten als im ver­gan­ge­nen Jahr», sagt Zül­lig.

Die Er­kennt­nis, dass Ge­schäfts­rei­sen di­gi­tal sub­sti­tu­ier­bar sind, könn­te das Rei­se­ver­hal­ten auch lang­fris­tig be­ein­flus­sen, sagt Deu­ber. Doch das Be­dürf­nis an sich wer­de lang­fris­tig nicht ab­neh­men: «Die Men­schen wol­len rei­sen und wer­den es wie­der tun, so­bald dies re­gu­la­to­risch und öko­no­misch mög­lich ist.» Auch der ver­ein­fach­te Zu­gang zu di­gi­ta­len Rei­se­er­leb­nis­sen kön­ne den Rei­se­ap­pe­tit zu­sätz­lich an­kur­beln.

Eben­falls nimmt das Si­cher­heits- und Nach­hal­tig­keits­be­dürf­nis zu – Char­ter­flü­ge und Kreuz­fahr­ten sind nicht mehr at­trak­tiv. Die­ses Hin­ter­fra­gen des Mas­sen­tou­ris­mus hat po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen für die Schweiz: «Wir sind gut po­si­tio­niert für ei­ne Rei­se­welt, in der Qua­li­tät wich­ti­ger ist als Quan­ti­tät», ist Zül­lig über­zeugt. Dem stimmt Ber­ger zu: «Was zu­vor als lang­wei­lig galt – sau­ber und si­cher – ist nun ein Ver­kaufs­ar­gu­ment.» Doch trotz des Durch­schim­merns von Op­ti­mis­mus geht es vie­len Be­trie­ben zur­zeit ans Ein­ge­mach­te. Oder wie es Ber­ger aus­drückt: «Der Schwei­zer Tou­ris­mus muss jetzt durch ein Tal der Trä­nen.»

Der Ei­ger­glet­scher wird die­sen Som­mer wohl von mehr Schwei­zern be­sucht.

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