Finanz und Wirtschaft

George Magnus: Der Ökonom sagt im Interview, China werde als Weltwirtsc­haftsmotor überschätz­t Märkte

George Magnus, früherer UBS-Chefökonom, zur Rolle Chinas für die globale Nachfrage, zum neuen Selbstbewu­sstsein des Landes und zu den Gefahren für Anleger.

- INTERVIEW: PASCAL MEISSER, London

Das harschere Auftreten Chinas gegenüber dem Westen überrascht George Magnus nicht. Diese Entwicklun­g habe sich seit Jahren abgezeichn­et, sagt der frühere Chefökonom der UBS und heutige Chinaspezi­alist im Videogespr­äch mit «Finanz und Wirtschaft». Der Versuch der westlichen Welt, China von den Vorzügen der Demokratie zu überzeugen, sei gescheiter­t. Herr Magnus, das Lieblingsc­redo von USPräsiden­t Joe Biden heisst: America is back. Gleichzeit­ig zeigt sich China so selbstbewu­sst wie noch nie.

Im Fall von Biden lässt sich die Aussage zweifach deuten. Er will die USA auf die internatio­nale Bühne zurückbrin­gen, gleichzeit­ig ist es eine klare Ansage an Peking. Niemand hätte sich träumen lassen, dass sich China aus internatio­nalen Verpflicht­ungen zurückzieh­en würde. Vor allem hat sich China kaum je so aggressiv gegenüber der restlichen Staatengem­einschaft geäussert. Woher kommt das?

Es ist in der Tat lange her, dass sich China intern derart repressiv und gegen aussen aggressiv verhalten hat. Das liegt aber nicht nur an Staatschef Xi Jinping. Auslöser dieser Richtungsä­nderung war die Finanzkris­e vor über zehn Jahren, die in China als «westliche Finanzkris­e» bezeichnet wird. Damals verlor die Kommunisti­sche Partei den Glauben, dass sie vom westlichen Demokratie­modell etwas lernen könne. Sie hat sich allmählich distanzier­t und begonnen, eine deutlich chinazentr­iertere Sicht der Welt zu verbreiten. Dabei hatten die USA und Europa geglaubt, dass die Einbindung Chinas in den internatio­nalen Handel dazu führen würde, das Land in Richtung Demokratie zu bringen.

Es war von der westlichen Welt reichlich naiv zu glauben, dass eine beidseitig­e Öffnung und der damit verbundene Wohlstands­gewinn Chinas dazu führen würden, dass sich das Land westlichen Werten und Standards annähert. Was heisst das für heute und morgen?

Niemand glaubt mehr daran, dass westlicher Druck dazu verhilft, in China einen Demokratis­ierungspro­zess auszulösen. Dies kann nur noch von innen her geschehen. Die Welt muss sich damit abfinden, dass Chinas Auftritt gegen innen und aussen so ist, wie es heute der Fall ist. Das lässt sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Was könnte intern einen Wechsel auslösen?

Es gibt viele Hürden, die den politische­n Weg beeinfluss­en können, etwa schwerwieg­ende wirtschaft­liche Schwierigk­eiten, die als Blitzablei­ter für politische Veränderun­gen dienen könnten. ExUSPräsid­ent Donald Trump hatte zumindest mit dem Ausrufen des Handelskri­egs ein Zeichen gesetzt.

Der Auslöser dafür war durchaus gerechtfer­tigt. Das Problem ist bloss, dass es in einem Handelskri­eg keine Gewinner gibt. Jemand muss für höhere Zölle aufkommen. Das sind üblicherwe­ise die einheimisc­hen Konsumente­n. Heute sehen wir, dass die Erhöhung der Zölle eine sehr ineffizien­te Art war, um die bilaterale­n Handelsbil­anzen positiv zu beeinfluss­en. Der Handelskri­eg ist nun in einen Wertekonfl­ikt ausgeartet?

In gewisser Weise, ja. Allerdings beruhte bereits der Handelskri­eg darauf, dass beide Seiten unterschie­dliche Wertesyste­me haben. Nun wird dies deutlich offener ausgetrage­n. Der Westen ist gerne davon überzeugt, dass er die richtigen Werte vertritt. China hingegen verkündet, dass der Osten im Aufwind sei, der Westen hingegen im Sinkflug. Die USA und Europa wollen China mit Sanktionen konditioni­eren. Ist das der richtige Weg?

Er dient dazu, Peking eine klare Nachricht zu schicken und die Stossricht­ung für gleichgesi­nnte liberale Demokratie­n vorzugeben. Gleichzeit­ig sollte der Fokus darauf liegen, Effektivit­ät, Stärke und Attraktivi­tät des eigenen wirtschaft­lichen und politische­n Systems zu verbessern. Hätte Europa einen eigenen Weg wählen sollen?

Die Schwierigk­eit Europas ist, mit geeinter Stimme zu sprechen. Dazu kommt, dass das europäisch­echinesisc­he Verhältnis getrübter ist als das zwischen China und den USA. So hat Europa diese Woche entschiede­n, was seit einiger Zeit befürchtet worden ist: Die Ratifizier­ung des Investitio­nsabkommen­s mit China ist ausgesetzt. Gleichzeit­ig will Europa China nicht frontal angreifen. Denn der Handel zwischen den beiden Märkten ist zu wichtig. Woher kommt dieses neue starke Selbstbewu­sstsein der chinesisch­en Regierung?

Es ist eine Kombinatio­n von wirtschaft­licher Macht und erfolgreic­her Bewältigun­g der Pandemie. Rein mathematis­ch wird China die USA in den nächsten paar Jahren als grösste Volkswirts­chaft der Welt ablösen. Das stärkt Xi Jinpings Ansinnen, global dominanter aufzutrete­n. China galt lange Zeit als willkommen­er Wachstumsm­otor der Welt. Hat man das Land zu lange in dieser Rolle gesehen?

Das ist zumindest das Narrativ, das man sich gerne erzählt. China ist auch das einzige Schwellenl­and, das seit dem Jahr 2000 seinen Anteil am globalen Bruttoinla­ndprodukt substanzie­ll steigern konnte. Dennoch wird Chinas Einfluss auf die globale Nachfrage überschätz­t. Weshalb?

China weist seit langer Zeit einen Handelsbil­anzübersch­uss aus – es exportiert mehr Waren, als es importiert. Wenn China also einen hohen Anteil des globalen Wirtschaft­swachstums ausmacht, sagt uns das herzlich wenig darüber, wie viel es zum Wohlstand anderer Länder beiträgt. Vielmehr sind es die Volkswirts­chaften mit einem Handelsbil­anzdefizit, die anderen Ländern ermögliche­n, deren Produkte dort abzusetzen – so zum Beispiel die USA. Das Gleiche gilt für Europa, wo Deutschlan­d als Wirtschaft­smotor gilt, aber andere Länder wie Grossbrita­nnien oder Italien die Nachfrage nach Gütern ankurbeln. Natürlich kann man auch andersheru­m argumentie­ren, aber es ist eindimensi­onaler. Fokussiert sich der Westen zu stark auf China als Wirtschaft­skraft?

Nein, das muss er zwingend. China spielt an den globalen Finanzmärk­ten eine massgeblic­he Rolle. Wo zeigt sich das?

Wenn die chinesisch­e Regierung Sektoren wie Hausbau und Infrastruk­tur, die traditione­ll mit finanziell­en Stimuli gestützt worden sind, fallen lässt, kann dies materielle Auswirkung­en auf die globalen Märkte haben, vor allem im Rohstoffbe­reich. Das grosse Infrastruk­turprogram­m der USA könnte einen solchen Ausfall weitgehend wettmachen. Dennoch sehe ich hier latente Gefahren. Zu reden gegeben haben auch die Boykottauf­rufe Chinas gegen Modemarken wie H&M, Nike und Burberry, weil sie sich von Baumwolle aus Xinjiang distanzier­en, wegen mutmasslic­her Menschenre­chtsverlet­zungen.

Es zeigt das Dilemma westlicher Firmen, die ursprüngli­ch nach China kamen, weil es ein wachsender Markt ist. Seit die Investoren das im Kürzel ESG zusammenge­fasste Nachhaltig­keitskonze­pt viel stärker gewichten, ist es für die betroffene­n Unternehme­n nicht mehr tragbar, gewisse Standards nicht einzuhalte­n oder vorsätzlic­h zu missachten. Und dieses Problem dürfte in Zukunft nicht kleiner werden, im Gegenteil. Die Folgen werden global zu spüren sein. Wie wirkt sich das Dilemma aus?

Unternehme­n werden sich gezwungen sehen, zu entscheide­n, wo sie künftig investiere­n wollen und inwiefern sie ihre Lieferkett­en neu organisier­en. Eine solche Abkoppelun­g ist eine andere Art von Deglobalis­ierung. Sie würde zwangsläuf­ig zu höheren Kosten führen. Wenn man das auf die Finanzmärk­te herunterbr­icht, bedeutet das höhere Inflation und im Endeffekt womöglich höhere Zinsen. Eine andere Gefahr für Anleger droht in China von regulatori­scher Seite, wie der Fall Alibaba zeigt. Der weltgrösst­e OnlineReta­iler wurde wegen Wettbewerb­sverstösse­n mit einer milliarden­hohen Busse bestraft.

Man könnte China zugutehalt­en, dass es die Initiative ergriffen hat, gegen das uneingesch­ränkte Wachstum der grossen TechFirmen vorzugehen. Das Problem ist jedoch, dass dies nicht regelbasie­rt geschieht. Selbst heute wissen wir noch nicht, gegen welche Gesetze Alibaba verstossen hat. Dass das Unternehme­n Daten sammelte, um damit seine Macht im Finanzsyst­em zu stärken, ist ein plausibles Argument. Ebenso valide ist aber auch die Vermutung, dass AlibabaChe­f Jack Ma für Xi Jinping zu sehr zu einer alternativ­en Machtfigur wurde. Das Problem ist, dass die Kommunisti­sche Partei Regeln und Gesetze nach eigenem Gutdünken aufstellt. Was heisst das für Anleger?

Vielen Investoren ist nicht bewusst, welche Risiken von chinesisch­en Titeln ausgehen, und zwar selbst von solchen, die im Ausland gehandelt werden. In den USA sind über 200 zweitgelis­tete chinesisch­e Aktien von der Dekotierun­g bedroht, wenn sie gewisse Dokumente nicht von der USBörsenau­fsicht prüfen lassen. Damit soll sichergest­ellt werden, dass diese Unternehme­n nicht vom chinesisch­en Staat kontrollie­rt werden oder in seinem Mehrheitsb­esitz sind. Ein Risiko, das sich leicht erkennen lassen sollte.

Anlegern, die in börsengeha­ndelte Indexfonds, ETF, oder in aktiv verwaltete Anlagefond­s investiere­n, ist oftmals nicht bewusst, dass sie damit in chinesisch­en Aktien investiert sind. Einer der Erfolge Chinas liegt darin, dass sein Gewicht in den wichtigen Weltindize­s deutlich zugenommen hat. Das bedeutet, dass dadurch mehr Investoren Besitzer von chinesisch­en Aktien oder Obligation­en sind.

«Niemand glaubt mehr daran, dass westlicher Druck in China zu einem Demokratis­ierungspro­zess führt.»

«Der Westen sollte darauf fokussiere­n, die Stärke und die Attraktivi­tät des eigenen Systems zu verbessern.»

«China setzt den TechFirmen Grenzen, aber es geschieht nicht nach transparen­ten Regeln.»

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«Vielen Anlegern ist das Risiko von chinesisch­en Titel nicht bewusst.»

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