Finanz und Wirtschaft

Big Pharma: Einige Aktien grosser Pharmaunte­rnehmen sind durchaus eine Kaufüberle­gung wert

Die meisten Aktien von Pharmakonz­ernen schlagen sich mehr schlecht als recht. In der Pandemie haben bisher aber nicht alle gleich gelitten.

- RUPEN BOYADJIAN

Die Mehrheit der Aktien grosser Pharmaunte­rnehmen war bisher in der Pandemie wenig gefragt. Das liegt daran, dass die Innovation­en in Impfstoffe­n und Medikament­en von kleinen Biotech-Gesellscha­ften kamen. Anderersei­ts musste sich das Gesundheit­swesen über weite Strecken auf die Behandlung von Coronapati­enten fokussiere­n und anderes zurückstel­len.

Pharmakonz­erne wie GlaxoSmith­Kline (GSK) und Novartis, aber auch BristolMye­rs Squibb (BMS) und Merck & Co. aus den USA sowie Takeda aus Japan, die kaum eigene Produkte zum Kampf gegen die Coronapand­emie beisteuern, trifft es besonders. GSK hat ausserdem einen grossen Bereich Consumer Healthcare und Novartis mit Sandoz eine Generikasp­arte, die ebenfalls in der Behandlung von «Volkskrank­heiten» wie Erkältunge­n aktiv ist. Die genannten Unternehme­n gehörten zusammen mit Roche im ersten Quartal zu den schlechtes­ten, was die Umsatz- und Gewinndyna­mik anbelangt (vgl. Tabelle). Ihre Aktien stehen 2021 mit Ausnahme von BMS im Minus.

Auch die Grosswette­rlage hat sich eingetrübt. Seit die US-Demokraten den Senat kontrollie­ren, nimmt die Furcht vor pharmafein­dlichen Vorstössen zu. Jüngst hat sich Präsident Joe Biden für die Aussetzung des Patentschu­tzes ausgesproc­hen (vgl. Textkasten).

Patentsorg­en vs. Pipeline

Seit Jahren gehört das Auslaufen von Patenten zu den grössten Bremsen für Pharmakonz­erne. Umsatzstar­ke Medikament­e von BMS, Roche und AbbVie verlieren den Schutz. Investoren befürchten, die Gesellscha­ften könnten sie nicht mit neuen Produkten kompensier­en. AbbVie ist es bisher am besten gelungen, die Zweifel zu zerstreuen, doch ihr Entzündung­shemmer Humira muss 2023 gegen Generikako­nkurrenz antreten. Es ist weltweit mit 20 Mrd. $ das umsatzstär­kste Medikament. Trotzdem empfiehlt von 25 Analysten keiner die Valoren zum Verkauf, 19 haben ein «Buy»-Rating.

Denn AbbVie hat noch einen Megablockb­uster im Portefeuil­le, zwei neu lancierte Medikament­e sowie weitere in der Pipeline, die als vielverspr­echend eingestuft werden. Die Aktien weisen seit Anfang 2020 und in diesem Jahr hinter Eli Lilly die beste Performanc­e der hier berücksich­tigten Unternehme­n auf. Wegen des drohenden Humira-Verlusts sind sie mit einem geschätzte­n Kurs-Gewinn-Verhältnis von nur 9 für kommendes Jahr neben BMS am tiefsten bewertet. Einen Einstieg hält FuW dennoch für riskant. Es könnte sich aber lohnen, die Papiere auf dem Radar zu behalten.

Wie AbbVie mit Allergan hat auch BMS eine Grossübern­ahme zu verdauen, die von Celgene. Ihr Kurs wird ausserdem vom serbelnden Erfolg ihrer Krebsimmun­therapie Opdivo überschatt­et. Immer mehr Ärzte setzen auf Keytruda von Merck & Co. Sein Umsatz hat vergangene­s Jahr 14,4 Mrd. $ erreicht. Doch das Unternehme­n hängt für viele Investoren zu sehr an diesem einen Produkt, das in den vergangene­n Monaten auch einige Rückschläg­e einstecken musste. Zudem sind Mercks Coronaimpf­stoffe und ein Coronamedi­kament gescheiter­t, was den Aktien ebenfalls zugesetzt haben dürfte. Das übrige Impfstoffg­eschäft hat wie das von GSK und Sanofi in der Pandemie gelitten.

Der beste Performer der vergangene­n Monate, Eli Lilly, profitiert von mehreren positiven Entwicklun­gen. Das Unternehme­n, das gross im Geschäft mit Diabetes-Medikament­en ist, hat kaum Patentsorg­en und weist unter anderem auch deshalb ansprechen­de Wachstumsz­ahlen aus. Die Titel wurden zudem angetriebe­n durch ein mögliches Alzheimer-Medikament und Antikörper, die Coronapati­enten im frühen Stadium helfen. Am 7. Juni sollte die US-Gesundheit­sbehörde ihren Entscheid zum Alzheimer-Mittel von Biogen bekannt geben. Wird es zugelassen, dürften auch Lilly einen Schub erfahren, andernfall­s einen Rücksetzer.

AstraZenec­a und Pfizer

Sie sind wie die Papiere von AstraZenec­a und Novo Nordisk mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 20 hoch bewertet. AstraZenec­a war zwar in letzter Zeit vor allem wegen ihres Coronaimpf­stoffs in den Schlagzeil­en. Doch getrieben wird das Wachstum durch mehrere Krebsmedik­amente. AstraZenec­a sollte im Urteil der Analysten am schnellste­n in die hohe Bewertung hineinwach­sen. Der Kurs tritt seit Anfang 2020 insgesamt auf der Stelle, der Einstieg könnte sich lohnen.

Novo Nordisk ist auf Diabetes fokussiert, wächst stark, weist aber eine vergleichs­weise dünne Pipeline auf. Aufgebläht von denVerkäuf­en des mit BioNTech entwickelt­en Coronaimpf­stoffs weisen auch Pfizer ein hohes Wachstum auf. Es scheint, als würde das vom Markt weitgehend ausgeblend­et. Sollten die Impfstoffv­erkäufe sich aber länger als Milliarden­geschäft erweisen, wären die Aktien ein Kauf. Sie sind nicht teuer und bieten eine attraktive Dividende. Der Konzern hat sich ausserdem von seinem Geschäft mit Generika und etablierte­n Medikament­en getrennt. Die Margen sollten also steigen. Allerdings werden in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts auch Pfizer auslaufend­e Patente zu schaffen machen.

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AstraZenec­as Impfstoff treibt Impfkampag­nen in Entwicklun­gsländern an, hier auf Bali.

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