Finanz und Wirtschaft

Coronaimpf­stoff braucht Schutz

Bidens Angriff aufs Patentrech­t ist gefährlich.

- RUPEN BOYADJIAN

Die US-Regierung hat sich dem Ruf von mehr als hundert Ländern angeschlos­sen, die Patente auf Coronaimpf­stoffe temporär auszusetze­n. Sie vollzieht damit eine radikale Kehrtwende, treten die USA doch seit Jahrzehnte­n als der grösste Hüter geistigen Eigentums auf. Angesichts steigender Infektions­zahlen in vielen Entwicklun­gsländern scheint der Ruf nach der Aufhebung der Patentrech­te folgericht­ig. Die Argumentat­ion lautet: Je mehr Produzente­n Impfstoffe herstellen, desto mehr Menschen können geimpft werden. Das ist dringend nötig.

Nur, die Aufhebung des Patentschu­tzes dürfte der falsche Weg sein. Mindestens drei gewichtige Gründe sprechen dagegen. Erstens sind geeignete freie Kapazitäte­n bereits weitgehend, wenn nicht vollständi­g gebucht, und der Ausbau der Kapazitäte­n läuft auf Hochtouren. Es bestehen schon jetzt Engpässe bei Rohmateria­lien und Personal.

Zweitens käme der Ausbau wohl zu spät. Beobachter rechnen mit einem baldigen Überangebo­t und einbrechen­den Preisen im Impfstoffm­arkt. Das zusätzlich­e Angebot käme wohl genau auf dem sich jetzt abzeichnen­den Höhepunkt und würde die Entwicklun­g verschärfe­n. Dazu kommt, dass die Herstellun­g von mRNAImpfst­offen mindestens doppelt so teuer ist wie etablierte­re Verfahren, die etwa AstraZenec­a, das russsiche SputnikV oder chinesisch­e Hersteller einsetzen. Aufgrund der hohen technologi­schen, praktische­n und preisliche­n Hürden dürfte die Aufhebung des Patentschu­tzes entgegen den nun geäusserte­n Hoffnungen auf mRNA-Impfstoffe für arme Länder v. a. zu Kopien von AstraZenec­a sowie russischen und chinesisch­en Impfstoffe­n führen.

Drittens spricht das Schadenpot­enzial gegen die Abkehr vom Schutz des geistigen Eigentums. Der Schritt verunsiche­rt Investoren und Pharmakonz­erne. Sollen sie jahrelang hohe Beträge in die Entwicklun­g von Vakzinen stecken, wenn sie damit rechnen müssen, dass ihnen die Früchte der Arbeit im Ernstfall entrissen werden? Das US-Patentange­bot betrifft die Impfstoffe. Der ursprüngli­che Vorstoss Indiens und Südafrikas vor der Welthandel­sorganisat­ion umfasst auch Medikament­e und Coronatest­s. Es ist absehbar, dass deren Patentfrei­gabe nun erst recht vehement gefordert wird.

Die Entwicklun­g wird nicht bei Corona haltmachen. Die linke US-Abgeordnet­e Alexandria Ocasio-Cortez hat bereits gefordert, als Nächstes die Herstellun­g von Insulin freizugebe­n. Zehntausen­de Menschen sterben jährlich an Krebs und an seltenen genetische­n Krankheite­n. Müsste man nicht auch die Patente für diese Medikament­e für nichtig erklären? Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Eine zweite Gefahr besteht in Qualitätse­inbussen, wenn nicht ausreichen­d qualifizie­rte Anbieter die Produkte von Moderna und BioNTech herzustell­en versuchen. Kommt es zu schweren Nebenwirku­ngen oder Todesfälle­n, wird das gravierend­e Auswirkung­en auf die Impfbereit­schaft haben – eine Bestätigun­g für Impfgegner. Insgesamt wäre Entwicklun­gsländern eher geholfen, wenn reiche Länder ihre gehorteten Impfdosen spendeten.

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