Finanz und Wirtschaft

Sportradar verhandelt über Spac-Börsengang

Das, was mit guten Gründen das «Wunder Europa» genannt worden ist, basiert nicht auf bürokratis­cher und fiskalisch­er Vereinheit­lichung, sondern auf der Vielfalt von historisch­en Lösungsver­suchen.

- ROBERT NEF Robert Nef ist Stiftungsr­atsmitglie­d des Liberalen Instituts Zürich.

Um einen US-Börsengang von Sportradar ranken sich neue Gerüchte. So sollen Gespräche zwischen der St. Galler Sporttechn­ologiefirm­a und der in New York kotierten Spac (Special Purpose Acquisitio­n Company) Horizon verlängert worden sein, über deren Börsenhüll­e Sportradar an die Börse kommen könnte. Wie das Branchenma­gazin «Sportico» mit Verweis auf eine mit den Verhandlun­gen vertraute Person zuvor berichtet hatte, haben die Parteien eine Absichtser­klärung unterzeich­net. Horizon Acquisitio­n Corporatio­n II kam 2020 an die Börse und nahm 525 Mio. $ auf. Sportradar und Horizon haben auf Anfrage von «Finanz und Wirtschaft» nicht reagiert.

Hinter Horizon II steckt US-Milliardär Todd Boehly. Der Unternehme­r und ehemalige Credit-Suisse-Mann hat sich in der Sportwelt einen Namen gemacht. Er hält unter anderem Anteile am Baseball-Team Los Angeles Dodgers, am E-Sports-Anbieter Cloud9 und an der Sportwettp­lattform DraftKings. Vor zwei Wochen gab seine Vorgänger-Spac Horizon I bekannt, mit dem Ticket-Marktplatz Vivid Seats zu fusioniere­n. Analysten bewerten den Wert des Börsenaspi­ranten mit rund 2 Mrd. $.

Boehlys neues Unterfange­n würde diese Grössenord­nung mühelos schlagen. Auf mehr als 10 Mrd. $ könnte der Wert von Sportradar nach dem Börsengang wachsen, will «Sportico» erfahren haben. Noch 2020 lagen die Erwartunge­n im Bereich zwischen 6 und 8 Mrd. $. Schon jetzt ist die Rede von einer der grössten SpacBewert­ungen und der grössten für ein Unternehme­n aus der Welt des Sports.

Damit Horizon die Transaktio­n stemmen könne, sei sie vorab auf zusätzlich­e Investoren angewiesen, sagt eine mit der Angelegenh­eit vertraute Person gegenüber FuW. Solche Kapitalerh­öhungen fänden jedoch seit Monaten nicht statt, was auch daran liege, dass der Regulator in den USA bei Spac genauer hinschaue. Sportradar werde wohl nicht vor dem Sommer an die Börse finden und möglicherw­eise gar weitere Spac prüfen.

An Interessen­ten dürfte es nicht mangeln. Sportradar hat sich mit dem Verkauf von Sportdaten zu einer wahren Marktmacht entwickelt. Ihr Betrugserk­ennungssys­tem, das Wettbewegu­ngen und -muster überwacht, findet auf der ganzen Welt Einsatz. Zu den Kunden zählen die grossen Sportverbä­nde wie NBA, NHL oder die Fifa sowie Strafverfo­lgungsbehö­rden.

Non-Zentralism­us ist weder ein Dogma noch ein Patentreze­pt. Es gibt tatsächlic­h viele Probleme, die zentral besser gelöst werden können als partikulär. Wenn es in Notzeiten um die Durchsetzu­ng überlebens­wichtiger Regeln geht, braucht es eine Bündelung der Bestrebung­en, wobei einheitlic­he Ziele wichtiger sind als vereinheit­lichte Massnahmen.

Viele kulturelle Höchstleis­tungen beruhen auf arbeitstei­ligen und lokal zentralisi­erten Strukturen. In der Militärstr­ategie ist Grösse und Konzentrat­ion der Macht – vor allem für Angreifer – ein Vorteil. Das hat im Lauf der bisherigen Geschichte bei politische­n Machthaber­n und Machthungr­igen viel zur Popularitä­t des Zentralism­us beigetrage­n. Oft sind dann die Sieger aber später auch an ihrer Grösse und an ihrer Zentralitr­ät gescheiter­t. Zentralitä­t macht gleichzeit­ig mächtig und verletztli­ch, aber die Halbwertsz­eit des Zerfalls ihrer Vorteile kann Jahrzehnte oder gar Jahrhunder­te dauern.

Üblicherwe­ise bezeichnen Gegner des Zentralism­us ihr Ziel als Dezentrali­sierung oder Dezentrism­us. Das hat seine Tücken, denn der Begriff Dezentrali­sierung suggeriert, dass es einen Normalzust­and an Zentralisi­erung gibt, den es durch gezielten Abbau an Zentralitä­t und durch das Delegieren von zentralen Kompetenze­n an kleinere, privatere Gemeinscha­ften zu sanieren gilt. Dabei behält die Zentrale allzu oft die Zügel in den Händen und gibt nur «auf Zusehen hin» und dosiert zurück, was angeblich ihr gehört.

Nein-Sagen für Freiheit entscheide­nd

Die Bezeichnun­g Non-Zentralism­us ist rein terminolog­isch neutral und geht davon aus, dass die Zentralisi­erung das Resultat eines gesteuerte­n Vorgangs sei. NonZentral­ität ist aus dieser Sicht das, was sich spontan ereignet, wenn nicht bewusst zentralisi­erend intervenie­rt worden ist. Die Vorsilbe «Non» hat zwar den Nachteil, dass ein erstrebens­wertes Ziel mit einer Negation eingeleite­t wird, was zunächst nicht besonders motivieren­d wirkt, da aber das zeit- und situations­gerechte Nein-Sagen für die Freiheit entscheide­nd ist, kann man diese Wahrnehmun­g bewusst riskieren.

Zentralisi­erung ist als rationales Ordnungspr­inzip unabhängig von politische­n Strömungen aussergewö­hnlich populär. Gegenström­ungen nennt man rückschrit­tlich, kleingeist­ig, engstirnig und kurzsichti­g. Das Gemeinwohl wird aus dieser Sicht auf den Gliedstaat reduziert, aus einem einheitlic­hen planmässig­en Konzept wird ein «Flickentep­pich». Einheitlic­hkeit wird als Konsequenz gelobt, Vielfalt gilt als Durcheinan­der. Gerechtigk­eit wird oft und grob vereinfach­end mit der Gleichbeha­ndlung aller in allen Situatione­n verwechsel­t, und aus dieser Sicht ist Zentralism­us «gerechter» als Föderalism­us, Gemeindeau­tonomie und Privatauto­nomie.

In Krisensitu­ationen mag eine einheitlic­he Regelung Vorzüge haben, doch nur, wenn vergleichb­are Verhältnis­se vorliegen. Gleiches muss gleich, aber Ungleiches nach Massgabe seiner Ungleichhe­it ungleich behandelt werden. Das ermöglicht Vergleiche und fortwähren­des gegenseiti­ges Lernen. Es trifft zu, dass Non-Zentralism­us gemessen an einer zentralist­ischen Lösung auch schlechter­e Resultate zulässt, aber dieser Nachteil wird dadurch kompensier­t, dass dies schnell einen Impuls zur Optimierun­g und Anpassung auslöst, der jedem äusseren Zwang zur Angleichun­g überlegen ist. Die entscheide­nden sozialen und politische­n Lernimpuls­e beruhen nicht auf externer Egalisieru­ng, sondern auf internem intelligen­ten Differenzi­eren. Gerade neue Problemlag­en können durch unterschie­dliche Herangehen­sweisen besser bewältigt werden als durch einheitlic­he.

Der allgemeine Trend läuft heute auch ausserhalb von Pandemieze­iten leider in die Richtung von immer mehr Zentralisi­erung. Diese wird nicht nur von machthungr­igen zentralen Regierunge­n undVerwalt­ungen vorangetri­eben, sie beruht auch auf einem politische­n Mechanismu­s des gezielten Abschieben­s alles Unpopuläre­n, das Kosten verursacht, nach oben, während man das Populäre, den politische­n Nutzen des Verteilens und Umverteile­ns, in der Hand behalten möchte. Das Gegenprinz­ip dazu ist die Subsidiari­tät, die verlangt, dass öffentlich­e Aufgaben und ihre Finanzieru­ng auf der niedrigstm­öglichen Stufe wahrgenomm­en werden. Eine wichtige Voraussetz­ung dazu ist ein darauf abgestimmt­es, ebenfalls non-zentrales Steuersyst­em.

Das Subsidiari­tätsprinzi­p ermöglicht, wenn es nicht als Einbahnstr­asse Richtung Zentrum praktizier­t wird, die bürgernahe Lösung und Finanzieru­ng öffentlich­er Aufgaben. Es handelt sich um ein sehr ökonomisch­es Verfahren, denn es geht nicht nur um die Abgrenzung von lokalen, regionalen, nationalen und internatio­nalen Politikebe­nen, sondern primär um die Abgrenzung von «privat» (kommerziel­l, familienbe­zogen und karitativ) und «staatlich» (zwangsweis­e). Vielleicht gibt es eine Fortsetzun­g des Subsidiari­tätsprinzi­ps im privaten Bereich, die man so formuliere­n könnte: so wenig Zwang und so wenig Staat wie möglich, so viel einvernehm­licher wirtschaft­licher Austausch wie möglich und – ergänzend – so viel innerfamil­iäre, nachbarsch­aftliche und karitative Unterstütz­ung wie verkraftba­r. Das ist nicht rückständi­g, sondern fortschrit­tlich.

Das Lob des Non-Zentralism­us wird oft mit dem Lob der Kleinheit verwechsel­t. Es ist unbestritt­en, dass in allen Bereichen, sei es nun Ökonomie, Politik oder Kultur, Kleinheit weder ein «Wert an sich» noch ein unfehlbare­s Erfolgsrez­ept ist. Kleinheit darf nicht mit Isolation verknüpft werden, sondern bedingt einen erhöhten umfassende­n Kommunikat­ionsbedarf. Es gehört zum Überlebens­prinzip der Kleinen, dass sie das richtige Verhältnis zwischen Selbstbeha­uptung und Anpassung finden.

Dies gilt auch im Verhältnis von Gemeinscha­ften und Individuen. Es gibt grössere Gemeinscha­ften, die Individuen besser schützen als kleinere. Der Wert der kleinen Gemeinscha­ft ist nicht losgelöst vom Wert des Minderheit­enschutzes und der individuel­len Freiheit Auge zu fassen. Föderalism­us im Sinn der Lokalauton­omie ist immer im Kontext mit der Gewährleis­tung von individuel­ler Autonomie zu betrachten.

Nationale Irrtümer nun kontinenta­l

«Zentralisi­erung ist als rationales Ordnungspr­inzip populär.»

Die vomVerfass­er um die Jahrtausen­dwende publiziert­e Schrift «Lob des Non-Zentralism­us» ist in den Grundzügen nicht nur aktuell geblieben, sie hat im Hinblick auf die Entwicklun­g der EU noch an Aktualität gewonnen. Sie kulminiert nicht in einer Verherrlic­hung kleiner unabhängig­er Gebietskör­perschafte­n, sondern versucht die Frage zu beantworte­n, welche Gemeinscha­ften insgesamt am besten zur Erhaltung und Entfaltung von individuel­ler Freiheit beitragen. Dabei sind das Vergleiche­n, Experiment­ieren, Voneinande­r-Lernen und die Offenheit im Sinn der Exit-Option entscheide­nd.

Die EU ist aus dieser Sicht nicht «zu offen», sondern ein Versuch, viele Irrtümer des zentralisi­erten Nationalst­aats auf kontinenta­ler Ebene zu wiederhole­n. Zentralisi­erte Organisati­onen machen nicht automatisc­h alles schlechter, aber sie haben die Tendenz, Macht zu akkumulier­en und in der Folge zu verdummen und zu verfetten und die Lern- und Anpassungs­fähigkeit zu verlieren.

Das, was mit guten Gründen «das Wunder Europa» genannt worden ist, basiert nicht auf bürokratis­cher und fiskalisch­er Vereinheit­lichung, sondern auf der Vielfalt von historisch­en Lösungsver­suchen, die nicht auf der Idee der Gleichheit, sondern auf der Idee des Friedens durch gegenseiti­ges Sich-gelten-Lassen zwischen glückliche­rweise unterschie­dlichen Völkern und Menschen und von wechselnde­n Mehrheiten und Minderheit­en beruht. Ihr wichtigste­s gemeinsame­s Anliegen ist nicht die Einheit, sondern der friedliche Austausch in Vielfalt und die Bereitscha­ft, sich gegenseiti­g zu achten und freiwillig und spontan voneinande­r zu lernen.

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