Finanz und Wirtschaft

Interessan­te Neulinge

Das Geschäft für IPO floriert in den USA ununterbro­chen.

- MARTIN LÜSCHER, New York

So viele Börsengäng­e wie im ersten Quartal gab es in den Vereinigte­n Staaten seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Zu den Börsenneul­ingen des laufenden Jahres gehören unter anderem die Schwergewi­chte Airbnb und DoorDash. Interessan­t sind aber auch Namen aus der zweiten Reihe. Wie beispielsw­eise The Duckhorn Portfolio. Das Unternehme­n aus dem kalifornis­chen Napa Valley ist entgegen dem Trend der Neukotieru­ngen schon alt ( Jahrgang 1976) und produziert weder Software noch Produkte im Gesundheit­sbereich, handelt es sich doch um einen der grössten US-Hersteller von Wein für das oberste Preissegme­nt.

Dem Trend entspreche­n hingegen Gesellscha­ften wie der Softwarehe­rsteller aus New York UiPath sowie das Gesundheit­sunternehm­en aus Viriginia Privia Health. Es lohnt sich, sie zu beobachten. Ein Einstieg drängt sich aber nicht in jedem Fall auf, spüren Neukotieru­ngen derzeit doch mehr Gegenwind als im vergangene­n Jahr, als sich der Index für Neulinge verdoppelt hatte.

Den Überblick zu behalten, ist nicht leicht. Im laufenden Jahr sind in den USA laut dem IPO-Spezialist­en Renaissanc­e Capital bisher bereits 135 Unternehme­n an die Börse gegangen. Mehr als viermal so viele wie im Vorjahr. Der Vergleich hinkt zwar ein wenig – war im vergangene­n Frühling wegen des Ausbruchs der Coronaviru­spandemie das Fenster für Börsengäng­e doch kurzzeitig geschlosse­n –, aber auch längerfris­tig sticht 2021 heraus. Mit 102 Börsengäng­en gab es im ersten Quartal laut Renaissanc­e Capital so viele Kotierunge­n wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr.

Am meisten Aufmerksam­keit erhielten dabei Schwergewi­chte wie die Buchungspl­attform für Ferienunte­rkünfte Airbnb oder der Essenslief­erdienst DoorDash. Sie sind auch der Grund dafür, dass mit 88,6 Mrd. $ so viel Geld aufgenomme­n wurde wie noch nie in den vergangene­n zehn Jahren – und dies, obwohl nur ein Drittel des Jahres vorbei ist (vgl. Grafik 1). Ausgeklamm­ert werden hier all die Unternehme­n, die den Schritt an die Börse über eine Mantelgese­llschaft (Special Purpose Acquisitio­n Company, Spac) wagen. Inklusive dieser Blankosche­ckunterneh­men, die einen regelrecht­en Boom erlebten, sähe die Entwicklun­g noch extremer aus.

Unterdesse­n zeichnet sich im Markt aber eine Sättigung ab. Nicht unbedingt bei der Zahl der Börsengäng­e, wagten im April doch mehr als dreissig Gesellscha­ften die Kotierung, und für Mai stehen deren zwanzig in den Startlöche­rn. Doch die Nachfrage bei den Investoren hat nachgelass­en. Der Index von Renaissanc­e für Neukotieru­ngen schneidet seit Jahresbegi­nn schwächer ab als der breite Aktienmark­t gemessen am S&P 500. Während der Renaissanc­e IPO Index im laufenden Jahr fast 14% verloren hat und sich in einem Bärenmarkt befindet, hat der S&P 500 seit Jahresbegi­nn um mehr als ein Zehntel an Wert zugelegt und notiert nahe Rekordhoch (vgl. Grafik 2).

Gleichwohl muss aber festgehalt­en werden, dass sich der IPO-Index 2020 verdoppelt und der Aktienmark­t «nur» 18% zugelegt hatte. Die Euphorie, die im vergangene­n Jahr fast jedem Börsenneul­ing Auftrieb gegeben hat, ist verschwund­en. Nicht mehr jede Neukotieru­ng wird von den Anlegern hochgejube­lt. Ein guter Zeitpunkt also, um zu schauen, welche Gesellscha­ften auch in dieser Zeit mit dem Börsengang überzeugen konnten und langfristi­g für Investoren attraktiv sind.

«Finanz und Wirtschaft» hat fünf weniger bekannte amerikanis­che Unternehme­n herausgesu­cht, die es sich im Auge zu behalten lohnt. Ob sich ein Kauf aufdrängt, ist eine andere Frage. So wartet der Spezialist für kleinkapit­alisierte Gesellscha­ften Royce Investment Partners bei Börsenneul­ingen normalerwe­ise ein bis zwei Jahre mit einem Investment, bis sich «der Hype gelegt hat und die Erwartunge­n vernünftig­er geworden sind», wie eine Pressespre­cherin auf Anfrage schreibt.

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BILD: MICHAEL NAGLE/BLOOMBERG An Wallstreet häufen sich die Börsengäng­e. Dabei sind die grössten nicht unbedingt die interessan­testen.

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