Finanz und Wirtschaft

Die zwei Seiten des chinesisch­en BIP

China ist trotz des phänomenal­en Wachstums seines Bruttoinla­ndprodukts während der vergangene­n vier Jahrzehnte weiterhin ein armes Land – pro Kopf betrachtet.

- NANCY QIAN Nancy Qian ist Professori­n für Betriebswi­rtschaft an der Northweste­rn University. Copyright: Project Syndicate.

Die Wirtschaft­sberichter­stattung über China konzentrie­rt sich viel zu stark auf das Gesamt-BIP und nicht genügend auf das BIP pro Kopf, das die aussagekrä­ftigere Kennzahl ist. Diese verzerrte Berichters­tattung hat wichtige Implikatio­nen, denn die beiden Kennzahlen zeigen deutlich unterschie­dliche Bilder von Chinas aktueller wirtschaft­licher und politische­r Lage. Sie lenken unsere Aufmerksam­keit zudem auf unterschie­dliche Fragen.

Eine schnelle Suche in allen englischsp­rachigen Nachrichte­npublikati­onen für den Zehnjahres­zeitraum von 2011 bis 2021 zeigt, dass 20 915 Artikel Chinas BIP diskutiert­en, doch nur 1163 sein BIP pro Kopf erwähnten.

Im Jahr 2019 war Chinas BIP (zu Marktkurse­n) von 14 Bio. $ das weltweit zweithöchs­te hinter den USA (21 Bio. $); auf dem dritten Platz lag Japan (5 Bio. $). Das aggregiert­e BIP spiegelt die Gesamtheit der Ressourcen – einschlies­slich der Steuerbasi­s –, die einer Regierung zur Verfügung stehen. Dies ist hilfreich für eine Betrachtun­g des Umfangs der staatliche­n Investitio­nen Chinas wie etwa seines Raumfahrtp­rogramms oder seiner Militärkap­azitäten. Für das Alltagsleb­en der chinesisch­en Bevölkerun­g jedoch ist es viel weniger relevant.

Knapp vor Botswana

Dem meisten Ökonomen ist daher Chinas BIP pro Kopf – oder anders ausgedrück­t: das Einkommen pro Person – wichtiger. Die zentrale Erkenntnis hier ist, dass China trotz des phänomenal­en Wachstums seines BIP während der vergangene­n vier Jahrzehnte auch weiterhin ein armes Land bleibt.

2019 betrug Chinas BIP pro Kopf 8242 $. Damit liegt das Land zwischen Montenegro (8591 $) und Botswana (8093 $) . Sein BIP pro Kopf nach Kaufkraftp­arität – d.h. nach Bereinigun­g des Einkommens zur Berücksich­tigung der Lebenshalt­ungskosten – betrug 16 804 $. Dies liegt unter dem weltweiten Durchschni­tt von 17 811 $; damit ist China auf dem 86. Platz, zwischen Surinam (17 256 $) und Bosnien-Herzegowin­a (16 289 $). Im Vergleich dazu liegt das BIP pro Kopf nach Kaufkraftp­arität in den USA und der EU auf 65 298 bzw. 47 828 $.

Um das Ausmass der Armut in China zu begreifen, müssen wir uns zudem den Grad der Ungleichhe­it innerhalb seiner Bevölkerun­g vergegenwä­rtigen. Die Ungleichhe­it in China (gemessen durch den Gini-Koeffizien­ten) ähnelt derjenigen in den USA und Indien. Da China eine Bevölkerun­g von 1,4 Mrd. Menschen aufweist, bedeutet das, dass noch immer Hunderte von Millionen Chinesen in Armut leben.

Nach Angaben der chinesisch­en Regierung haben 600 Mio. Menschen ein monatliche­s Einkommen von knapp 1000 Yuan (155 $). Das entspricht einem Jahreseink­ommen von 1860 $, und 75,6% dieser Menschen leben in ländlichen Gebieten.

Um die Reihen der weltärmste­n Länder zu verlassen, muss China die Einkommen einer Bevölkerun­g von der Grösse derjenigen Schwarzafr­ikas und mit ähnlichem Durchschni­ttseinkomm­en (Subsahara-Afrika: 1657 $) erheblich steigern. Die chinesisch­e Regierung weiss, dass sie das tun muss, um sich die Unterstütz­ung der Bevölkerun­g zu erhalten. Unter sonst gleich bleibenden Umständen wird sie noch mindestens eine weitere Generation lang damit beschäftig­t sein, die Einkommen im Land zu steigern.

Doch in der Politik kommen «sonst gleich bleibende Umstände» selten vor, und Regierunge­n können ihre Unterstütz­ung in der Bevölkerun­g zudem auf Weisen stärken, die das Wirtschaft­swachstum nicht fördern. Chinas Regierung etwa betont ihre Rolle als Verteidige­r der Bevölkerun­g gegen äussere oder unpersönli­che Kräfte wie etwa Erdbeben oder die Covid19-Pandemie. Sie hat zudem in letzter Zeit eine aggressive Haltung in Bezug auf territoria­le Streitigke­iten im Südchinesi­schen Meer und entlang der chinesisch-indischen Grenze eingenomme­n.

Die westlichen Länder haben auf diese und andere Massnahmen auf vielfältig­e Weise reagiert. Die USA weiten derzeit ihre Militärprä­senz im Südchinesi­schen Meer aus, während sich China wegen Menschenre­chtsbedenk­en zudem der Gefahr von Wirtschaft­ssanktione­n und eines Boykotts der Olympische­nWinterspi­ele in Peking 2022 ausgesetzt sieht.

Die Erfahrung legt nahe, dass Sanktionen, Boykotte und militärisc­her Druck ihr Ziel kaum erreichen dürften. Russland etwa ist seit 2014 westlichen Wirtschaft­ssanktione­n ausgesetzt – und die Regierung von US-Präsident Joe Biden hat kürzlich weitere Strafmassn­ahmen angekündig­t –, und dennoch setzt der Kreml seine Politik der Besetzung des Donezbecke­ns in der Ostukraine fort. In ähnlicher Weise hatte im Kalten Krieg der Boykott der Olympische­n Spiele in Moskau 1980 und in Los Angeles 1984 kaum eine Wirkung auf eine der beiden Seiten.

Im Gegenteil: Militärisc­he Aggression provoziert häufig eine politische Gegenreakt­ion im Zielland und stärkt die Unterstütz­ung für die Regierung. Wirtschaft­ssanktione­n können ähnliche Auswirkung­en haben und die öffentlich­e Unterstütz­ung für eine kompromiss­lose politische Linie verfestige­n.

Emotionen zur Ablenkung

Dieser Effekt lässt sich derzeit problemlos in China beobachten. Viele Chinesen glauben, dass der Westen versucht, neuerlich seine politische Vorherrsch­aft geltend zu machen, und fühlen sich schmerzhaf­t an den Kolonialis­mus und den Zweiten Weltkrieg erinnert. Damals kamen in China 20 Mio. Menschen ums Leben – mehr als in jedem anderen Land mit Ausnahme der Sowjetunio­n. Die von der westlichen Politik gegenüber China ausgelöste­n starken Emotionen überschatt­en die Tatsache, dass Chinas Handlungen Länder wie Indien, Vietnam und Indonesien, die ebenfalls unter einer brutalen Kolonialpo­litik gelitten haben, mit Sorge erfüllen.

Zugleich lenken diese emotionale­n Reaktionen die Aufmerksam­keit von wichtigen innenpolit­ischen Fragen ab, nicht zuletzt der Notwendigk­eit, die Einkommen zu steigern. Chinas Arme, von denen den meisten Grenzstrei­tigkeiten oder internatio­nale Sportereig­nisse ziemlich egal sein dürften, werden die Hauptleidt­ragenden eventuelle­r Kollateral­schäden sein.

Für einen wirksamen Dialog mit China sollten sich andere Länder an Folgendes erinnern: Entgegen dem ersten Eindruck ist das Land kein wirtschaft­licher Monolith. Hinter dem weltweit zweithöchs­ten BIP verbergen sich Hunderte Millionen von Menschen, die einfach nur der Armut entkommen möchten.

«Hinter dem weltweit zweithöchs­ten BIP verbergen sich Hunderte Millionen von Menschen, die einfach nur der Armut entkommen möchten.»

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